Auf dem Weg nach Rio

Folge 26: Plädoyer für mehr Klarheit im Leistungssport

22.01.2016 BONN. Wenn Talente Gesundheitsprobleme haben oder sich ungerecht behandelt fühlen, benötigen sie Unterstützung. Diese ist aber nicht immer ausreichend vorhanden.

Wände streichen statt Training. Was nach Schwerstarbeit aussieht, ist für Yanna Schneider eine Pause. Taekwondo? Momentan nicht. Die Bonnerin erholt sich von einem aufregenden, zermürbenden Jahr. Auch um den Kopf freizukriegen, hilft sie ihrem Trainer Dimitrios Lautenschläger bei der Sanierung der neuen Taekwondo-Halle in Buschhoven.

Das Thema Olympia? In diesem Moment ganz weit weg. Selbst die Art und Weise, wie sie von ihrer Nichtnominierung erfuhr, bringt sie nicht mehr in Rage. „Ich kann es ja eh nicht ändern“, sagt Schneider: „Ich weiß nur, dass ich jetzt nicht mehr für den Verband alles stehen und liegen lasse.“ Am späten Heiligabend hatte sie per E-Mail von ihrer Ausbootung erfahren. Auch wenn die Entscheidung sportlich akzeptabel war: Von Fingerspitzengefühl des Verbandes zeugte die Form der Übermittlung nicht gerade.

Michael Scharf, Leiter des Olympiastützpunktes Rheinland, plädiert beim Umgang miteinander für mehr Klarheit. „Ich glaube, es wäre kein Problem entstanden, wenn Yanna am Ende des Trainingslagers kommuniziert worden wäre: ,Du bist aus diesen oder jenen Gründen nicht nominiert, und daher habe ich mich für deine Kontrahentin entschieden‘“, sagt Scharf. „Das erfordert von den Trainern Haltung und innere Stärke, aber es ist letztendlich, so wie ich es sehe, der einzige Weg, um die Sportler mitzunehmen.“

2008 war schon einmal eine Athletin von Schneiders Heimatverein TKD Swisttal vor den Olympischen Spielen ausgebootet worden. Pinar Budak hatte damals einen Startplatz für die Spiele in Peking erreicht. Trotz weiterer guter Leistungen entschied sich die Deutsche Taekwondo Union für Konkurrentin Helena Fromm. Auch die ehemalige Topschwimmerin Nina Schiffer aus Bonn träumte von den Spielen in Peking. Sie verpasste die Qualifikation um 15 Hundertstelsekunden. Mit ihrer Zeit wäre sie in den Olympia-Endlauf geschwommen. „Natürlich hat sie die Qualifikation verpasst, aber es hätte sicherlich Möglichkeiten gegeben, sie doch mitzunehmen“, meint Ute Pilger von den SSF. Die ehemalige Leistungsschwimmerin vermisst häufiger das Fingerspitzengefühl von Seiten der Verbände. Betroffen auch ihr Sohn Max.

Der Jugend-Europameister über 200 Meter Brust hatte im vergangenen Jahr gesundheitliche Probleme. Die Olympia-Quali ist theoretisch noch drin, wenn auch unwahrscheinlich. Eine schwere Zeit liegt hinter ihm. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass man Max in dieser Phase ein wenig mehr an die Hand genommen hätte. Zwischenzeitlich hatte er einen richtigen Hänger“, sagt die Mutter. Aktuell befindet er sich im Trainingslager in Thailand, feilt an seiner Form.

"Viele der betroffenen Sportler haben Angst" 

Reisestrapazen, teils auf eigene Kosten, dazu Unistress, Medientermine, Training – Freizeit ist für junge Sportler wie Pilger oder Schneider auf dem Weg in die Spitze oft ein Fremdwort. „Es wird von der Gesellschaft nicht wahrgenommen, welchen Aufwand diese jungen Sportler betreiben“, sagt Ute Pilger: „Wertschätzung gibt es nur, wenn Medaillen gewonnen werden.“

Dem GA liegen weitere Informationen über Bonner Sportler vor, die von ihren Verbänden nicht optimal behandelt wurden beziehungsweise sich benachteiligt fühlen. Das weiß auch Scharf: „Es gibt immer wieder Fälle, wo Trainer oder Verbände ihre Sportler, nennen wir es mal suboptimal betreuen, informieren oder behandeln“, so der Vorsitzende des Stadtsportbundes. Nur wenige machen den Mund auf. Aus gutem Grund. „Viele der Betroffenen haben Angst, offensiv zu kritisieren, da sie ja von den Trainern und Verbänden abhängig sind, die sie für Wettkämpfe beziehungsweise die Nationalmannschaft nominieren“, erklärt Scharf. Auch gegenüber dem GA wollten sich mehrere betroffene Athleten aus diesem Grund nicht äußern. „Man muss aber auch feststellen, dass dies vielleicht 15 Prozent der Athleten und Athletinnen betrifft, es also nicht die Regel ist.“

Yanna Schneider hat den Mund aufgemacht. „Wenn man nichts sagt, wird auch nichts verändert“, sagt die 19-Jährige. Angst vor Konsequenzen hat sie nicht. „Warum auch? Ich kann ja nur für mich sprechen, aber wenn ich es in die Top Sechs der Welt schaffe, werde ich zu den Olympischen Spielen eingeladen – unabhängig vom Verband“, so die Bonnerin. „Und wenn ich das nicht schaffe, geht die Welt auch nicht unter.“

Schneider studiert Wirtschaftspsychologie. Sie schafft es, Sport und berufliche Zukunft zu koordinieren. Das schaffen nicht viele. Scharf findet „es schwierig, dass es immer noch genügend Trainer gibt, die von ihren jungen Sportlern verlangen, alles auf die Karte Leistungssport zu setzen.“ Denn die Voraussetzungen der Zukunftsorientierung haben sich zum positiven gewandelt, berichtet der OSP-Chef: „Sportler, die eine duale Karriere anstreben, werden inzwischen vorbildlich dabei unterstützt.“ Handlungsbedarf sieht er aber bei der finanziellen Unterstützung. „Die Verbände konzentrieren ihre knappen Ressourcen auf die Topathleten. Im Nachwuchsbereich gibt es erheblich weniger Förderung“, sagt Scharf. Er hält dies für den falschen Weg.

Aus diesem Grund wurde 2011 vom OSP Rheinland das Perspektivteam Rio 2016 gegründet. Das Ziel: einen finanziellen Ausgleich für die Sportler zu schaffen, die noch nicht, wie etwa Fünfkämpferin Lena Schöneborn oder Kanute Max Rendschmidt, ganz oben in ihrem Sport angekommen sind. (Simon Bartsch)