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Besserer Schutz vor sexueller Gewalt im Jugendfußball

BONN. Der Deutsche Fußball-Bund und der Fußballverband Mittelrhein wollen ihren Nachwuchs mit einem Kinderschutzkonzept besser vor sexueller Gewalt schützen. Umsetzung stellt Clubs vor besondere Herausforderungen.

Es war ein Schock für den englischen Fußball, als im vergangenen Jahr ehemalige Profis den Jugendtrainer Barry Bennell des schweren sexuellen Missbrauchs bezichtigten und eine Lawine ins Rollen brachten. Immer mehr Fußballer berichteten in der Folge von sexuellem Missbrauch in ihrer Jugend – durch Trainer oder Betreuer. Und den betroffenen Clubs wurde Versagen vorgeworfen.

Sexuelle Belästigung und Gewalt, in welcher Form auch immer, kommt im Sport auch in Deutschland vor. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Safe Sport“ kamen die Sporthochschule Köln und die Uniklinik Ulm zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der befragten Athletinnen und Athleten im Verlaufe ihrer Entwicklung Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt machten.

Wie aktuell das Thema regional ist, zeigt nicht zuletzt der Fall eines Fußballjugendtrainers, der im Juli dieses Jahres vom Bonner Jugendschöffengericht wegen Kindesmissbrauchs zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Das zu dem Zeitpunkt 13-jährige Opfer hatte den Trainer regelmäßig zu Hause besucht, um sich von ihm bei den Hausaufgaben helfen zu lassen. Der Täter erschlich sich auch mit Geschenken das Vertrauen des Jungen.

Das Problem wird offensiv angegangen

Zum Schutz ihres Nachwuchses gehen der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) das Problem offensiv an und fordern die Clubs auf, es zu einem zentralen Thema im Vereinsleben zu machen. Im Sommer 2015 gab der DFB mit der Broschüre „Kinderschutz im Verein“ einen Handlungsleitfaden für seine 25 000 Vereine, in denen rund zweieinhalb Millionen Juniorinnen und Junioren kicken, heraus.

Bereits seit 2011 gibt es im FVM eine Anlaufstelle für Fragen rund um sexualisierte Gewalt. Basierend auf der Aktion des DFB will der FVM seine Vereine mit dem Projekt „Aktiv gegen Missbrauch“ dafür sensibilisieren, nicht zu warten, bis es zu einem Vorfall kommt, sondern sich dem Problem präventiv zu stellen.

„Überall dort, wo es eine Kultur des Hinsehens und der Beteiligung gibt, ist das Risiko der sexuellen Gewalt signifikant geringer“, erklärt FVM-Mitarbeiter Oliver Zeppenfeld. Dabei gehe es nicht darum, jeden Trainer oder Betreuer eines Vereins unter Generalverdacht zu stellen, sondern Strukturen zu schaffen, die potenzielle Täter abschrecken.

Wie diese Strukturen idealerweise aussehen, lehrt Zeppenfeld in Schulungen des FVM. „Es beginnt damit, dass sich der Verein von jedem Trainer ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis zur Einsicht vorlegen lässt“, so Zeppenfeld. Damit schließe man aus, dass einschlägig Vorbestrafte Zugang zum Verein fänden, „und der Verein macht deutlich: Wir achten auf Kinderschutzthemen, wir wollen wissen, wer bei uns Trainer wird.“ Dazu gehöre auch, sich über Übungsleiter, die zuvor an anderer Stelle arbeiteten, bei ihrem alten Verein zu erkundigen.

Trainer des FC Hennef haben eine Schulung besucht

Übertrieben? „Nein“, sagt Michael Pütz vom FC Hennef 05. „Ich habe es selbst schon bei einem anderen Verein erlebt, dass ein auffälliger Trainer versucht hat, bei einem anderen Club unterzukommen, nachdem man sich von ihm getrennt hatte“, berichtet er. Er habe dann den Jugendleiterkollegen angerufen und ihn vorgewarnt.

Der FC Hennef hat im Frühjahr mit seinen Trainern eine Schulung beim FVM besucht. Pütz: „Das Konzept zum Kinderschutz wird bei uns gerade umgesetzt. Unsere Trainer müssen dem Verein bis Ende August ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen.“

Im Fußballkreis Bonn ist der SSV Walberberg Vorreiter, wenn es um Kinderschutz geht. „Bei uns haben alle Trainer ein erweitertes Führungszeugnis vorgelegt. Und sie sind alle geschult“, berichtet Bianca Over. Die engagierte Jugendleiterin setzt das Thema beim SSV kompromisslos um.

