54 Jahre am Steuer, drei Autos, null Unfälle

90-jährige Frau aus Heimerzheim gibt ihren Führerschein ab

Swisttal-Heimerzheim. Anni Rupperath gibt an ihrem 90. Geburtstag den Führerschein ab. Im Jahr 2017 taten dies kreisweit 267 Menschen. Wie viele Menschen nicht mehr fahren, aber ihren Führerschein behalten, ist nicht bekannt.

54 Jahre lang ist sie Auto gefahren, hat dabei etwa 80 000 Kilometer zurückgelegt und ist unfallfrei geblieben. Am Montag, ihrem 90. Geburtstag, hat die Heimerzheimerin Anni Rupperath ihren Führerschein abgegeben – freiwillig.

„Das ist mir nicht leicht gefallen, das Autofahren war für mich auch immer ein Stück Unabhängigkeit“, sagt sie. Doch ihre Söhne Jakob und Willi hätten sie überzeugt, nicht mehr zu fahren. Denn wenn sie doch einmal einen Unfall verursachen sollte, bei dem sich ein anderer schwer verletzte, würde sie nicht mehr glücklich. Die letzten zehn Jahre habe sie sowieso keine weiten Strecken mehr zurückgelegt. Sie sei lediglich sonntags zur Kirche und zweimal im Ort zum Einkaufen gefahren.

1964 legte Anni Rupperath die Führerscheinprüfung ab. „Das war damals noch ungewöhnlich, dass eine Frau Auto fuhr“, sagt sie. Es war auch deshalb notwendig, weil sie oft nach Kuchenheim zur Filiale ihres Möbelhauses fahren musste, das sie mit ihrem Mann Jakob seit 1950 aufgebaut hatte. „Unser erster Ausstellungsraum war vier mal vier Meter groß“, erinnert sie sich. Die Jugend von Anni Rupperath war vom Krieg geprägt. Ihre Eltern kamen beim Bombenangriff der US-Luftwaffe auf Hei-merzheim am 3. März 1945 ums Leben. So musste sie bereits mit 16 Jahren alleine ihr Geld verdienen. Sie kaufte Milch von den Bauern im Ort, stellte Butter und Käse her und verkaufte diese Produkte weiter.

Insgesamt fuhr Anni Rupperath nur drei Modelle. Ihr erster Wagen war 1964 ein orange-farbener Daf, dann folgten zwei Golfs. Das Radio hat sie nie eingeschaltet. „Das hätte mich nur abgelenkt“, sagt sie. Und wie gestaltet sich ihr Leben ohne Auto? „Zum Einkaufen fahren mich meine Söhne, und zur Kirche gehe ich jetzt zu Fuß.“

Im Jahr 2015 haben 267 Personen im Rhein-Sieg-Kreis ihren Führerschein freiwillig abgegeben. 2016 waren es 244, im Jahr 2017 wieder 267. Es waren vorwiegend ältere Menschen, die sich zu diesem Schritt entschlossen, aber auch jüngere Leute, die etwa durch Krankheit nicht mehr in der Lage waren, ein Fahrzeug zu steuern.

Fahrfitnessprüfungen bei Senioren

Bei diesen Zahlen, so Harald Pütz, Leiter des Straßenverkehrsamtes beim Rhein-Sieg-Kreis, handelt es sich um offizielle Verzichtserklärungen. Die Zahl der Menschen, die einfach mit dem Fahren aufhören, ohne den Führerschein offiziell abzugeben, lässt sich nur schätzen.

Pütz hält nichts von einer Altersbegrenzung fürs Autofahren oder von verpflichtenden Fahrfitnessprüfungen. Durch Senioren verschuldete Unfälle hätten meist weniger schlimme Folgen, da sie meist nicht so schnell unterwegs seien wie jüngere Fahrer. Pütz baut auf Freiwilligkeit und auf die Selbsterkenntnis der Menschen, dass sie selbst feststellen, wenn ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten nicht mehr reichen, um am Straßenverkehr teilzunehmen.

Pütz betont: „Der Verzicht auf den Führerschein ist ein rechtskräftiger Akt, durch den die Fahrerlaubnis erlischt.“ Sollte sich die Person später wieder für fahrtüchtig halten, kann sie nicht einfach wieder losfahren. Dann muss die Eignung erneut überprüft und offiziell bestätigt werden, etwa durch eine medizinische Untersuchung und/oder eine Fahrprüfung.

Fahrlehrer Wilfried Rang aus Heimerzheim führt jährlich etwa 40 Fahrfitnessprüfungen durch, zumeist bei Senioren, aber auch bei jüngeren Leuten. Der Alterschnitt liege bei etwa 72 Jahren, sagt er. Dabei sei es eher die Ausnahme, dass er einem Teilnehmer rate, den Führerschein abzugeben. Es sei schon vorgekommen, dass 58-Jährige Auffälligkeiten zeigten und 80-Jährige noch sehr gut fuhren.

Setzen auf Eigenverantwortung der Fahrer

Daher plädiert auch Rang für eine individuelle Betrachtung. Er setzt auf die Eigenverantwortung der Fahrer und auf die Angehörigen, denen es auffallen sollte, wenn der Großvater am Steuer nicht mehr sicher ist. Rang empfiehlt im Zweifelsfall den Gang zum Arzt, um die Seh- und Hörfähigkeit testen zu lassen.

Hinzu komme die Beweglichkeit. Er habe mal einen älteren Herrn im Eignungstest gehabt, der in seiner Beweglichkeit dermaßen eingeschränkt gewesen sei, dass er eine Viertelstunde zum Aussteigen gebraucht habe. Da dies in einer Notsituation zu lange sei, habe er dem Mann empfohlen, den Führerschein abzugeben.

Aus seiner Erfahrung, so berichtet Rang, seien erste Anzeichen für beginnende Fahruntüchtigkeit Schwierigkeiten, die Spur zu halten und die Rechts-vor-links-Regelung zu erkennen. Er rät Senioren, nach Möglichkeit auf Fahrten bei Nacht und Regen, im Berufsverkehr sowie auf weite und unbekannte Strecken zu verzichten.