Interview mit Gunter Demnig

Wieso der Künstler seine Stolpersteine nicht in Rheinbach verlegen darf

Rheinbach. Normalerweise darf der Künstler Gunter Demnig seine Stolpersteine, die an die Ermordung der Juden erinnern, überall verlegen. Allein in Deutschland liegen Stolpersteine in 872 Kommunen. In Rheinbach sieht das anders aus. Über die Hintergründe sprach der 65-Jährige im Interview.

Welche Intention steckt hinter Ihren "Stolpersteinen"?
Gunter Demnig:"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Diesen Satz aus dem Talmud hat mir der Rabbi von Köln auf den Weg mitgegeben als ich nachfragte, ob es ein Problem geben könnte, Stolpersteine mit den Namen der Opfer auf die Straße/in den Weg zu legen. Meine Idee dahinter: Das Grauen, der Terror hat angefangen, wo die Menschen zu Hause waren; Auschwitz war weit weg und wohl für die große Mehrheit nicht vorstellbar. Das bedeutet: Gedenken nicht an oftmals abgelegenen Orten, sondern dort, wo es angefangen hat.

Wie viele "Stolpersteine" haben Sie verlegt und über welche Länder erstreckt sich das Projekt?
Demnig: Vor ein paar Tagen in Drieborg/Provinz Groningen in Holland sind neun Stolpersteine verlegt worden. Und einer davon ist der 40.000ste in Europa - in 14 Ländern. Dieses Jahr kommen Russland, die Schweiz und Frankreich dazu. In Deutschland liegen Stolpersteine in 872 Kommunen, die kleinste mit 130 Bewohnern, mehr als 5000 in Berlin.

Das Projekt ist von Anfang an nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Viele Kritiker haben sich die Ansicht der früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, zu eigen gemacht, die es "unerträglich" fand, dass auf den Namen der ermordeten Juden mit Füßen herumgetreten werde. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
Demnig: Gerade diese Kritik ist für mich unerträglich; denn die Nazis haben sich doch nicht damit begnügt auf den Menschen herumzutrampeln - sie hatten ein ausgedachtes Mordprogramm. Jeder, der nicht in ihr Bild passte, musste damit rechnen, vernichtet zu werden. Mit diesem Argument werden die Opfer im Nachhinein noch verhöhnt. Und in der Praxis machen die Leute genau das nicht - rumzutrampeln. Und dass die Neonazis sich ab und zu mit Farbe austoben oder auch Steine rausreißen - damit müssen wir leben. Aber Tafeln an der Wand wären wohl kaum geschützter.

Kritische Stimmen gibt es auch zu den Kosten, die auf rund 120 Euro je Stein beziffert werden. Was sagen Sie denjenigen?
Demnig: Naja, rechnen können die wohl kaum und gehen wohl davon aus: Stolpersteine fallen fertig gemacht vom Himmel und mein Auto ist ja umsonst und 60.000 Kilometer im Jahr sind kein Problem. Die sollten doch einfach mal einen Handwerker bestellen, der eine vergleichbare Reparatur ausführen soll.

In Rheinbach wurde die Verlegung von Stolpersteinen abgelehnt. Haben Sie diese Erfahrung schon einmal gemacht?
Demnig: Das gibt es immer wieder. Am 'besten' war der Oberbürgermeister von Pirmasens: "Diese Stolpersteine, die wollen wir nicht; das haben schon so viele andere; wir sind ja nicht die Ersten."

Diejenigen, die in Rheinbach die Stolpersteine ablehnen, verweisen unter anderem auf die bereits vorhandene Erinnerungskultur mit den vorhandenen Gedenkstätten im Rathaus und am früheren Standort der Synagoge. Wie ist Ihre Sicht dazu?
Demnig: Das würde sich doch wunderbar ergänzen - wie zum Holocaust-Denkmal in Berlin.

Was sagen Sie zu den Bedenken, dass man die heutigen Besitzer oder Bewohner von Häusern ermordeter jüdischer Mitbürger durch "Stolpersteine" als "Nazis" diffamieren könnte?
Demnig: Es sind drei Generationen vergangen, und die Stolpersteine sind kein Vorwurf oder Angriff gegen die jetzigen Bewohner. Wenn die sich das natürlich anziehen wollen. Naja, vielleicht steckt ja doch ein schlechtes Gewissen dahinter.

Rheinbachs Bürgermeister Stefan Raetz hat deutlich gemacht, dass "nur alle Steine verlegt werden oder gar keine." Als Bürgermeister habe er Persönlichkeitsrechte zu schützen, und das gehe nur auf diese Weise. Teilen Sie diese Ansicht?
Demnig: Wir werden niemals alle Stolpersteine verlegen können - das Projekt wird immer symbolisch bleiben. Das ist eine faule Ausrede.

Ein Vorschlag in Rheinbach lautete: Wenn heutige Hauseigentümer die Verlegung von "Stolpersteinen" vor ihrem Haus ablehnen, sollten diese Steine an einem zentralen, würdigen Ort verlegt werden. Wäre das aus Ihrer Sicht ein Kompromiss?
Demnig: Die Stolpersteine herstellen und vor dem Rathaus verlegen mit dem Hinweis, wo sie eigentlich hingehören - so installiert in Lauterbach.

Was sagen Sie zu dem Satz eines Kritikers: "Stolpersteine spalten, dort wo sie eigentlich verbinden sollten?"
Demnig: Der war wohl noch nie bei einer Verlegung dabei.

Welchen Vorschlag würden Sie den Rheinbachern für den weiteren Umgang mit dem Thema Stolpersteine machen?
Demnig: Immer wieder mal neu darüber reden und nachdenken und sich vielleicht auch mal in anderen Orten kundig machen und vor allem: mal nach Angehörigen forschen und die zu Wort kommen lassen.

Rückblick

Eine Bürgerinitiative hatte im November 2012 einen Bürgerantrag für die Verlegung von "Stolpersteinen" für die 34 ermordeten Rheinbacher Juden gestellt und eine Liste mit rund 1600 Unterschriften vorgelegt. Der Bürgerantrag lautete: "In der Stadt Rheinbach können Gedenk-Pflastersteine, sogenannte Stolpersteine, zur Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur verlegt werden." Der Antrag erweiterte den Personenkreis auf andere Opferkreise, zum Beispiel Sinti und Roma, Homosexuelle oder politisch Verfolgte. In geheimer Abstimmung wurde der Antrag im April vom Rat mehrheitlich abgelehnt. Bereits 2009 war ein Antrag der Grünen zur Verlegung von Stolpersteinen abgelehnt worden.

Zur Person

Gunter Demnig, geboren 1947 in Berlin, studierte Kunstpädagogik an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und an der Kunsthochschule Kassel sowie in Berlin. 1985 eröffnete er sein eigenes Atelier in Köln. 1990 beschäftigte sich Gunter Demnig mit der Deportation der Sinti und Roma. Die ersten Stolpersteine verlegte er Mitte der 90er Jahre in Köln und Berlin.