Kommentar zu den IOC-Sanktionen

Dekadent

Nach dem vermeintlichen russischen Doping-Geständnis bleiben Fragezeichen.

Das IOC hat Russland wegen des Dopingskandals von den Winterspielen in Pyeongchang ausgeschlossen.

BONN/LAUSANNE. Das Internationale Olympische Komitee hat Russland wegen des Dopingskandals von den Winterspielen in Pyeongchang ausgeschlossen, will den russischen Sportlern aber unter Auflagen einen Start als "neutrale Athleten" ermöglichen.

Null Toleranz gegenüber Doping. Mit diesem Wahlversprechen trat Thomas Bach 2013 als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) an. Es war einer von 40 Punkten seiner Agenda 2020. Der wichtigste neben der Bekämpfung von Korruption. Beides beschädigt die Glaubwürdigkeit des Spitzensports massiv. Seit Dekaden.

Der 5. Dezember 2017 hätte ein sporthistorischer Tag werden können. Dazu wäre der erste Komplettausschluss einer Nation, die systematisch manipuliert und betrogen hat, unabdingbar gewesen. Weil Russland – gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz – nachgewiesenermaßen ein staatlich organisiertes Doping-Vertuschungssystem betrieben hat. Und die Politiker aus Putins Reich sich dennoch uneinsichtig zeigen.

Doch statt auf den Mut zur Maximalstrafe – Bann aller russischen Sportler von den Winterspielen 2018 – setzen die greisen Herren der Ringe einmal mehr auf wachsweiche Diplomatie: Sie suspendieren das Nationale Olympische Komitee – Russlands Sportler aber dürfen starten, wenn auch als „neutrale Athleten“ ohne Flagge und Hymne.

Das Beharren darauf, dass ein Kollektivausschluss auch Unschuldige bestraft, ist falsch.
Wer die Kollektivstrafe ablehnt, der sollte sich vor Augen führen, 
wie viele saubere Sportler in jedem Wettkampf kollektiv bestraft werden, wenn auch nur ein Konkurrent gedopt ist. Es gibt auch Juristen, die das so sehen – und damit genau anders herum als Bach. Die Rede ist stets von den Tätern, aber wer spricht über die vielen Opfer? Das passiert allenfalls gelegentlich dann, wenn mal wieder – oft mit Jahren Verspätung – ein Sportler nachträglich eine Medaille erhält, weil ein vor ihm platzierter Athlet mit Verzögerung der Manipulation überführt wurde. Von dieser Argumentation ließen sich die IOC-Exekutivmitglieder nicht überzeugen. Leider.

Die vielen Sperren, die jüngst gegen russische Sportler verhängt wurden, konnten auch als Zeichen für ein auf der ganzen Linie konsequentes Durchgreifen des IOC interpretiert werden. Doch Irrtum! Vielmehr dürfen die harten Einzelstrafen nun als vorgezogene Rechtfertigung des milden Gesamturteils interpretiert werden. Und dass im Vorfeld der Spiele von Pyeongchang russische Wintersportler laut IOC am häufigsten kontrolliert werden, wirkt wie PR-motivierter Aktionismus.

So gesehen ist der 5. Dezember 2017 doch ein sporthistorisches Datum. Weil sich der Eindruck verfestigt, dass die träge olympische Bewegung 121 Jahre nach den ersten Spielen der Neuzeit
mit den Herausforderungen der schnelllebigen Welt nicht Schritt hält. Die Entscheidung des IOC in der Russlandfrage ist alles andere als dazu angetan, die vorherrschende Meinung „Die dopen doch sowieso alle“ zu zerstreuen.

Die Olympischen Spiele stehen vor der Götterdämmerung. Wie die der Antike gegen Ende des dekadenten Römischen Reiches.