Blumenfrau mit Herz und Verstand

Vor 80 Jahren starb „Mutter Schüffelgen“ aus Wachtberg

BONN/WACHTBERG. Es gibt Menschen, die schon zu Lebzeiten Kultstatus genießen und auch Jahrzehnte nach ihrem Tod nicht vergessen sind. Veronika Schüffelgen (1845-1937) hat weder geschauspielert oder gedichtet, sie war weder reich noch adelig – sie hat Blumen verkauft.

Ihr Mutterwitz und ihre guten Ratschläge machten sie in der Bonner Studentenszene der Kaiserzeit berühmt, als man der Angebeteten noch ein Sträußchen Blumen verehrte. Heute vor 80 Jahren starb die legendäre Villiper Blumenfrau. Als Mutter Schüffelgen zählt sie zu den rheinischen Originalen, ihre Statue steht im Heimatmuseum Villip und im Bonner Stadtmuseum.

Dass heute so viel über diese besondere Frau bekannt ist, ist der Forschungsarbeit der Rheinbacher VHS-Direktorin und Kunsthistorikerin Barbara Hausmanns zu verdanken, die in ihrer Zeit als Wachtberger Gemeindearchivarin die Lebensgeschichte der Veronika Schüffelgen aufgeschrieben hat. Die Familie, in die sie hineingeboren wurde, war arm. Die Eltern Peter und Ursula Münch hatten eine winzige Landwirtschaft und eine kleine Weberei. 1868 heiratete Veronika den Arbeiter Theodor Schüffelgen, der ebenfalls aus Villip stammte. Sechs Töchter und vier Söhne wurden geboren. Weil der Mann als Tagelöhner oder Nagelschmied nur wenig verdiente, hatte die Familie Mühe, die Kinderschar durchzubringen. „Das könnte Veronika Schüffelgen dazu gebracht haben, als Blumenfrau für eine zusätzliche Einnahmequelle zu sorgen. Denkbar ist auch, dass sie sich schon vor ihrer Heirat als Blumenfrau in Bonn betätigt hatte“, berichtet Barbara Hausmanns.

Bis ins hohe Alter lief Mutter Schüffelgen täglich 15 Kilometer zu Fuß nach Bonn, um die Blüten aus dem eigenen Garten vor allem im Studentenkneipen und bei den Festen von Corps und Verbindungen zu verkaufen. In breitem Platt mit rollendem „R“ sprach sie ihre Kunden mit „E Strüßche, Herr Dokter“ an, den akademischen Titel bekam nämlich jeder. Die Steigerung war „Herr Baron“. Selbst beim späteren deutschen Kaiser Wilhelm II. hatte Mutter Schüffelgen während dessen Bonner Studentenzeit so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass er bei keinem Bonn-Besuch vergaß, ihr Grüße zu bestellen.

Ein Telegram vom Kaiser

Zur Goldhochzeit 1918 gratulierten der Kaiser mit einem Telegramm, Kronprinz Wilhelm schickte ein Päckchen, das der örtliche Bürgermeister überreichte. Auch Bonner Bürger und der Adel gehörten zur Kundschaft der kleinen rundlichen Blumenfrau aus dem Ländchen. „Die wusste in ihrer unnachahmlichen Art nicht nur Maiglöckchen und Rosen an den Mann zu bringen, sondern auch mit Humor und Lebensklugheit am Liebesglück und Leid ihrer Kunden teilzuhaben“, so Hausmanns. Als echtes Original wurde sie in Zeichnungen und auf Fotos verewigt. Das bekannteste stammt aus dem Studio Schafgans und zeigt die Blumenfrau mit Korb und Kopftuch neben ihrer Schwester Anna-Margarethe Radermacher.

Ihr Geschäft gab Schüffelgen erst in den unsicheren Zeiten der Weimarer Republik auf. Sie lebte schließlich hoch betagt bei ihren Töchtern in Villip und erzählte den Enkeln von ihrem Leben. Zu ihrem 90. Geburtstag kamen noch einmal Grüße aus Bonn und Berlin, Tübingen und New York, wohin es ihre ehemaligen Studenten verschlagen hatte.

„Ähnlich wie die berühmte Lindenwirtin Aennchen Schumacher, mit der sich die Villiper Blumenfrau gut verstand, gehörte Veronika Schüffelgen wie selbstverständlich zur Bonner Studentenszene“, berichtet Hausmanns. Beide Frauen, so verschieden sie auch gewesen seien, habe eine gesunde Geschäftstüchtigkeit mit viel Herz und Verstand verbunden.

In Villip begraben

Es gibt noch eine Anekdote zur Godesberger Lindenwirtin: Die hatte Mutter Schüffelgen nämlich ein Jahr zu früh zum 90. Geburtstag gratuliert. Aennchen Schumacher machte laut Hausmanns zwar gerne ein Geheimnis aus ihrem Alter, verwies aber auf ihren bevorstehenden 75. Geburtstag. „Veronika Schüffelgen hat über das kleine Versehen großzügig hinweggesehen und Aennchen freundlich gedankt.“

Mit 92 Jahren starb die legendäre Blumenfrau und wurde neben ihrem Mann auf dem Villiper Friedhof begraben. Ihr Grab ist dort heute noch erhalten.