Ohne Auto zur Arbeit

Buschhovener radelt täglich am Stau vorbei

Swisttal. Jürgen Ploem wohnt in Swisttal und arbeitet in Siegburg. Eine Strecke, für die die meisten lieber das Auto nehmen. An ihnen fährt der 53-Jährige aber morgens und abends vorbei - mit dem Fahrrad.

Wer um diese Uhrzeit schon munter ist, merkt, dass der junge Tag vor allem eins zu bieten hat: Frische. Nur mit Mühe klettert das Thermometer an diesem herbstlichen Morgen über die Zehn-Grad-Marke – kurz bevor die Buschhovener Wallfahrtskirche Sankt Katharina zum Angelusgeläut um Schlag sieben Uhr angesetzt hat. Was für viele ein Grund sein mag, schon mal den Wintermantel hervorzuholen und im Auto auf dem Weg zur Arbeit die Heizung einzuschalten, hält Jürgen Ploem nicht davon ab, aufs Rad zu steigen.

Jeden Morgen überwindet der Banker seinen inneren Schweinehund. Bei Wind und Wetter bewältigt er die 28 Kilometer lange Strecke zu seiner Arbeitsstelle in Siegburg mit dem Fahrrad – und fährt am Abend 28 Kilometer auch wieder zurück.

Der Dienstwagen bleibt auf dem Parkplatz

Nur langsam dämmert der Tag. Jürgen Ploem ist schon hellwach. Der Dienstwagen bleibt auf dem Parkplatz, der 53-Jährige schwingt sich auf sein Zweirad. Vor etwa 20 Jahren hat er mit dem Arbeitsradeln begonnen. „So entgehe ich auf der Strecke Buschhoven-Siegburg den täglichen Staus auf der B 56, an der A 565-Auffahrt Hardtberg, am Tausendfüßler, an der Nordbrücke, am Dreieck Bonn-Nordost und so weiter“, zählt der Buschhovener auf, während er seine Reflektorenjacke schließt und den Fahrradhelm aufsetzt.

„Gestern bin ich auf dem Rückweg eine Stunde durch den Regen gefahren“, berichtet Ploem nüchtern, während es auf dem Radweg an der B 56 in Richtung Witterschlick entspannt bergab geht. Doch: Gefahren lauern überall. In Witterschlick scheint ein linksabbiegender Autofahrer in Richtung Volmershoven der Ansicht zu sein, das Grün der Fußgängerampel gelte auch nur für Fußgänger. Nur eine abrupte Bremsung verhindert eine Kollision.

Ein Unfall in 20 Jahren

Nur einmal in 20 Jahren „Arbeitsradeln“ war Jürgen Ploem in einen Unfall verwickelt, da ihm – damals auf dem Weg nach Euskirchen – ein Autofahrer in einem Kreisverkehr die Vorfahrt nahm. Ploem stürzte und zog sich eine diffizile Schulterverletzung zu. Der Autofahrer fuhr weiter. Vor Gericht gab er zu Protokoll, die Kollision nicht bemerkt zu haben. Zum Glück hatten geistesgegenwärtige Zeugen sein Kennzeichen notiert. Die Richter stellten seine Schuld fest.

Kaum geheilt, stieg Jürgen Ploem wieder aufs Rad. Er brauche die tägliche Dosis Arbeitsradeln, „ich bin im positiven Sinne süchtig“, bekundet er. Kein Wunder: Anstatt sich in einer endlos langen Blechlawine gen Siegburg zu quälen, atmet er zwischen Duisdorf und Endenich einmal kräftig im Meßdorfer Feld durch. Da sich der Verkehr um diese Zeit – es geht auf 7.30 Uhr zu – zwischen Endenich und der Bonner Innenstadt bereits überall staut, verlässt Ploem die B 56 und den Hermann-Wandersleb-Ring und fährt durch Wohngebiete in Richtung Campus Endenich.

