Tomburger Horde

Wohlfühlfaktor beim Hunnen-Treffen in Rheinbach

RHEINBACH-WORMERSDORF. Kölsch, Ohrwürmer und eine Krieger-Taufe: Die Tomburger Hunnen luden zum Lager ein, und viele befreundete Horden schlugen ihre Jurten auf, um ein Wochenende lang die Freiheit des Andersseins zu genießen.

Der gemeine Hunne liebt Kölsch. In jeder Erscheinungsform, vor allem in der gesungenen und gesprochenen, aber auch in der flüssigen. Hätte es alle drei in der Zeit der Völkerwanderung zwischen dem vierten und sechsten christlichen Jahrhundert schon gegeben, hätte das Geschichte verändern können. Denn jedes Mitglied der martialisch in Fell, Leder und Nieten mit dunkel geschminkten Gesichtern daherkommenden wilden Horden wurde handzahm bei den vom „Kölschen Hunnen“ (Jürgen Heikamp) live gesungenen Liedern wie „Mir sin Kölsche us Kölle am Rhing“. Da gingen die Hände hoch, es wurde mitgesungen.

Selbst Attila auf seinem Thron unter dem Adler und dem echten Kopf eines Schwarzbären wurde weich und hatte nur eine Bitte: „Tust du mir einen Gefallen: Ich würde gerne den 'Kölschen Stammbaum' hören!“ Um sich bei den ersten Tönen des gewünschten Hits gleich von seinem Thron zu erheben und mit hoch erhobenen Armen mitzusingen. Und Spaß zu haben mit den vielen nichthunnischen Gästen, „Zivilisten“ ebenso wie Aktive zahlreicher Karnevalsvereine.

Geselliges Völkchen

Sie sind ein fröhliches, geselliges Völkchen, diese Hunnenhorden aus etwa einem Dutzend Vereinen. Für das Wochenende hatten sie ihre Jurten auf dem Zeltplatz bei Wormersdorf aufgeschlagen, um beim 21. Lager der Tomburger Hunnenhorde von 1993 nachzuvollziehen, wie das osteuropäische Nomadenvolk mutmaßlich gelebt hat. Zum Zeremoniell gehörte der Einzug von rund 40 Hunnen.

Der Attila der Tomburger Horde alias Bernie Leesemann thronte im wörtlichen Sinne auf seinem selbst gezimmerten riesigen hölzernen Sessel in der Mitte der Tafel, hielt Hof und begrüßte die Gäste. Dazu gab es für die Anführer, Fürsten und Könige der Gasthorden den traditionellen Trunk aus dem Herkules-Kelch, einem metallenen Gefäß mit umlaufenden Reliefs, die Herkules zeigen. Das hat er vom Flohmarkt, verriet Attila.

Weißer Rauch ist ein Götterzeichen

Neben Bogenschießen, Tänzen, Lagerfeuer, Feuershow und allerlei Spektakel an des Herrschers Tafel war ein besonderes Zeremoniell die „Taufe“ eines bislang namenlosen Kriegers. Mit großen Gesten nahm Schamane Malakai (Jürgen „Charlie“ Braun) Kontakt zu den Göttern auf, befragte sie und warf Kräuter ins Heilige Feuer. Ihre Antwort gaben die Götter auf geradezu klassische Weise: „Weißer Rauch heißt Okay“, sagte der Schamane. Den Namen des neuen Kriegers darf allerdings nur der König zum ersten Mal aussprechen. Diese „Patenschaft“ übernahm Kucki, Attila der Löwenhorde Wahn, gerne und nannte den Krieger bei seinem neuen Namen: Ellac.

Im richtigen Leben kommt der neue Krieger Ellac gebürtig aus Aachen, lebt aber in Witten/Ruhr, ist erster Vorsitzender der dortigen KG Rot-Weiß Witten, seine Frau Susi ist deren Präsidentin. Der KG vorstehen wolle er auch weiterhin, versicherte Krieger Ellac, aber er wolle auch im nächsten Jahr das erste Lager der 1. Wittener Wolfshorde durchführen – und das geht nun mal nicht ohne eigenen Namen. Hunnen hatte er im traditionellen Karnevalsgeschehen kennengelernt und Freude daran gefunden, „mit Leuten, die Spaß haben, nicht im Saal, sondern draußen im Lager ungezwungen zusammenzusein“.

Wahrsagerei und Körperbemalung

Ist die Ausstattung der ersten Jurte der 1. Wittener Wolfshorde auch noch im Anfangsstadium, sind die Jurten der anderen Horden bereits prunkvoll ausgestattet mit Kuh- oder Wildschweindecken, niedrigen Hockern mit ledernen Polstern, Tischchen mit orientalischen Gefäßen, Hellebarden und allerlei mutmaßlich hunnischem Beiwerk.

In einer dieser Jurten empfingen die Tänzerinnen des Tribal-Stamms Sarafi die Besucher mit Wahrsagerei, Handlesen, Kartenlegen oder Mehndi-Malerei. Sarah alias Cincin beherrscht mit ruhiger Hand diese orientalische Körperschmuck-Malerei und verziert Finger und Hände mit floralen Mustern.

Was für sie das Hunnenleben ausmacht, beschrieb Elaysa alias Christa Wehmeyer von den Freien Hunnen Mehlem so: „Ich gehe hier unter dem Torbogen durch in das Lager und lasse alles andere hinter mir. Das hier ist unsere Freiheit.“