Poesie bei Kultur im Hof

Worte, so innig, zärtlich, sehnsüchtig

Mit Gedichten von Christian Morgenstern und bekannten Liedern zogen Engelbert Decker (vorn) und Gero Meißner das Rheinbacher Publikum in ihren Bann.

Mit Gedichten von Christian Morgenstern und bekannten Liedern zogen Engelbert Decker (vorn) und Gero Meißner das Rheinbacher Publikum in ihren Bann.

Rheinbach. Das Duo Schein & Sein mit Engelbert Decker und Gero Meißner rezitiert die wundervollsten Gedichte von Christian Morgenstern in Rheinbach. Das Publikum ist hingerissen von der Doppelbödigkeit der Texte.

Schein und Sein, oder umgekehrt? Im Programmheft waren Engelbert Decker und Gero Meißner als Duo „Sein & Schein“ im Himmeroder Hof angekündigt. Doch die Veranstalter von der Bücherei St. Martin, der Buchhandlung Kayser und auch Hofherr Erich Marschall einigten sich auf Schein & Sein, wie im Original bei Wilhelm Busch.

Die Künstler äußerten sich am Dienstag nicht dazu. Sie rückten Christian Morgenstern (1871–1914) in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Wer nun die bekannten Palmström-Verse erwartete, den wollten sie enttäuschen, kündigte Decker an. Von Morgensterns wechselnden Gesichtern sollte das des Impressionisten leuchten.

Im „Windgespräch“ etwa plustert sich ein Weltreisender gegenüber einer Bodenständigen auf: „Hast nie die Welt gesehn? Hammerfest – Wien – Athen?“ Die Antwort: „Nein, ich kenne nur dies Tal, – bin nur so ein Lokalwind – kennst du Kuntzens Tanzsaal?“ Darauf der Eilige: „Nein, Kind. Servus! Muss davon! Köln – Paris – Lissabon.“ In dem kunstvollen Gedicht begegnen sich zwei Welten, die beide auf ihre Art beschränkt sind.

So ganz ohne Palmström ging es aber doch nicht. Denn, dass dieser nachts sein Chronometer in Äther legt, um Ruhe zu haben, und es morgens mit Mokka wiederbelebt, ist halt so erheiternd, dass man es dem Publikum nicht vorenthalten will. Nonsens oder Hintersinn – das ist meistens die Frage bei Morgenstern. Und wie meistens blieb sie auch an diesem Abend offen, wenn auch viele Morgenstern-Exegeten Stein und Bein auf dessen Tiefgründigkeit schwören. „Lass die Moleküle rasen, was sie auch zusammenknobeln! Lass das Tüfteln, lass das Hobeln, heilig halte die Ekstasen!“ Diese Aufforderung zum Drauflosleben überbrachte Decker temperamentvoll und mit malerischer Gestik, während Meißner im Hintergrund eine passende Klangtapete auf dem E-Piano zeichnete.

Die Vielbödigkeit dieser Poesie lotete Decker aus, indem er „Das Huhn“ in zwei Rollen vorlas: Einmal in der eines blasierten Vortragskünstlers und Selbstdarstellers, dann als halb Verhungerter, der das in die Bahnhofshalle verirrte Federvieh als künftigen Braten sieht. Zarte Liebesgedichte belegten die Vielfalt Morgensterns ebenso wie Tiefgründiges. In dem „Vermächtnis“ wird erzählt, wie der Affe zum Menschen wurde, und die Tiere ihm zum Abschied alle ihre Eigenschaften empfehlen, die er zu seinem neuen Charakter zusammenfügen soll.

Decker und Meißner betteten die Poesie weich in bekannte Lieder. Bei „Das gibt's nur einmal“ oder „Der Mond ist aufgegangen“ schlossen Zuhörerinnen die Augen und träumten. Oder bei Heinrich Heines „Lotusblume“, die von Robert Schumann vertont und von den beiden Künstlern innig, zärtlich und sehnsüchtig interpretiert wurde.