Interview mit Michael Eschweiler

Pfarrer schreibt Buch über seine Pilgerwanderung

Heimerzheim. Zurzeit machen sich viele Menschen auf den Weg, weil sie vor Krieg, Hunger oder Verfolgung fliehen. Der in Heimerzheim lebende Pfarrer Michael Eschweiler hat sich freiwillig auf den Weg gemacht. Mit dem 63-jährigen Geistlichen sprach Hans-Peter Fuß.

Jedes Jahr im August pilgert Michael Eschweiler auf verschiedenen Strecken des "Camino" nach Santiago de Compostela zum Grab des heiligen Jakobus. Dabei legt er in acht bis zehn Tagen etwa 150 Kilometer zurück. Jetzt hat er über seine Erfahrungen das Buch "Finde Deinen Weg und geh!" geschrieben.

Sie sind nicht als Ausdauersportler bekannt. Was hat Sie dazu bewogen, jedes Jahr etwa 150 Kilometer zu Fuß zu pilgern?

Michael Eschweiler: Durch meine religiöse Erziehung war ich schon früh ein Wallfahrtsmensch. Ich fand es schon als Kind schön, irgendwo hinzufahren, dort zu beten, zu essen, zu trinken. Später habe ich bei der Studentenwallfahrt nach Chartres mitgemacht, als Kaplan bin ich mit der Gemeinde zu Fuß nach Kevelaer gegangen und habe mich mit Jugendlichen auf die Spuren von Franz von Assisi begeben. Seit 30 Jahren begleite ich Wallfahrten nach Lourdes. Nachdem vor einigen Jahren meine Eltern gestorben waren, um die ich mich bis dahin gekümmert hatte, hatte ich Zeit, um nach Santiago de Compostela zu gehen.

Ist der Weg nach Santiago, der Camino, die Krönung Ihres Pilgerlebens?

Eschweiler: Er ist neu und besonders. Er muss ergangen werden in körperlichen Grenzen, in der Beschäftigung mit sich selbst, in der Begegnung mit anderen Menschen und mit der Natur.

Worin liegt der Unterschied zu Ihren früheren Pilgertouren?

Eschweiler: Als begleitender Priester bin ich für andere da. Auf dem Camino bin ich nur für mich selbst da.

Abtprimas Notker Wolf, der Chef aller Benediktiner, hat das Vorwort zu Ihrem Buch geschrieben. Wo haben Sie ihn kennengelernt?

Eschweiler: In der Wartehalle des Flughafens von Rom. Ich glaube, das Zusammentreffen war gottgewollt. Wir haben uns 20 Minuten unterhalten. Er ist Chef von 800 Klöstern und dennoch bescheiden, demütig und menschennah.

Wie haben Sie sich körperlich auf den Pilgerweg vorbereitet?

Eschweiler: Eigentlich zu wenig. Ich bin in der Eifel und im Rheingau mit Rucksack gewandert, Tagesetappen um die 20 Kilometer.

Und logistisch?

Eschweiler: Mit Hilfe von Literatur habe ich die Tagesziele festgelegt.

Wie läuft ein Pilgertag ab?

Eschweiler: Übernachtet habe ich in einfachen Herbergen oder Pensionen. Ich bin gegen 6 Uhr aufgestanden und dann um 7 Uhr ohne Frühstück losgegangen. In der ersten Stunde habe ich immer geschwiegen, auch wenn ich in einer Gruppe unterwegs war. Dieses Schweigen öffnet die Sinne für Gottes Schöpfung. Das war eine neue Erfahrung für mich, eine Bereicherung. Unterwegs ziehe ich auch die Uhr aus, lege sie in den Rucksack, um gar nicht erst in zeitlichen Stress zu geraten. Unterwegs esse ich Kleinigkeiten. Man kommt ins Gespräch mit anderen Pilgern. Wo kommst Du her? Warum gehst Du den Camino? Gegen 15 Uhr bin ich meist am Ziel der Tagesetappe, habe dann so um die 20 Kilometer hinter mir. Dann ist Zeit für Regeneration und Abendessen und auch für ein Glas Wein und Gespräche mit anderen Pilgern.

Warum sind Sie alleine gegangen und nicht in einer Gruppe?

Eschweiler: In einer Gruppe sind immer Absprachen notwendig. Das wollte ich nicht.

Haben Sie sich in den Gesprächen unterwegs als Priester zu erkennen gegeben?

Eschweiler: Zunächst nicht. Ich habe gesagt, ich übe einen sozialen Beruf aus. Das ist ja nicht gelogen. Ich wollte nicht, dass die Gespräche dadurch in eine Richtung gelenkt oder sogar blockiert werden.

Welche Menschen sind auf dem Camino unterwegs?

