GA-Serie: Die Sonntagskicker

Abseits: Wenn das Spiel zur Nebensache wird

Ein Strauß Tulpen erinnert an den verstorbenen Torhüter des TuS Pützchen.

Ein Strauß Tulpen erinnert an den verstorbenen Torhüter des TuS Pützchen.

17.03.2016 Bonn. Immer wieder kommt es bei Amateur-Mannschaften zu tragischen Unfällen - manchmal sogar, wie zuletzt beim TuS Pützchen, mit tödlichen Folgen. Experten raten zu Gesundheitschecks und Defibrillatoren bei Sportvereinen.

Einsam lehnt ein Stuhl am Vereinsheim des TuS Pützchen, wenige Meter entfernt wurden zehn Tulpen neben dem Torpfosten niedergelegt. Stille ist auf dem Platz eingekehrt. Die Blumen erinnern an den Torwart der vierten Mannschaft des TuS. Der 54-Jährige war am Sonntag im Heimspiel gegen den SV Boluspor Bonn unmittelbar vor Spielende zusammengebrochen. Laut Pützchens Geschäftsführer Tim Beckekemper leisteten die Spieler Erste Hilfe, der herbeigerufene Notarzt konnte den Spieler reanimieren, doch er starb später in der Uniklinik. „Wir alle sind zutiefst erschüttert und noch immer fassungslos“, schreibt der Verein in den sozialen Medien.

Der Fußballkreis Bonn trauert mit. Via Facebook haben sich zahlreiche Teams gemeldet. „Wir bekommen da eine wahnsinnige Anteilnahme“, sagt Beckekemper. „Mit so einem großen Zusammenhalt, in diesem Ausmaß, haben wir nicht gerechnet.“ Der Kreis rückt zusammen. Vermutlich auch, weil der Fall in Pützchen zeigt, dass koronare Zwischenfälle nicht nur Profis treffen können. Denn dort scheinen sich die Vorkommnisse zu häufen. Erst im April vergangenen Jahres erlag der belgische Profi Gregory Mertens den Folgen eines Herzinfarkts. Weitere prominente Fälle: 2003 starb der Kameruner Marc-Vivien Foé während des Konföderationen-Cups vor laufender Kamera. In der Bundesliga erlag 1993 der Rumäne Michael Klein in Diensten von Bayer Uerdingen während eines Trainingslaufs einem Herz-Kreislauf-Versagen.

Jetzt ist es im Kreis zu diesem tragischen Unglück gekommen. Erneut. 2013 brach ein Schiedsrichter aus dem Kreis während eines Jugendspiels zusammen. Auch er starb an den Folgen eines Herzinfarkts. Risikogruppe Fußball? „Nicht der Fußball an sich ist gefährlich, sondern die Tatsache, dass er von vielen ausgeübt wird, die schlecht voruntersucht oder trainiert sind oder teilweise schon Vorerkrankungen haben“, sagt Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Professor macht sich seit Jahren für den Einsatz von Defibrillatoren auf den Sportplätzen beziehungsweise in Sportvereinen stark. „Gerade bei Herzstillständen spielt der Faktor Zeit eine ganz entscheidende Rolle“, so Predel.

Auch auf Seiten des Fußballverbandes Mittelrhein (FVM) hält man den Einsatz der Schockgeber für sehr sinnvoll. Allerdings gibt es logistische Probleme. „Natürlich empfehlen wir den Vereinen den Einsatz von Defibrillatoren. Wir haben auch von Seiten des FVM einen sehr kompetenten Partner, der den Vereinen die Geräte anbietet“ so Jürgen Bachmann, Vorsitzender des Fußballkreises Bonn. „Die Clubs müssen natürlich auch die Kosten im Auge behalten.“ Mit dem Partner bietet der FVM die Defibrillatoren für FVM-Mitglieder per Direkt- oder Mietkauf an. Mietkauf, um auch kleineren Vereinen den Erwerb kostenschonend zu ermöglichen. Bachmann kündigte an, den Erwerb der Defibrillatoren auf dem kommenden Kreistag noch einmal ausdrücklich anzuregen. Mit der Herzstiftung ist der Bonner Kreisvorsitzende schon lange in Kontakt. Geplant sind Erste-Hilfe-Kurse für die Vereine.

Ob der Einsatz eines Defibrillators in Pützchen geholfen hätte, ist ungewiss. Zumal die Ursache unklar ist. Ein möglicher Auslöser könnte eine koronare Vorerkrankung gewesen sein. Ein Risiko, das viele Sportler unwissend mit sich tragen. „Im Fußball ist die medizinische Versorgung nach wie vor ziemlich schlecht“, sagt Predel und rät: „Systematische ärztliche Routineuntersuchungen, unabhängig von Beschwerden, wären im Amateurfußball ebenso sinnvoll und wichtig wie im Profifußball. Leider gibt es dort noch Grauzonen, obwohl routinemäßige Gesundheitschecks aus medizinischer Sicht zwingend notwendig sind.“

Notwendig schon, aber praktikabel? „Ich kann natürlich eine Voruntersuchung machen, aber wenn ich dann zehn Jahre in einem Verein spiele und keine Kontrolle mehr erfolgt ist, ist das auch nicht wirklich sinnvoll“, so Bachmann. „Wir können nur an die Vernunft der Spieler appellieren. Sie sollten nur spielen, wenn sie wirklich gesund sind. Kontrollieren können wir das nicht.“

In Pützchen soll der Ball möglichst schnell wieder rollen. Bereits an diesem Wochenende spielen sämtliche Teams des TuS mit Trauerflor. Ob die vierte Mannschaft den Spielbetrieb überhaupt wieder aufnimmt, ist noch unklar. (Simon Bartsch)