Sportlerin im Interview

Heike Drechsler benennt ihre EM-Favoriten

Heike Drechsler

Heike Drechsler

Bonn. Am 6. August beginnt die Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin. Die erfolgreichste Sportlerin, die auf der blauen Kunststoffanlage des Olympiastadions zu sehen sein wird: Heike Drechsler, zweimalige Weitsprung-Olympiasiegerin, in der Rolle als Kampfrichterin.

Frau Drechsler, es sind noch wenige Tage bis zur EM vor Ihrer Haustür. Haben Sie Lampenfieber?

Heike Drechsler: Ein wenig Herzklopfen schon, wenn ich daran denke. Vor allem freue ich mich darauf, eine große Meisterschaft aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Mal wieder ganz nah am Puls der Athleten zu sein.

Was wird Ihre Aufgabe sein?

Drechsler:  Eine vergleichsweise einfache: Den Sand glattzuziehen. Aber auch das ist körperlich anstrengend, wenn man es stundenlang macht.

Sie könnten während dieser Zeit auch im VIP-Bereich sitzen – einfach genießen und entspannen …

Drechsler: Ja. Aber es ist schön, etwas an der Basis zu tun. Ich möchte dabeisein, ich möchte helfen, ich möchte ein wenig etwas zurückgeben.  Und ich will die Sportart fühlen.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Drechsler:  Weil ich seit Anfang 2017 in Berlin wohne, hatte ich dem Deutschen Leichtathletik-Verband signalisiert, gerne zum Gelingen der EM beitragen zu wollen. Im Gedankenaustausch mit EM-Organisationschef Frank Kowalski rutschte mir spontan der Satz raus: Setzt mich doch als Kampfrichter ein.

Und das war so einfach möglich?

Drechsler:   Auch wenn ich mir zunächst keine tiefgründigen Gedanken gemacht hatte,  war mir klar, dass ohne  eine gründliche Vorbereitung nichts geht.

Was bedeutete das?

Drechsler: Den Kampfrichterschein zu machen - zwei Wochenenden Ausbildung  plus Praxis. 2017 in Ulm bei der Senioren-DM habe ich acht Stunden in der Sommerhitze an der Grube gestanden und  Sand geharkt – das war schon extrem.

Wie haben die Kampfrichter auf Ihre prominente Kollegin reagiert?

Drechsler: Es war klar, dass ich  nicht von allen mit offenen Armen empfangen werden würde. Einige dachten, das sei bloß ein PR-Gag. Deshalb gab es auch vereinzelt kritische Stimmen. Und Konkurrenzdenken gibt es unter Kampfrichtern auch.

Wie haben Sie die EM-Nominierung geschafft?

Drechsler:  Ich wusste, es geht nur über die Ausbildung. Also habe ich die erforderlichen Schulungen gemacht.  Inzwischen hatte ich meine Einsätze und es ist akzeptiert. Weil die Kollegen gesehen haben, dass ich arbeiten kann. Dass ich nicht einfach daherkomme  und sage: Ich möchte aber die rote und die weiße Fahne schwenken – das ist Aufgabe des sogenannten Obmanns. In der Hierarchie bin ich unten angesiedelt. Ich hätte auch kein Problem damit, für Robert Harting den Diskusring trocken zu wischen, wenn es regnet. Ich bin mir für nichts zu schade.

Stehen Sie nur für den Frauen-Weitsprung auf dem EM-Dienstplan?

Drechsler: Nein, wir sind ein Team, das für alle horizontalen Sprünge vorgesehen ist, also auch für den Dreisprung und die Mehrkämpfe, bei Frauen und bei Männern – das bedeutet eine volle Arbeitswoche lang harken, harken und nochmal harken.

Das gute, alte Maßband hat  ausgedient?

Drechsler: Keineswegs. Das ist immer noch dabei.

Warum?

Drechsler: Normalerweise braucht man es nicht. Aber sollte ein Rekord gesprungen werden und die Technik einmal versagen, dann ist man immer auf der sicheren Seite, wenn nachgemessen werden kann.

