Pferdeklinik Wachtberg

So kommen Pferde auf den OP-Tisch

Godesberg Villiprott Pferdeklinik

Godesberg Villiprott Pferdeklinik

Wachtberg-Villiprott. Das Team von Carsten Rohde behandelt in der Pferdeklinik am Kottenforst 600 Tiere pro Jahr. Dabei wird mit modernster Technik gearbeitet.

Drei winzige Knochensplitter im Fesselgelenk könnten Paula in ein paar Jahren das Leben schwer machen. Doch die Halterin des sechsjährigen Hannoveraners möchte ihren Liebling demnächst reiten und nicht, dass er später einmal lahmt. Sie hat sich deshalb für eine Operation in der Wachtberger Pferdeklinik am Kottenforst entschieden. Gleich geht es zur Narkose, schon wenige Minuten danach wird das bewusstlose Warmblut mit einem elektrischen Kran auf den OP-Tisch gehievt. Eigentlich sieht es im weiß gekachelten Saal aus wie in einem normalen Krankenhaus und funktioniert auch fast genauso: Aber es ist Chirurgie in XXL.

Auf Paulas Röntgenbildern sind über dem Huf vorne links eine größere Absplitterung und zwei kleinere deutlich zu sehen. Wie bei allen anderen 500 bis 600 Operationen im Jahr hat Carsten Rohde mit der Eigentümerin die Risiken und Kosten – sie liegen hier bei rund 1500 Euro – besprochen und eine Einwilligung zur Narkose verlangt. „Je besser deren Qualität ist, desto weniger Zwischenfälle gibt es“, sagt der Gründer und leitende Tierarzt der Klinik. Bei ihm komme es äußerst selten zu Komplikationen.

 

So läuft auch bei Paula alles glatt. Während im Hintergrund Camila Cabello im Radio ihr „Havana“ singt, fallen dem Pferd nach der Beruhigungsspritze so langsam die Augen zu. Rohde steht vor ihm und beruhigt es. „In anderthalb Minuten liegt es“, sagt der 51-Jährige. Um die Hufe kommen Seile, um das schwere Tier sicher an den Haken zu bekommen. 400 bis 600 Kilo wiegt so ein Pferd.

Paula unter Narkose

Paula bekommt nicht mit, dass sie gleich schon auf der blauen Matratze liegt und die riesige OP-Lampe ihn ins rechte Licht rückt. Eine Anästhesistin kümmert sich um den Beatmungsschlauch, ein Maulgatter sorgt dafür, dass das Pferd ihn nicht durchbeißt. Das Narkosegas Isoflurane hält die Stute im Tiefschlaf. Sauerstoffsättigung, Puls und Narkosetiefe werden während des gut einstündigen Eingriffs ständig überwacht.

„Ich habe schon vor meinem Studium den Beschluss gefasst, dass ich mich auf Pferde spezialisieren möchte“, sagt Rohde, der selbst vier Pferde besitzt (siehe „Vom Pferdeliebhaber zum Arzt“). Für ihn ist der Beruf eine Leidenschaft, selbst wenn die Arbeitswoche manchmal 80 Stunden hat. „Das ist kein Job von acht bis fünf“, sagt der Wachtberger, dessen Elternhaus gerade mal 100 Meter entfernt in Villip steht. Kliniken wie seine gibt es nicht an jeder Ecke. Die einzige weitere in der Nähe ist Burg Müggenhausen bei Weilerswist, wo Rohde auch schon ein Jahr lang gearbeitet hat.

Patienten gibt es viele: Die Bandbreite reicht vom Familienpony bis zum Top-Sportpferd. Oftmals lahmen letztere und können nach der Behandlung wieder bei Rennen antreten. So hat es Rohdes Team mit acht Ärzten, sechs Auszubildenden und den Kollegen in der Verwaltung – insgesamt 25 Leute – oftmals mit Gelenk-, aber auch Weichteiloperationen zu tun. Hat ein Pferd Bauchschmerzen und ist deshalb unruhig, schweißgebadet und legt sich vor Schmerzen hin, kann ihm in Villiprott auch geholfen werden. Mit Ultraschall-, Rektal- und Magenflüssigkeitsuntersuchungen per Sonde kommt der Arzt der Pein auf die Spur und weiß Abhilfe. Auch ein Pferd kann durch Stress ein Magengeschwür bekommen. Sind genauere Blicke auf Gewebe und Organe nötig, geht's zur Magnetresonanztomographie, kurz MRT. Rohde behandelt auch Zahnschmerzen und Notfälle.

Patient aus dem Persischen Golf

Für vier Wochen ist zurzeit ein Patient vom Persischen Golf angereist, dessen Kniegelenk in Mitleidenschaft gezogen ist. Der 24-jährige Blitz im Stall leidet unter Arthrose und soll nach dem Klinikaufenthalt wieder schmerzfrei sein. Cosma (2) kam mit gebrochenem Krongelenk ins Krankenhaus und bekommt nun Platten und Schrauben eingesetzt. Die Auftragslage ist gut, sodass Rohde noch in diesem Jahr seine 25 Boxen um 14 weitere aufstocken will.

Nun kümmert er sich aber erst mal mit Kittel, Mundschutz und Handschuhen um Paula, die mittlerweile blaue Plastiktüten an den drei gesunden Hufen hat. Ein Bootsfender zwischen den Pferdebeinen bringt den Kranken in die richtige Position. „So, jetzt geht's los“, sagt Rohde und setzt ins rasierte Bein zwei winzige Schnitte. Durch den einen Schlitz schiebt er eine Beleuchtungssonde, um seine kaum blutige Arbeit am Bildschirm verfolgen zu können. Im Band zwischen den Gleichbeinen entdeckt er schon bald das erste störende Knochenstück und legt es mit einem Skalpell frei. Ständig läuft sterile Kochsalzlösung durch das Bein, damit es es sich genügend ausdehnt. Rohde setzt auf den Millimeter genau den Fasshaken an und dreht das einen halben Zentimeter lange Knochenstück heraus. Zur Sicherheit macht er eine Röntgenaufnahme, die aufdeckt, dass wirklich alles raus ist.

Um an die anderen Knöchelchen zu kommen, dreht das OP-Team das Pferd wieder mit dem Kran auf die andere Seite. Am Ende näht Rohde die Wunden zu und verbindet sie. Eine Viertelstunde später kommt Paula in der Aufwachbox zu Bewusstsein. Ihr wird eine zweiwöchige Boxenruhe verordnet und 14 Tage später läuft sie schon wieder über die Weide, als wenn nichts gewesen wäre.