Bert Wollersheim

Doku-Star und Rotlichtkönig besucht Heimerzheim

Besuchten vergangenes Jahr Heimerzheim: Bert und Sophia Wollersheim.

SWISTTAL-HEIMERZHEIM. Bert Wollersheim, der "Hemezeme Jong", der im Salon der Eltern an der Vorgebirgsstraße das Friseurhandwerk erlernte und am Donnerstag 60 wird, gilt als Rotlichtkönig von Düsseldorf, der drei Edelbordelle, ein Erotik-Hotel und eine Piano-Bar führt.

Bert Wollersheim war schon immer etwas anders. Als junger Mann trug er das Haar erheblich länger und die Jeans erheblich enger als seine Altersgenossen. Das war um 1970 herum.

Gut 40 Jahre später gilt der "Hemezeme Jong", der im Salon der Eltern an der Vorgebirgsstraße das Friseurhandwerk erlernte und am Donnerstag 60 wird, als Rotlichtkönig von Düsseldorf, der drei Edelbordelle, ein Erotik-Hotel und eine Piano-Bar führt. Und er ist ein Medienphänomen: 150 TV-Auftritte in zehn Jahren hat er gezählt.

Am 9. November 2010 hat Wollersheim seine 36 Jahre jüngere Lebensgefährtin Sophia geheiratet. Und zwar in der Memory Chapel in Las Vegas. "Eine würdige Zeremonie, keine Show fürs Fernsehen", sagen beide. Den ersten Kontakt hatte Sophia übers Internet geknüpft. "Ich wollte ihn nur bitten, mir einen Job als Model oder Hostess zu vermitteln", erzählt sie.

RTL 2 hat Hochzeit und Hochzeitsvorbereitungen gefilmt und sendet das Ergebnis montags um 20.15 Uhr. "Die Wollersheims - eine schrecklich schräge Familie" heißt die Doku, der pro Folge rund eine Million Menschen zuschauen, Tendenz steigend. Was die Leute sehen, ist nicht spektakulär: Bert faltet Handtücher, brät einen Rinderbraten, schaut sich beim Autohändler um. Derweil betankt Sophia den Lincoln Continental, besucht ein Kosmetik-Studio und lässt erotische Fotos machen. Der Sender versieht die Handlung mit teils ironischen Kommentaren.

Was ist dran an diesem Paar, das von sich sagt, es sei völlig normal, habe aber eine andere Lebensphilosophie als andere Menschen? Fototermin ist am alten Sportplatz in Heimerzheim, der längst bebaut ist. Dort und am Waldrand hat sich Bert Wollersheim als Junge mit seinen Freunden Baumhäuser gebaut.

Die Wollersheims kommen in einem weißen Lincoln. Im Verhältnis zu den anderen zehn US-Kutschen, die in der Scheune ihrer Ranch in Willich bei Mönchengladbach stehen, eher ein Kleinwagen. Die 23-jährige Sophia Wollersheim ist für die Jahreszeit etwas zu leicht bekleidet. Bert Wollersheim ist immer noch so dünn wie der junge Westernhagen in "Theo gegen den Rest der Welt", aber durchtrainiert. Die Frisur erinnert an Rod Stewart: Nicht umsonst, so erzählt er, wurde er vor der Hochzeit in Las Vegas mit dem Rocksänger verwechselt.

Im Sommer 2010 kam das Angebot von RTL 2. "Ziemlich unüberlegt haben wir zugesagt", sagt Bert Wollersheim. Er spricht leise, erweckt nicht den Eindruck, ein Super-Macho zu sein. "Manchmal haben wir die Kameras zu nah rangelassen", sagt er. Es gebe kein Drehbuch, kein Konzept, "die halten die Kamera drauf, und dann muss man irgendwas sagen".

Aber er bereue nicht, mitgemacht zu haben. Den Eingriff ins Privatleben hat das Paar natürlich nicht kostenlos zugelassen. Über die Höhe der Gage sagen die Wollersheims aber nichts. Mit Kritik geht der 60-Jährige gelassen um: "Man muss sich das ja nicht ansehen, wir sind keine Schauspieler, wir sind einfache Menschen. Was gezeigt wird, ist unser Alltag, wir sind authentisch." Und der bestehe nicht nur aus Kosmetik und Shopping, sagt Sophia Wollersheim, die sich als "klassische Hausfrau" sieht. Der Alltag im Bordell spielt in der Doku keine große Rolle. Dabei ist Bert Wollersheim "80 bis 100 Stunden in der Woche fürs Geschäft unterwegs".