Die WM 2009 im Olympiastadion war geprägt von einer großartigen Stimmung – erwarten Sie nun Ähnliches bei der EM?

Drechsler: Ich hoffe und wünsche es allen Athleten. Die Medaillenausbeute der deutschen Sportler wird zwangsläufig höher sein, auch wenn die Konkurrenz in einigen Disziplinen in Europa extrem stark ist. Wichtig ist, dass an den ersten Tagen über die Leistungen so richtig Rummel entsteht, damit das Stadion am Wochenende ausverkauft ist.

Der Kartenvorverkauf läuft gut – insgesamt wurden bereits mehr als 250.000 Tickets abgesetzt.

Drechsler: Na also. Das zeigt doch, dass die Leichtathletik nach wie vor geliebt wird. Sie ist nicht tot, auch wenn sie von den Medien weniger wahrgenommen wird als früher.

Was macht die Leichtathletik-EM attraktiv? Sie wird ja fast komplett von den öffentlich-rechtlichen Sendern übertragen.

Drechsler: Dass es spannende Duelle gibt. Und die Leute werden sehen, dass wir in Deutschland gute Athleten und starke Typen haben. 

Welche Glanzlichter erwarten Sie?

Drechsler: Der Speerwurf mit Olympiasieger Thomas Röhler, Weltmeister Johannes Vetter und Andreas Hofmann, die in der  Jahresweltbestliste die ersten drei Plätze belegen, zählt aus deutscher Sicht dazu. Starke Frauen haben wir im Sprint: Gina Lückenkemper und die Staffel zählen zu den Titelaspiranten, dann Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz und Hindernisläuferin Gesa Krause – das werden tolle Rennen.

Und worauf freuen Sie sich am meisten?

Drechsler: Ist doch klar: Auf den Weitsprung der Frauen mit Malaiko Mihambo. Sie ist aktuell die beste Deutsche, hat großes Entwicklungspotenzial, ist  ein Fighter, ein echter Wettkampftyp – wenn sie mit  Selbstbewusstsein an die Sache rangeht, wird sie eine Medaille machen.

Mit 6,99 Meter steht Mihambo 2018 an Position zwei der Weltrangliste. Erinnert Sie diese Weite an etwas?

Drechlser: Klar. Meine Siegweite von Sydney.

Damals lag Ihr WM-Sieg von Helsinki bereits 17 Jahre zurück. Wie war Ihr zweiter Olympiasieg im Jahr 2000 möglich?

Drechsler:  Dank meiner Gelassenheit und großen Erfahrung. Ich war 35, hatte schon alle Titel gewonnen und wollte nichts mit Gewalt. Das wichtigste war mir damals, gesund zu sein und durchzukommen.

Sie durchkreuzten die Pläne der später des Dopings überführten US-Amerikanerin Marion Jones, fünf Goldmedaillen zu gewinnen.

Drechsler: Jones war eine reine Sprinterin, keine Technikerin. Wenn sie den Balken getroffen hätte, wäre der explodiert.

Wie empfanden Sie Sydney in Relation zu den Spielen zuvor?

Drechsler: Die Atmosphäre vor 110.000 Zuschauern war einmalig, deshalb waren es für mich die schönsten Spiele. Seoul 1988 empfand ich als Arbeiterspiele, weil ich inklusive Sprints und Staffel zehnmal an den Start musste. Barcelona 1992 – das waren Druckspiele, ich wollte unbedingt gewinnen. Und 2000 – das waren meine Genussspiele. Das Drumherum war mir viel bewusster, weil mir klar war, es ist das letzte Mal, dass ich an Olympia teilnehme.

Ihre Karriere war unglaublich intensiv. 1983 mit 18 wurden Sie Weltmeisterin, waren Sportheldin der DDR. Dann kam die Wende, Sie wurden Olympiasiegerin für das vereinte Deutschland.  Mit welchem Empfinden schauen Sie auf diese wechselvollen Jahre zurück und wie sehen Sie die Schattenseiten des DDR-Sports fast drei Jahrzehnte später?