Dort gibt es einen Weg unter der Autobahnbrücke hindurch. Das vierspurige Asphaltband kann man von hier aus nicht sehen, die Autoschlange in Richtung Nordbrücke ist jedoch gut zu hören.

Zwischen Müllverbrennungsanlage und Immenburgstraße kommt die Bonner Münsterkirche in Sicht. Ein Angebot seiner Bank, in die Filiale in Bonn zu wechseln, hat der Abteilungsdirektor nicht zuletzt aus einem für ihn wichtigen Grund ausgeschlagen: „Das wären dann nur 16 Kilometer Radfahren bis zur Arbeit.“ So bleibt es bei den 28 Kilometern je Tour bis in die Siegburger Kaiserstraße.

Lieber das Rad tragen, als an der Ampel warten

Doch bis dahin wartet nun das ungewöhnlichste Stück der Wegstrecke. Am Fuße der Viktoriabrücke angekommen, nimmt Ploem sein Rad in die Hand und erklimmt die Wendeltreppe zur Brücke. „So muss ich nicht an so vielen Ampeln warten“, verrät der 53-Jährige. Nach eigenem Bekunden kann er sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal krank war. „Ich bin eigentlich nie krank, und die innere Ausgeglichenheit kann ich nur jedem empfehlen“, sagt der leidenschaftliche Radler.

Am Kaiser-Karl-Ring weicht er geschickt einer sich öffnenden Autotür aus. Auf der Nordbrücke zwischen Auerberg und Geislar angekommen, empfängt ein Meer aus roten Bremslichtern den Radfahrer: Stau in Richtung Dreieck Bonn-Nordost. Auf dem Radweg auf der Brücke kommen uns nur wenige Radfahrer und noch weniger Jogger entgegen.

Ein Ärgernis sind die hohen Wurzelhügel, die sich auf dem Fahrradweg nach Geislar auftürmen. Gut beraten ist, wer genau hinschaut, wo er entlangfährt. Ploem kennt jeden Meter der Strecke. 22 000 Kilometer sitzt er im Jahr im Radsattel – so viel wie andere nicht in ihrem Auto. Auf der Fahrt durch die Siegaue macht sich ein Urlaubsgefühl breit: die gemächlich plätschernde Sieg, äsende Rehe unweit des Meindorfer Sportplatzes, kaum eine Menschenseele unterwegs.

Nach einer guten Stunde am Ziel

Erst das näher kommende Rauschen der A 59 bei Menden verrät, dass diese grüne Oase der Entschleunigung mitten im Ballungsgebiet liegt. Während unter dem Autofahrergruß zumeist Handzeichen mit beleidigendem Charakter zu verstehen sind, grüßen sich Radfahrer stets freundlich. So wie die beiden älteren Herren, denen Ploem jeden Morgen zwischen Siegburg und Menden begegnet. Wie sie heißen, wohin sie gehen, was sie früher beruflich gemacht haben? Schulterzucken. Eh nur eine Randnotiz auf dem Weg zur Arbeit.

Nach einer Stunde taucht die Siegburger Abteikirche auf, nach einer Stunde und fünf Minuten sind 28 Kilometer absolviert, und die Siegburger Commerzbankfiliale ist erreicht. Anzug, Krawatte und ein frisches Hemd hängen in einer Garderobe bereit. An einem Waschbecken macht Ploem sich frisch. Gut möglich, dass er auf dem Rückweg eine andere, wesentlich längere Route wählt: „Bei gutem Wetter und langer Helligkeit fahre ich den Rhein hinunter bis zur Rodenkirchener Brücke und auf der linken Rheinseite zurück nach Buschhoven“, berichtet er und lacht.

Damit mehr Menschen wie er auf dem Rad zur Arbeit gelangen, müsste es in der Region endlich Radautobahnen geben, meint er. „Und die Menschen werden sich wundern, wie ausgeglichen sie sind.“