Integration

Anerkannte Flüchtlinge in Swisttal auf der Suche nach Normalität

Anne Mäsgen (r.) kümmert sich auch um die Flüchtlinge aus Syrien, die derzeit in Heimerzheim leben.

Anne Mäsgen (r.) kümmert sich auch um die Flüchtlinge aus Syrien, die derzeit in Heimerzheim leben.

SWISTTAL-HEIMERZHEIM. Für die anerkannten Flüchtlinge in Swisttal geht es jetzt um Integration. Junge Syrer bemühen sich um Wohnungen, Praktika und Arbeitsstellen. Dabei stoßen sie oft auf Schwierigkeiten.

In der großen Flüchtlingswelle 2015 ging es für die Kommunen primär darum, für Unterbringung, Versorgung, Erfassung und Einleitung des Asylverfahrens zu sorgen. Für die anerkannten Flüchtlinge geht es jetzt um Integration: Das heißt insbesondere Wohnraum, Arbeitsstelle oder Praktikumsplatz zu finden.

Amar war in Syrien Computerfachmann. Zurzeit absolviert der 33-Jährige ein Praktikum bei der Firma Kreuzer, einem Elektrotechnikunternehmen in Heimerzheim. Sein Problem ist die Wohnsituation: Er lebt mit vier weiteren Männern auf 25 Quadratmetern in einem Übergangsheim der Gemeinde Swisttal. „Ich muss lernen und mich konzentrieren“, sagt er. Seine Mitbewohner in den beiden Zimmern müssen nicht früh aufstehen und zur Arbeit, weil sie noch keine gefunden haben. Das führe zu Problemen, sagt Amars Betreuer vom Flüchtlingshelferkreis, Hans-Josef Lück.

Mit Sozialpädagogin Anne Mäsgen, Koordinatorin für Flüchtlingsarbeit der Diakonie für Meckenheim, Rheinbach und Swisttal, will die Betreuergruppe auf die Problematik aufmerksam machen: Es fehle „normaler“ Wohnraum für die Geflüchteten, die nach ihrer Anerkennung noch in Unterkünften der Gemeinde leben, teils an der Schützenstraße, teils an der Kölner Straße. „Weil es für sie keinen anderen Wohnraum gibt, gelten sie als wohnungslos, dürfen und müssen deshalb in den Unterkünften wohnen“, sagt Mäsgen. Der Schwerpunkt der Arbeit der Betreuergruppe des Helferkreises liege derzeit bei Wohnungs- und Jobsuche für die Geflüchteten. Dabei wollen sie Vorbehalte in der Bevölkerung abbauen.

Alle jungen Männer schildern ähnliche Probleme, eine Wohnung oder einen Job zu finden, obwohl sie nach eigener Schilderung Qualifikationen mitbringen. Alsamwal (22) war Lkw- und Baggerfahrer, sein Bruder Eyad (27) CNC-Fräser, Fouad (25) Maschinenführer in der Kunststoffindustrie, Saijad (30)aus dem Irak ist ausgebildeter Garten- und Landschaftsbauer, Qusaj (25) hatte in Syrien bereits ein Journalistikstudium abgeschlossen, Muhannad (19) war Friseur und in Syrien dabei, das Abitur zu machen, als der Krieg begann. Sie alle wünschen sich Praktika oder Arbeitsstellen. Die jungen Männer beklagen Vorurteile ihnen gegenüber, die bis hin zu Anfeindungen reichten. „Aber sie sind ganz normale junge Männer. Es sind alles Menschen, die durch ihre Biografie viel Lebenserfahrung mitbringen und einen großen Willen“, sagt Mäsgen. Positive Beispiele können die Betreuer aber auch nennen, wie Hannelore Tappée: die Bäckerei Voigt sei sehr kooperativ, was Praktika für Flüchtlinge angehe. So habe ein Geflüchteter nach einem Praktikum dort eine Ausbildung zum Bäcker begonnen.

Kirchenvorstand gegen Vermietungen

Aus der Betreuergruppe kommt Kritik an der katholischen Kirche und der Gemeinde Swisttal. So habe ein Mitglied des Kirchenvorstands die Vermietung der Wohnung über dem katholischen Kindergarten Heimerzheim an drei junge geflüchtete Männer in Aussicht gestellt. Daraus sei dann nichts geworden. Er habe sich „zu weit aus dem Fenster gelehnt“, das Gremium habe anders entschieden, sagte der Vorständler.