In Kontakt mit der Branche kam er Anfang der 70er, als er als Friseur beim Düsseldorfer Innungsmeister auch "Herren in Nadelstreifenanzügen aus der Unterwelt" die Haare schnitt. Um seinem ersten Bordell "Darling" einen legalen Anschein zu verpassen, stellte er eine Sonnenbank und ein paar Fitnessgeräte auf. Das Ordnungsamt war zufrieden. "Heute sind meine Häuser lange ordnungsgemäß angemeldet", sagt Bert Wollersheim. Er biete seinen 120 Damen sichere Arbeitsplätze. "Sie kommen freiwillig und können jederzeit gehen", ergänzt Sophia Wollersheim, die in die Geschäftsführung eingestiegen ist, nachdem sie zuvor als Immobilienmaklerin gearbeitet habe. "Ich bin eben nicht nur blond", sagt sie.

Moralische Bedenken hinsichtlich ihres Broterwerbs haben die Wollersheims nicht: "Moral ist subjektiv, das muss jeder für sich entscheiden." Bert Wollersheim: "Ich fühle mich nicht unmoralischer als mancher Banker." Wenn Leute in Klischees denken, sei das deren Problem.

Das Paar achtet darauf, dass neben Geschäft und Dreharbeiten Berts Sohn Alain (9) nicht zu kurz kommt.

"Er wächst völlig normal auf", sagt der Vater, der oft der einzige Mann bei Elternabenden in der Schule ist. Als der Junge neulich fragte, womit er sein Geld verdiene, musste Papa tricksen: "Ich habe gesagt, da treffen sich Männer und Frauen, trinken was und amüsieren sich." Für Kinder hat Bert Wollersheim bereits "mehr als 50 000 Euro", so schätzt er, gesammelt und gespendet und einem krebskranken Kind einen Besuch beim Papst ermöglicht.

Bert Wollersheim, katholisch erzogen, ist kein Kirchgänger, aber er glaubt an Gott. "Es ist wichtig, dass Menschen an eine höhere Kraft glauben", sagt er. Das Kreuz an seiner Halskette sei nicht nur Schmuck. Vor Jahren wollte er ein "Gotteshaus für alle Glaubensrichtungen" bauen. Denn Frieden sei machbar.

Bert Wollersheim kann sich vorstellen, in seinem Geburtsort Heimerzheim, wo er als Junge auf der "Alm" Kastanien sammelte, beim Schützenfest mit junger Frau und Ami-Schlitten eine Attraktion ist und alle paar Wochen Vater Bertram und Stiefmutter Anita Wollersheim besucht, seinen Alterssitz zu nehmen. In ein paar Jahren. Denn noch lebt er "auf der Überholspur", geht um 5 Uhr morgens ins Bett, kommt mit drei bis vier Stunden Schlaf ("Zeitdiebstahl") aus.

"Ich möchte mehr Zeit für die Familie haben", lautet sein Wunsch zum Geburtstag. Man glaubt es kaum aus dem Mund dieses Paradiesvogels, der einst aus Heimerzheim auszog, "um aus den engen Normen der Gesellschaft auszubrechen". Aber auch "Altrocker" lassen es irgendwann ruhiger angehen.

Kurz gefragt

Sylvia Fahrenkrog-Petersen ist Geschäftsführerin der Kölner Firma "Good Times", die "Die Wollersheims" für RTL 2 produziert.

Jede Woche sehen eine Million Menschen "Die Wollersheims".
Fahrenkrog-Petersen: Wir erreichen sechs Prozent der 14- bis 49-Jährigen. Eine gute, steigende Quote über dem Senderschnitt.

Die Serie war für sechs Folgen konzipiert. Jetzt wird bereits die neunte gedreht.
Fahrenkrog-Petersen: Von mir aus könnte sie weitergehen.

Bietet das Paar denn soviel Stoff?
Fahrenkrog-Petersen: Bert hat Kultpotenzial. Er ist ein spannender Charakter, der polarisiert.

Verzerrt der Zusammenschnitt den wirklichen Alltag des Paars?
Fahrenkrog-Petersen: Nein, die sind eben anders als andere.