Charly backt keine Brötchen mehr

Bäckermeister aus Pech findet kein Personal

Wachtberg-Pech. Weil es an Personal fehlt, muss der Pecher Bäckermeister Karl "Charly" Sonntag sein Angebot im Pecher Stammsitz umstellen und seine Filiale in Villip schließen.

Ab Dienstag, den 19. Juni heißt es für die vielen Kunden von „Charly´s Backstube“ in Pech „umstellen“. Denn ab diesem Datum backen Bäckermeister Karl „Charly“ Sonntag und sein Sohn Manuel die von der Kundschaft bislang so geschätzten Brötchen und das Brot nicht mehr selber. Schuld ist keineswegs die Nachfrage. Eher im Gegenteil: Die alteingesessene Pecher Bäckerei erfreut sich ungeachtet aller Konkurrenz von Großbäckereien „einer umfangreichen Stammkundschaft“, betont der 59 Jahre alte Bäckermeister. Auch die seit über einem Jahr andauernden Brückenbauarbeiten an der Pecher Hauptstraße, die der Bäckerei eine höchst ungünstige Anfahrtslage fast am Ende einer Sackgasse bescherte, hat Familie Sonntag dank „der sehr treuen Stammkunden“ überstanden. „Wir hatten rund 20 Prozent weniger Laufkunden“, so Sonntag,

Doch was Bauarbeiten und Konkurrenz nicht vermochten, schaffte nun der Mangel an Personal: Charly Sonntag und sein Sohn Manuel müssen ihr Angebot zurückfahren: „Die schon lange schwierige Personalsituation in unserer Backstube hat sich trotz aller Bemühungen leider nicht gebessert, sondern weiter verschlechtert“, steht auf einer Kundeninformation der Bäckerei zu lesen.

Daher muss Sonntag jetzt die Notbremse ziehen. Anders formuliert: Brot und Brötchen liefern ab dem 1. Juni die befreundete Bäckerei Markmann aus Friesdorf. Karl Sonntag und sein Sohn produzieren aber weiterhin Feingebäck wie Stollen, Kekse und Stuten in Eigenregie. Eine weitere Folge der Personalknappheit ist: Auch die Filiale der Bäckerei in Villip wird an diesem Samstag schließen.

Anderer Biorhythmus

„Charlys Backstube“ ist für Freunde frischen Backwerks aus Wachtberg eine feste Adresse, und selbst für viele andere, die eine weitere Anfahrt haben. „Zu uns kommen Stammkunden aus Euskirchen, die sich morgens auf dem Weg zur Arbeit nach Bonn bei uns Brötchen holen“, weiß Maria Sonntag, geborene Bohlen, zu berichten. Ihr Großvater Karl Hoffmann hatte die Bäckerei 1914 in Pech geründet. Was Charly´s Backstube gerade für viele Pendler interessant macht: „Wir haben wochentags ab 5.15 Uhr geöffnet“, erklärt Maria Sonntags Mann Karl, der bei ihrem Vater 1973 in die Lehre gegangen war.

Seit 1994 ist er Chef im Haus und seine Backwaren verkauften sich auch dank eines guten Service und der frühen Öffnungszeiten weiterhin wie das sprichwörtliche „geschnittene Brot“. Doch dafür muss der Chef einiges an Lebensqualität investieren: Sechs Tage die Woche steht Sonntag 12 bis 14 Stunden in der Backstube, nur montags ist Ruhetag. Los geht der Arbeitstag abends um 21.30 Uhr, und endet um 10 Uhr, Erst gegen 15 Uhr gönnt sich Sonntag dann eine Nachtruhe, die bis 20.30 Uhr dauert. Kurzum: Sein Biorhythmus ist ein völlig anderer – und das seit 45 Jahren.

Vor allem mit Rücksicht auf seine Gesundheit will Bäckermeister Sonntag daher ein Stück weit kürzer treten. Doch das ist einfacher gesagt als getan: Denn die Personalsituation der Bäckerei ist schlicht zum Haare raufen: „Im vergangenen Jahr waren wir zu dieser Zeit noch zu sechst, jetzt bin ich mit meinem Sohn alleine“, gibt der Pecher Bäckermeister resigniert zu Protokoll. Zu dem personellen Engpass ist es vor allem gekommen, weil Sonntags Bruder Klaus ab Juli Rente bezieht und sein bewährter Konditormeister Anfang des Monats nach Wiesbaden in eine große Konditorei gewechselt ist. Karl Sonntag setzte zunächst große Hoffnungen auf das Arbeitsamt, doch die wurden enttäuscht: „Ich habe 43 Karten mit Interessenten bekommen, aber nur einer hatte sich gemeldet.“

Lehrlingsklassen werden immer kleiner

Und auch der kam als Verstärkung nicht infrage. „Der Job ist für viele einfach zu hart, vor allem mit Blick auf die Arbeitszeiten“, glaubt er. Die Einschätzung bekam Sonntag mehr oder weniger in einem Vorstellungsgespräch mit einem Bäckermeister bestätigt, auf den er durch eigene Initiative aufmerksam geworden war: „Der Mann beanspruchte das volle Meistergehalt und wollte dafür nur vier Tage die Woche arbeiten. Den umsatzstarken Samstag ausdrücklich nicht.“ Karl Sonntag verstand die Welt nicht mehr.

Da Sohn Manuel Sonntag die Bäckerei nicht alleine weiterführen will, wird auch Vater Karl noch eine Weile dabei bleiben müssen: „Schließlich bin ich Bäcker aus Leidenschaft, dem der Job immer noch Spaß macht, zumal wir eine tolle Stammkundschaft haben.“ Die müssen freilich auf einen liebgewordenen Service verzichten: Selbstgebackene Brötchen und Brote wird es fortan in Charly's Backstube nicht mehr geben, die liefert der Bad Godesberger Bäckermeister Christoph Markmann. Auch der sagt: „Alle Bäcker in der Region haben die gleichen Probleme, Personal zu bekommen“. Auch die Lehrlingsklassen würden immer kleiner. Derzeit habe er zwei Flüchtlinge in Ausbildung.

Für Stammkunden ist das eine traurige Nachricht. „Das darf doch nicht wahr sein“, bringt es die 85-jährige Elisabeth Alken auf den Punkt. Auch für Irmgard Wegener (81) ist das Ganze bitter: „Ich kaufe hier fast jeden Tag Brot und Brötchen ein, auch für meine Nachbarn.“ Für Karl Sonntag bringt die Umstellung allerdings einen unschätzbaren Vorteil: Ab Mitte Juni braucht er sechs Tage in der Woche erst um 2.30 Uhr aufzustehen.