Fall aus Niederbachem vor Gericht

Überraschende Wendung nach Tankstellenraub

20.02.2019 Bonn/Niederbachem. Vor eineinhalb Jahren wurde eine Tankstelle in Niederbachem überfallen. Der Täter wurde damals vom Betreiber der Tankstelle verfolgt und überwältigt. Jetzt steht der Räuber vor Gericht - und überraschte am Dienstag die Anwesenden mit seiner Aussage.

Eine überraschende Wendung hat am Dienstag der Prozessauftakt vor dem Bonner Landgericht gegen einen 22-Jährigen genommen, der vor anderthalb Jahren eine Tankstelle in Niederbachem mit eine Pistolenattrappe überfallen haben soll. Der Überfall im Juli 2017 hatte seinerzeit für Schlagzeilen gesorgt, weil Tankstellenbetreiber Bekim Elmazi den Täter verfolgt, gestellt und überwältigt hatte. Als Kampfsportler ein Leichtes für ihn.

Vor Gericht gab der 22-jährige Angeklagte deutscher Nationalität, der bereits mehrfach mit dem Gesetz im Konflikt geraten war, und sich beruflich mit dem Vertrieb von Handyzubehör versucht, die Tat ohne Wenn und Aber zu. Aus Sicht der Staatsanwältin handelt es sich dabei um eine räuberische Erpressung. Allerdings ließ der Angeklagte über seinen Anwalt Martin Kretschmer erklären, dass er von dem 23-jährigen Kassierer der Tankstelle, der zum Zeitpunkt der Tat Dienst hatte, zu der Tat überredet, geradezu gedrängt worden zu sein. Warum er erst jetzt damit rausrücke, erklärte er damit, dass er dem Mittäter zugesagt habe, ihn zu decken.

Beide hätten sich anschließend die Beute teilen wollen. Und die wäre für einen Tankstellenraub vergleichsweise groß gewesen, wie ein Polizeibeamter dem Gericht bestätigte. Denn der 22-Jährige hatte neben 19 Stangen Zigaretten im Wert von 1129 Euro auch noch 8643 Euro Bargeld in seine Sportasche gepackt. Bereits kurz nach der Tat hatten sich Zweifel an der Alleintäterschaft des 22-Jährigen ergeben. So hatte der Täter etwa gewusst, dass sich in dem Büro der Schlüssel für den Tresor befand. Allerdings betonte ein damals ermittelnder Polizeibeamter vor Gericht, "dass sich eine Mittäterschaft des Kassierers beweismäßig nicht festmachen ließ".

Der 23-jährige ehemalige Kassierer, der vor Gericht zunächst nur als Zeuge geladen war, bestritt seine Mittäterschaft. Er gab an, den 22-Jährigen nur flüchtig zu kennen, und zwar von Treffen zusammen mit seinem 23-jährigen Cousin. Diese Version wiederum bestritt auch der Cousin, der von einer "engen Freundschaft" zwischen Verdächtigem und Kassierer sprach. Doch Letzterer wollte davon erneut nichts wissen und behauptete, nicht einmal eine Telefonnummer vom Angeklagten zu besitzen. Das allerdings konnte dieser mittels seines Smartphones widerlegen, auf dem nicht nur Fotos und Videos von gemeinsamen Unternehmungen gespeichert waren. Zudem findet sich dort noch eine erst am Tag vor dem Prozess verfasste Whatsapp des Kassierers an ihn mit der Frage: "Bist Du wieder in Mehlem, Bruder?"

Beides schauten sich Richter, Verteidigung und Staatsanwältin näher an. Zudem machten sie eine Probe aufs Exempel und baten auch den Kassierer um die Abgabe seines Handys. Auf dem entdeckten die Juristen laut Verteidiger auch besagte Whatsapp. "Einer von ihnen hat gelogen", stand damit für den Richter fest. Der wollte nun vor allem dem Kassierer Bedenkzeit und die Möglichkeit geben, einen Anwalt hinzuzuziehen. Am Mittwoch sehen sich alle Beteiligten vor dem Landgericht wieder. Notfalls will der Richter die Handys vom Landeskriminalamt auswerten lassen. (Axel Vogel)