Madeleine Schickedanz: Landgericht Köln verhandelt über die Milliardenklage der Quelle-Erbin | GA-Bonn

Madeleine Schickedanz

Landgericht Köln verhandelt über die Milliardenklage der Quelle-Erbin

KÖLN.  Der Herr Esch hat Madeleine gesagt. Die Frau Schickedanz sagte Josef. Inzwischen nennen sich die Erbin und der gelernte Maurer Klägerin und Beklagter. Heute werden die Anwälte von Madeleine Schickedanz in einem Saal des Kölner Landgerichts denen von Josef Esch und mehrerer weiterer Beklagter gegenübersitzen.
Madeleine Schickedanz war vor der Insolvenz von Arcandor eine der reichsten Frauen Deutschlands. Foto: dpa

Sie werden aller Voraussicht nach 1,9 Milliarden Euro Schadenersatz von Immobilienentwickler Esch, von früheren Sal.-Oppenheim-Verantwortlichen und von der Bank selbst fordern. Sie dürften zudem eine Darstellung bekräftigen, in der Schickedanz das Opfer ist und sich Immobilienentwickler Esch mit früheren Bankchefs zu ihrem verschworen haben sollen. Schickedanz' Gegner werden empört widersprechen.

Es geht in der Auseinandersetzung um das Vermögen einer Ex-Milliardärin. Doch es geht zugleich um weit mehr. Es geht um die Wahrheit über den Niedergang mehrerer deutscher Institutionen: über das Ende der Unabhängigkeit von Sal. Oppenheim und die Pleite des Karstadt-Quelle-Konzerns Arcandor.

Denn Arcandor und Sal. Oppenheim waren bei ihrem Niedergang derart eng miteinander verwoben, dass die eine Insolvenz beinahe die andere ausgelöst hätte: Die Banker und die Quelle-Erbin stürzten gemeinsam ins Unglück. Schickedanz aber will keine Schuld daran tragen. Ihre Anwälte sprechen von Schein- und Umgehungsgeschäften, wenn sie in der Klageschrift beschreiben, wie es zu der engen Verbindung zwischen der Erbin, den Bankern und dem Maurer kam.

Im Jahr 2001 drängte offenkundig die Zeit: Schickedanz besaß damals nur rund ein Viertel am Karstadt-Quelle-Konzern, der zwar vor allem eine Aktiengesellschaft, doch wohl auch ein Herzensanliegen der Erbin war. Schon im Jahr 2002 wäre es Schickedanz nur noch schwer möglich gewesen, ihren Anteil an dem Unternehmen zu erhöhen: Die Gesetze änderten sich damals. Schickedanz lieh sich wohl deshalb über ein zwischengeschaltetes Unternehmen Geld von Sal. Oppenheim. Sie kaufte Aktien auf Kredit. Was danach kommt, ist Gegenstand des Streits.

In den nächsten rund drei Jahren machten die Oppenheim-Banker und ihr Partner Esch noch ganz andere Geschäfte mit dem Karstadt-Quelle-Konzern, der später Arcandor hieß: Sie nahmen dem Handelskonzern Kaufhäuser ab, renovierten die Immobilien und vermieteten sie an den früheren Eigentümer. Das habe sich für beide Seiten gelohnt, heißt es im Umfeld von Esch: Der Maurer, der längst Immobilienentwickler geworden war, habe es verstanden, gut und günstig zu bauen.

Stimmen die Geschichten, die bei Oppenheim und Esch kursieren, dann konnte man das bei Karstadt und Quelle nicht: Verantwortliche dort sollen schon mal eine Säule für 50.000 Euro mit Marmor ausgekleidet haben - nur um das teure Gestein gleich wieder abreißen zu lassen. Es ist hoch umstritten, inwieweit die Immobiliengeschäfte zum Niedergang von Karstadt und Quelle beigetragen haben. Die Anwälte von Schickedanz jedenfalls behaupten: Esch und die Oppenheim-Banker hätten Interesse an weiteren Karstadt-Quelle-Immobilien gehabt.

Ihre Darstellung legt nahe, dass Esch und die Banker deshalb auf weiteren Einfluss beim Karstadt-Quelle-Konzern aus waren - und sie Schickedanz deshalb zu immer größerem Engagement bei dem Handelskonzern drängten: Stimmt, was in der Klageschrift steht, haben die Finanzexperten der Erbin ebendies durch ausgetüftelte Konstruktionen ermöglicht. Schickedanz soll gleichsam als Strohfrau missbraucht worden sein: Sie hatte demnach das Risiko, Esch und die Banker hatten den Vorteil.

Die Schickedanz-Anwälte nennen das angebliche Vorgehen sittenwidrig. Sie verlangen die Rückabwicklung der Geschäfte. Ihre Darstellung allerdings wirft Fragen auf: Warum soll Schickedanz sich nicht gewehrt haben, als andere sie mutmaßlich zur Strohfrau machten? Die Frage hat Gewicht, zumal Schickedanz kaum alleine gehandelt haben dürfte. Ihr Ehemann Leo Herl etwa vertrat sie im Aufsichtsrat ihres Handelskonzerns. Und: Warum hielt Schickedanz etwa im Jahr 2006 an ihren Karstadt-Quelle-Aktien fest?

Ein Verkauf hätte sich damals lohnen können. Unterlagen, die diese Zeitung eingesehen hat, legen zudem nahe, dass es einen Kaufinteressenten gab. Hat Schickedanz das nicht gewusst? Und falls ja, wer hat zu dem Zeitpunkt ein Interesse daran haben sollen, die Information zu verschweigen? Die Immobilien können damals kaum noch ein Grund gewesen sein. Sie hatte großteils schon das Konsortium Highstreet übernommen.

Über die Fragen soll nun das Kölner Landgericht beraten. Dass es dazu kommt, liegt wohl nur an einem einzigen der 14 Beklagten. Wie diese Zeitung aus Justizkreisen erfuhr, soll er sich geweigert haben, auf die Verjährung zu verzichten. Andere Beteiligte hätten gern im Stillen an einem Vergleich gearbeitet. Auch eine Einigung unter gerichtlichem Druck scheint möglich: Schickedanz und ihre Gegner sprechen noch miteinander. Die Zeiten, in denen sie sich duzten, dürften aber vorbei sein.

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