Richtig sei, dass der Kirchenvorstand mehrheitlich gegen die Vermietung dieser Wohnung an drei junge männliche Flüchtlinge gestimmt habe, erklärt Kaplan Marek Madej auf Anfrage. Kritik, die katholische Kirche Swisttal würde sich nicht so sehr für Flüchtlinge engagieren wie die evangelische Kirche, weist er zurück. Für Flüchtlinge sei Gemeindereferentin Marion Hicketier zuständig, die ebenso Angebote mache wie das Familienzentrum. Eine Christin aus Syrien, die mit ihrem kleinen Sohn im vergangenen Jahr beim Krippenspiel in Buschhoven mitgemacht habe, solle als ständiger Gast in den Pfarrgemeinderat eingeladen werden, kündigt Pater Marek an. „Das ist unser Gegenbeispiel zum Vorwurf, wir würden für Flüchtlinge nichts tun“, sagt er.

Er weist auch die Aussage aus dem Betreuerkreis zurück, er habe gesagt, er dürfe in der Kirche nicht mehr zum Thema Flüchtlinge sprechen, weil Gläubige gedroht hätten, sie würden dann die Kirche verlassen. „Es stimmt überhaupt nicht, dass ich zu dem Thema Flüchtlinge schweigen muss“, sagt Pater Marek. Das sei eine völlige Fehlinterpretation seiner Aussage, denn in dem genannten Gespräch sei es um die Predigt eines Kollegen zu einem ganz anderen Thema gegangen.

Kein Wohnraum zu finden

Für die Gemeinde Swisttal erklärt Pressesprecher Bernd Kreuer, dass zurzeit kein anderer Wohnraum für die jungen Männer zu finden sei, obwohl die Gemeinde immer wieder Aufrufe an die Bevölkerung richte. Die Belegung sei so organisiert, dass die jungen Männer jeweils zu zweit in Vier-Bett-Zimmern wohnen, nur in einem Fall zu dritt. Dabei werde die Nationalität berücksichtigt: syrisch/syrisch, irakisch/irakisch, in einem Fall irakisch/afghanisch.

Der Umbau des Vorderhauses des angemieteten Gebäudes Kölner Straße 105 in Heimerzheim habe auf der Tagesordnung des Rates am 5. Juli gestanden. „Wir würden das Gebäude gerne für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzen, sowohl für Familien als auch für Einzel- und Doppelbelegung, dafür sind aber noch Arbeiten notwendig. So wie es zurzeit ist, ist eine Nutzung nicht möglich“, sagte er. Vorschläge habe die Verwaltung dem Rat vorgelegt, allerdings habe der Rat das Thema vertagt, weil er noch weitere Informationen brauche. Diese erarbeite die Verwaltung in der Sommerpause.

Anfang Juni habe die Gemeinde auch größere Betriebe in Swisttal angeschrieben, ob sie Praktikumsplätze zur Verfügung stellen könnten. „Dazu hat es auch Rückmeldungen gegeben“, so Kreuer. Die Flüchtlingskoordinatoren hätten zudem in der vergangenen Woche eine Infoveranstaltung des Job Centers zur Handhabung für geduldete Flüchtlinge besucht.

Themen, die die Gemeinde betreffen, werden laut Mäsgen in der Steuerungsgruppe besprochen, da sei „viel im Fluss, auch mit dem Integrationskonzept“. Andere Dinge müssten hingegen auf anderen Ebenen angegangen werden, wie die Frage der Wohnsitzauflage. So dürften Swisttaler Flüchtlinge zum Beispiel keine Wohnungen im benachbarten Müggenhausen anmieten, obwohl dort die Möglichkeit bestehe. Da müssten bei der Bezirksregierung Ausnahmeregelungen erwirkt werden.

Potenzielle Vermieter oder Anbieter von Praktikumsplätzen können Kontakt aufnehmen zur Leiterin des Sozialamtes: kerstin.wicke@swisttal.de, 0 22 55/30 95 00.