Und genau das ist es, was DFB und FVM von ihren Vereinen erwarten. Neben dem Führungszeugnis sollen sie weitere Maßnahmen ergreifen, ihre Kinder und Jugendlichen zu schützen. Den Verbänden geht es darum, dass die Clubs Kinderschutz in der Satzung verankern. Der Vorstand soll Vertrauenspersonen installieren, an die sich die Kinder und Jugendlichen wenden können. Das Betreuungspersonal soll in Schulungen qualifiziert und für das Thema sensibilisiert werden, neben der Abfrage des Führungszeugnisses sollen Verhaltensregeln aufgestellt und von den Trainern unterschrieben sowie letztendlich die Eltern in den Prozess eingebunden werden.

Verhaltensregeln sind eine Herausforderung für das Vertrauensverhältnis

Bianca Over schildert, wie schwierig es ist, den Verein und die Eltern ins Boot zu hole: „Die Eltern waren erschrocken und haben gefragt, 'Ist denn schon was passiert?'. Nein, habe ich gesagt, aber ich will auch nicht, dass etwas passiert.“ Over geht besonders sensibel mit der Problematik um, weil sie im Verein auch zwei Mädchenmannschaften betreut.

Doch die Auseinandersetzung mit dem Thema, die Fragen rund um die Umsetzung im Verein und die Auswirkungen auf das Clubleben hätten sie zunächst überfordert. Over: „Ich habe schon viele Schulungen absolviert. Aber das war mein härtestes Wochenende. Ich war richtig getroffen. Ich habe Dinge erfahren, die ich nie wissen wollte und habe mich dann gefragt: 'Machen wir alles richtig? Schaffen wir das? Kann ich das im Ehrenamt überhaupt leisten?“

Sie sei „wachgerüttelt“ worden. Dabei sind es nicht nur die eingeforderten Verhaltensregeln, die eine Herausforderung für das Vertrauensverhältnis unter den Vereinsmitgliedern darstellen, sondern auch die Gefahr, „dass wir selbst in eine Situation kommen könnten, die wir nicht auf dem Schirm haben und uns in Verdacht bringen könnten“.

FVM-Beauftragter Zeppenfeld sagt: „Kinderschutz ist auch Trainerschutz.“ Beispiel: „Ein Trainer sollte sich genau überlegen, ob er mit minderjährigen unter vier Augen Gespräche führt oder sich in einem geschlossenen Raum mit ihnen aufhält. Er sollte, wenn es denn möglich ist, das Sechsaugenprinzip einhalten, also einen Betreuer, ein Elternteil oder ein zweites Kind dabeihaben.“ So schütze er sich vor unrechtmäßigen Vorwürfen und Verleumdungen.

Trainer sollen Verhaltenskodex unterschreiben

„Der Zeppenfeld-Vortrag hat auf viele Dinge aufmerksam gemacht, die einem so nicht bewusst waren. Man ist ja schnell mal bereit zu sagen, ich nehm den Jungen im Auto mit und fahr ihn nach Hause. Dass man dabei in eine Situation kommen könnte, beschuldigt zu werden, ohne dass etwas vorgefallen ist, verursacht schon ein mulmiges Gefühl“, erklärt Pütz.

Seine Kollegin Over in Walberberg ist nach anfänglicher Resignation in die totale Offensive gegangen. „Zu Anfang der kommenden Saison wird von unseren Trainern ein Verhaltenskodex, wie ihn der DFB vorschlägt, unterschrieben. Da steht drin, wie wir uns in Situationen verhalten oder sie vermeiden, die für beide Seiten missverständlich interpretiert werden könnten“, sagt sie.

Sie hat auch den Spielbetrieb so organisieren lassen, dass die Umkleidekabine während der Mädchenspiele „männerfreie Zone ist“. Es helfe ihr dabei sehr, „dass der Vorstand hinter mir steht“. Auch in Hennef sollen die Trainer bald einen Verhaltenskodex unterschreiben.

Verpflichten können DFB oder FVM ihre Vereine nicht, den Kinderschutz in der geschilderten Form umzusetzen. Zeppenfeld: „Wir können nur Empfehlungen aussprechen.“ Dennoch hoffe er, dass viele Clubs den Beispielen Walberbergs, Hennefs und anderer Vereine folgen. In Hennef haben das Jugendamt der Stadt und der Stadtsportverband Hennef eine „Generalvereinbarung zur Prävention von Kindeswohlgefährdung“ unterschrieben und das Thema damit für all ihre Vereine auf die Tagesordnung gebracht.

In Bonn gibt es eine solche Vereinbarung zwar nicht, doch im Rahmen der Aktion „Prävention sexualisierter Gewalt im Sport“ des Landessportbundes sei man Beratungsstelle, teilte Stadtsportbund-Referentin Sandra Horschel mit. „Wenn sich ein Verein auf den Weg machen will, helfen wir ihm dabei“, sagt Horschel.