1. FC Köln

Der FC ist der FC - eine Analyse

BONN.  Der 1. FC Köln hat mal wieder seinen Trainer gewechselt. Stale Solbakken wurde am Donnerstag entlassen. Gert auf der Heide analysiert die aktuelle Entwicklung und erklärt, was den launischen Kölner Klub auszeichnet, was ihn so verwundbar macht und was ihm fehlt.
Auch Hennes VIII. hat seinen Job nicht ordentlich gemacht: Das FC-Maskottchen bringt derzeit nicht allzu viel Glück.
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Auch Hennes VIII. hat seinen Job nicht ordentlich gemacht: Das FC-Maskottchen bringt derzeit nicht allzu viel Glück. Foto: dpa

Man könnte es sich einfach machen und mit rheinischem Fatalismus über die Sache hinweggehen. "Et kütt wie et kütt", heißt die allerklärende Kölner Weisheit, wenn irgendwas mal wieder so gekommen ist, wie es nicht kommen sollte. Leicht abgewandelt auf den 1. FC Köln: "Der FC ist der FC." Das reicht gemeinhin als tiefgründige Analyse, wenn das Geißbockheim zum Affenstall wird.

Im November vergangenen Jahres trat Präsident Wolfgang Overath zurück, im März musste Sportdirektor Volker Finke gehen und jetzt Trainer Stale Solbakken. Na und? Auch in der vergangenen Saison wurde kurz vor Ultimo der Trainer entlassen. Der hieß Frank Schaefer und ist jetzt Solbakkens Nachfolger. Business as usual.

Es soll Leute in Köln geben, die leiden an diesem Verein. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als ihr Herz an einen normalen Klub zu verschwenden. An einen Klub, der mal einige Jahre an einem Trainer festhält, der Kontinuität in der Führungsriege nachweisen kann, dessen Spieler nicht in der Ausnüchterungszelle landen, der sich bescheiden, aber solide irgendwo zwischen Platz sieben und 13 einrichtet. In der 1. Liga, wohlgemerkt.

Die meisten aber mögen den FC so, wie er ist. Kultig, chaotisch, katastrophal. Sie gehen am Wochenende ins Stadion und feiern erstmal sich selbst. Sie freuen sich, mit anderen eine Leidenschaft teilen zu können, wobei es ziemlich egal ist, was auf dem Rasen passiert. Immerhin hat es der FC geschafft, sich weitgehend von den sportlichen Ergebnissen zu emanzipieren. Man geht einfach hin, hat seinen Spaß und kriegt eine Gänsehaut, wenn die FC-Hymne "Mir stonn zo dir FC Kölle" ertönt. Der FC "es e Jeföhl".

Wahrscheinlich liegt da das Problem. Wo zu viel Gefühl im Spiel ist, steht die Vernunft im Abseits. Jeder fühlt sich berufen, mitzureden beim FC. Ob der ehemalige OB Fritz Schramma, Schauspieler Heiner Lauterbach oder BAP-Chef Wolfgang Niedecken. Sich mit den FC-Granden zu zeigen oder mit staatsmännischer Miene die jüngste Niederlage zu kommentieren, ist beinahe so schick, wie Karnevalsprinz zu sein.

Die letzten zehn Trainer des 1. FC Köln
In diesem Klima entstehen wunderbare Geschichten, wie sie hierzulande sonst nur Schalke schreibt. Der "kicker" hat vor einigen Monaten mal aufgelistet, wie das FC-Präsidium 1990 im deutschen WM-Quartier in Erba Trainer Christoph Daum entließ, wie 1997 150.000 Mark für den späteren Weltstar Andrej Schewtschenko zu viel waren, wie ein vermeintliches Entlastungsvideo für den von einer Sperre bedrohten Toni Polster einen Auftritt der Bläck Fööss zeigte, wie Archil Arveladze kam, aber Shota Arveladze gemeint war. All das und noch viel mehr zusammenaddiert, ist es kein Wunder, dass der FC meist mehr wollte, als er konnte.

Und wenn dann tatsächlich mal einer da war, der einen Ausweg aus diesem ewigen Kreislauf des Scheiterns versprach, wurde er überhöht, wie es kein Mensch auf dieser Welt verträgt. Christoph Daum durfte sich nach seiner Rückkehr 2006 inszenieren, wie ein Messias. Die legendäre Pressekonferenz im Krankenhaus, das erste Training mit 10.000 ergriffenen Zuschauern - im Geiste wurden da bereits Champions-League-Pläne gewälzt.

Oder der dicke Rucksack, der einem einfachen Jungen aus Bergheim namens Lukas Podolski aufgeschnallt wurde. Als "Poldi" 2009 aus München zurückkehrte, schien die ganze Stadt in den Klingelbeutel einzahlen zu wollen, damit die Zehn-Millionen-Ablöse gestemmt werden konnte. Mit "Poldi" wird alles gut, mit "Poldi" kommt der FC mindestens in die Europa League, mit "Poldi" gibt's kein Hochwasser mehr, keine Staus, kein Düsseldorf.

Dabei war dieser 1. FC Köln mal ein gut geführter und erfolgreicher Verein. Gefühlt muss das kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung gewesen sein, tatsächlich aber in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Unter Präsident Franz Kremer gewann der FC 1962 und '64 die Meisterschaft, führte als erster Klub das Merchandising ein und war im Grunde das Bayern München der Bundesliga-Frühzeit. Trainer Hennes Weisweiler führte den launischen Verein 1978 sogar zum Double. Ein starker Präsident und ein starker Trainer, wirtschaftliche und sportliche Kompetenz, Sturheit und Überzeugungskraft - wann gab's das zuletzt in Köln?

Frank Schäfer soll nun den GAU verhindern. Ein unaufgeregter, guter Trainer mit Blick für Talente, dem die Rettung zuzutrauen ist. Verhindert er den fünften Bundesligaabstieg, wäre das ein Erfolg. Verhindert er ihn nicht, wär's auch nicht schlimm, denn dann kann der FC ja wieder aufsteigen, was ein noch größerer Erfolg wäre. Ohnehin ist eigentlich alles in Ordnung, denn "et kütt wie et kütt". Schließlich ist der FC ja der FC.

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