Drechsler: Ich bin dankbar dafür, dass ich beide Seiten so intensiv erleben durfte. Mit dem Abstand betrachtet, haben diese kolossalen Veränderungen meine Persönlichkeit geprägt. Sie haben meinen Blickwinkel auf die Dinge verändert, mir eine feste Meinung vermittelt aus der Erfahrung, die ich mitgenommen habe. Ich habe eine kritische Distanz zu dem Geschehenen entwickelt, habe Klarheit gewonnen.

Sie meinen damit das Thema Leistungsmanipulation. Wie ist Ihre Einstellung im Jahr 2018?

Drechsler: Der Leistungssport steckt in einer anderen Epoche, und es ist gut, dass man die Dinge hinterfragt. Die Probleme waren damals wie heute von Menschen gemacht und es ist wichtig, dass eine Öffentlichkeit da ist, die auf Aufklärung drängt.

Für Sie war der Umgang damit sicher nicht einfach.

Drechsler: Ich war in manchen Situationen alleine und musste damit klarkommen. Aber es ist gut, wie es jetzt ist. Dass hinterfragt wird und eine Idee entsteht, wie der Sport sich in Zukunft entwickeln soll.

Nach welchen Grundsätzen?

Drechsler: Wir wollen sauberen Sport. Es gibt Regeln und es ist wichtig, dass sie eingehalten werden. Ohne Kontrollsystem geht das nicht.

Sie wirken sehr im Reinen mit sich.

Drechsler: Ich bin mit mir im Reinen. Ich habe auf den Tisch gelegt, was zu erzählen war. Ich schaue nach vorne. Je mehr Abstand  man zu den Dingen hat, desto mehr verändern sich auch die Sichtweisen. Ich weiß einfach mehr, ganz anders als in den 80ern als Teenager.

Welche Botschaft ist Ihnen wichtig?

Drechsler: Die Leute dürfen keine Angst haben, ihre Kinder zum Sport zuschicken. Weil Sport etwas Tolles ist, das neben der Gesundheit  die Persönlichkeit formt.

Als Kampfrichter wollen Sie nun etwas zurückgeben, warum nicht auch als Trainerin?

Drechsler:  Ich habe es tatsächlich im Hinterkopf, mich im Nachwuchsbereich einzubringen. Die Leistungssportreform zielt auf die Spitze, aber ich bin der Meinung, dass es an Trainern für Jugendliche fehlt. Wenn wir an der Basis keine guten Trainer haben, die Techniken vermitteln können, dann haben wir auch in Zukunft ein Problem.

Sie wirken sehr gesund und fit. Welchen Sport machen Sie 2018?

Drechsler: Durch meine berufliche Tätigkeit in der Präventionsarbeit der Barmer bin ich immer in Aktion. Ich begleite die Frauenlauf-Städtetour – unter anderem in Berlin, Köln und München. Ich bin nicht nur da, um den Startschuss zu geben. Vorher leite ich Workshops – und renne auch mit. Das sind meist Strecken von fünf Kilometern. Ich schaue dann immer, dass ich so 25 Minuten laufe, dann geht es  mir gut.

Dabei stehen Weitspringer im Ruf, den Dauerlauf genauso zu lieben wie Fußballer.

Drechsler: Tatsächlich muss man sich Ausdauer erarbeiten. Ich bin auch schon Halbmarathon  gelaufen – aber ab Kilometer zehn leide ich. Marathon muss es wirklich nicht sein. Obwohl man niemals nie sagen soll.

Da klingt wieder der Ehrgeiz durch, der Ihre Sportkarriere geprägt hat. Spüren Sie den auch als Kampfrichterin?

Drechsler: Ich hoffe, dass wir uns als Team bei der EM bewähren. Wenn es gut läuft, mache ich danach weiter.

Sie genießen große Wertschätzung im Internationalen Olympischen Komitee. Sehen wir Sie in Ihrer neuen Rolle vielleicht auch 2020 bei den Spielen in Tokio?

Drechsler: Das wäre was. Aber das geht nur Schritt für Schritt. Außerdem gibt es viele, die diesen Traum haben. Aber vielleicht wird es ja auch meiner.