Eschweiler: Da waren zwei Mädchen, für die war die Pilgertour das Geschenk zum Abitur. Ein junger Mann wagte nach einer Drogenkarriere einen neuen Start. Andere wollten ihre sportlichen Grenzen ausloten. Viele dankten Gott für seine Hilfe. Die Gespräche berühren, weil sie Stücke aus dem Leben der Menschen abbilden.

Welche Kirchen haben Ihnen unterwegs besonders gefallen?

Eschweiler: Die meisten Kirchen sind ja zu. Das ist kein einladendes Signal. Das hat mich oft geärgert. Wenn mal eine Kirche offen war, habe ich dort gerne eine Pause gemacht und auch alleine gesungen, um die Akustik zu testen.

Was haben Sie auf dem Camino an sich selbst neu entdeckt?

Eschweiler: Die nicht-aktive Seite. Ich habe mir Zeit für mich selbst genommen, habe Entschleunigung erfahren. Ich habe ein neues Bewusstsein dafür bekommen, dass wir eine einmalige Zeit auf Erden verbringen, dass meine und unsere Lebenszeit endlich ist. Und diese Zeit ist kostbar. Der Camino ist wie eine Therapie für mich. Ich brauche das.

In Ihrem Buch sprechen Sie oft von Sehnsucht. Wonach haben Sie sich auf dem Camino gesehnt?

Eschweiler: In jedem Menschen steckt die Sehnsucht nach Glück. Darin stecken einige Fragen: Wie ist Dein Leben? Was machst Du daraus? Wie ist Dein Weg? Die Sehnsucht besteht darin, meinen richtigen Weg zu finden und in verschiedenen Lebensphasen zu fragen: Was ist das nächste Stück? Was sind meine Wünsche, meine Träume?

Sie schreiben, der Camino sei eine andere Welt. Warum?

Eschweiler: Auf dem Camino zählt nur der Mensch. Keine Funktion, kein Besitz, keine Religion, kein Beruf. Diese Erfahrung tut allen gut.

Welche Grenzen haben Sie auf dem Camino erfahren?

Eschweiler: Ich habe mich oft gefragt: Bin ich eigentlich verrückt? Es war oft heiß, ich war müde, der Rucksack wurde immer schwerer.

Wie haben Sie sich motiviert, dennoch weiter zu gehen?

Eschweiler: Ich wollte unbedingt mein Ziel erreichen. Dazu gehört Leidenschaft. In meiner Hosentasche hatte ich einen Sinnspruch für jeden Tag, über den ich dann nachgedacht habe. Ich habe oft den Rosenkranz gebetet. Und ich habe viele schöne Dinge am Wegesrand wahrgenommen, wie zum Beispiel eine Taufe unter Pilgern. Man sieht auch viele Ziegen. Der Geißbock ist eben überall.

Wo und wie sind Ihnen "Engel" begegnet?

Eschweiler: Damit meine ich Menschen, die mir geholfen haben. Zum Beispiel eine Arzthelferin, die mir die Füße verarztet hat. Oder Rafael, der für mich in einer Apotheke gedolmetscht hat.

Warum ist der heilige Jakobus ein "Freund" für Sie?

Eschweiler: Er gehörte zu den drei Aposteln, die ganz nahe bei Jesus waren. Auch wir können uns selbst in die Nähe Jesu begeben, wenn wir Jesus vertrauen.

Wie haben Sie die Ankunft in Santiago erlebt?

Eschweiler: Die erste Ankunft war sehr emotional. Es war auch eine Befreiung. Da habe ich sogar geweint, als ich die Figur des heiligen Jakob in der Kathedrale berührt habe. Mittlerweile ist Santiago für mich ein Stück Heimat.

Das Buch "Finde Deinen Weg und geh!" ist für 12,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Pfarrer Michael Eschweiler spendet den Erlös an den Ambulanten Kinderhospizdienst in Köln und an die Ökumenische Hospizgruppe Rheinbach/Meckenheim/Swisttal. Aus gesundheitlichen Gründen hat Eschweiler vorerst alle Lesungen abgesagt. So auch die für morgen, 16. Oktober, vorgesehene Vorstellung seines Buches in der Heimerzheimer Bookcompany.

Zur Person

Michael Eschweiler, 1952 in Bonn geboren, aufgewachsen in Rösberg und Merten, studierte in Bonn, Regensburg und Köln Theologie. 1979 wurde er im Kölner Dom von Joseph Kardinal Höffner zum Priester geweiht. Eschweiler ist seit 2006 Seelsorger im Bethesda-Krankenhaus in Wuppertal. Der bekennende Rheinländer ist auch bekannt für seine Mundartmessen und seine Liebe zum 1. FC Köln. Er lebt im Heimerzheimer Pfarrhaus.