Löwe von Bonn

Deutsche Fechter brauchen ein Wunder

Klingenkunst im Zeitraffer: Die mehrfachbelichtete Aufnahme verdeutlicht die Dynamik des Herrenflorettfechtens. Am Wochenende gehen beim Löwen von Bonn die Besten der Welt an den Start.

Klingenkunst im Zeitraffer: Die mehrfachbelichtete Aufnahme verdeutlicht die Dynamik des Herrenflorettfechtens. Am Wochenende gehen beim Löwen von Bonn die Besten der Welt an den Start.

02.02.2016 BONN. Beim letzten Weltcupturnier der Olympia-Qualifikation am Wochenende in der Hardtberghalle hat das Herrenflorett-Team nur noch eine minimale Chance, das Ticket nach Rio zu lösen.

Wenn an Karneval alles verrückt spielt in Bonn, wird es für die deutschen Herrenflorettfechter so richtig ernst. Von Freitag bis Sonntag findet in der Hardtberghalle der 44. „Löwe von Bonn“ statt. Das Weltcupturnier hat eine lange Tradition und gehört zu den attraktivsten und wichtigsten Wettbewerben im Turnierkalender. In diesem Jahr ist sein Stellenwert aber noch einmal deutlich höher einzustufen. Für die Mannschaften ist es das letzte und entscheidende Turnier um die Qualifikation für die Olympischen Spiele im Sommer in Rio de Janeiro.

„Wir brauchen ein Wunder, wenn wir uns noch qualifizieren wollen“, erklärte Moritz Kröplin. Der Fechter des OFC Bonn gehört mit Peter Joppich (Koblenz), Sebastian Bachmann, Benjamin Kleibrink (beide Tauberbischofsheim), André Sanita und Marius Braun zum engeren Kreis der Nationalmannschaft um Bundestrainer Uli Schreck. Sein Weltcupteam (drei Fechter plus Ersatzfechter) steht mit dem Rücken zur Wand. Das Ticket für Olympia können die Deutschen nur noch lösen, wenn sie die Mannschaft Großbritanniens hinter sich lassen. Der Weg dahin ist 25 Punkte Rückstand weit.

„Realistisch gesehen haben wir nur eine Chance, wenn wir im Achtelfinale gleich auf die Briten treffen und sie schlagen“, weiß Joppich. Der viermalige Weltmeister ist aktuell der einzige deutsche Athlet, der sich über die Einzel-Weltrangliste für Rio qualifizieren kann. Vor drei Wochen wurde er in Paris Zweiter.

Seine Kollegen müssen auf den Mannschaftswettbewerb hoffen, denn die Nationen, die sich mit dem Team für Olympia qualifizieren, dürfen auf jeden Fall drei Fechter auch im Einzel einsetzen, unabhängig von deren Position in der Weltrangliste. Joppich: „Wir geben nicht auf. Noch ist die Chance da, und wir werden alle darum kämpfen.“

Wenn es ganz schief läuft, gucken aber sowohl die Deutschen als auch die Briten in die Röhre. Denn die Russen schwächeln. Sie stehen in der Rangliste auf Platz vier, gehören derzeit also zu dem Quartett, das sich direkt qualifiziert. Dahinter gibt es vier weitere Plätze zu vergeben, für jeden Fecht-Kontinent einen. Rutschen die Russen ab, sind sie es, die den Platz Europas einnehmen.

Der Teamwettbewerb in der Hardtberghalle startet am Sonntag um 8.30 Uhr. Der Freitag und Samstag ist für den Einzelwettbewerb reserviert. Hier will Joppich seine Form bestätigen und mit einer weiteren vorderen Platzierung seine Position in der Olympia-Rangliste (14.) verbessern oder mindestens festigen. Zu den Favoriten zählen der Ranglistenerste Yuki Ota (Japan), die starken Amerikaner Alexander Massialas (2.), Gerek Meinhardt (3.) und Race Imboden (5.), Jianfei Ma (China, 4.), die Italiener Andrea Cassara (6.) und Daniele Garozzo (7.) sowie der Russe Dmitry Rigin (8.). „Aber auch dahinter gibt es starke Fechter, die an einem guten Tag gewinnen können“, sagt Kröplin. Für den 24-Jährigen lief es in der Olympia-Qualifikation im Einzel nicht so berauschend. Dagegen hat OFC-Fechter André Sanita in besonderer Weise auf sich aufmerksam gemacht. In der Olympia-Rangliste steht der Bonner als zweitbester Deutscher auf Rang 42. Zuletzt in Paris kam er auf Rang 15 und schlug unter anderem in der Runde der letzten 32 Andrea Cassara mit 15:7. „Mit Cassara habe ich einen richtig guten geschlagen. Ich bin super motiviert und habe richtig Lust“, kann der 23-Jährige den Auftakt am Freitag kaum erwarten. Sanita will sich mit einem guten Einzelergebnis auch für die Mannschaft anbieten, deren Aufstellung der Bundestrainer noch offen lässt.

Wer derzeit im Bundesleistungszentrum der Fechter im Sportpark Nord vorbeischaut, erlebt ein buntes Treiben. In der Trainingshalle nehmen die rund 200 für den „Löwen“ gemeldeten Fechter ausgiebig die Gelegenheit war, gegen Fechter aller Nationen anzutreten. Ist eine Planche frei, sucht man sich einen Partner aus und verabredet sich zwanglos zu einem Duell. „Das ist eine echte Bereicherung für das Training“, sagt Kröplin. Wenn es am Samstag dann ernst wird und die Entscheidung im Einzel fällt, ist auch das WDR-Fernsehen vor Ort. In der Sportschau sollen Ausschnitte vom „Löwen von Bonn“ gezeigt werden. (Gerhard Mertens)