Rheinbacher Glasmuseum

Von böhmischem Glas und einem Studioofen

RHEINBACH. Neubürger, die etwa Opfer von Flucht und Vertreibung geworden sich, können zur Bereicherung für jenes Gemeinwesen werden, das ihnen eine neue Heimat gewährt. Mit dieser Botschaft werben viele Politiker in der aktuellen Debatte um das Thema Zuwanderung.

Wie der Blick nach Rheinbach zeigt, hält das Argument durchaus einer Überprüfung stand. Es waren Sudetendeutsche aus der Region von Steinschönau und Haida, die nach dem Zweiten Weltkrieg das filigrane Handwerk rund um die Herstellung und Veredelung von Glas nach Rheinbach gebracht hatten. "Für die Kreativität und das Ansehen der Stadt hat das sehr viele positive Effekte gehabt", bekräftigt Ruth Fabritius. Die Leiterin des städtischen Glasmuseums ist eine Kennerin der Glasgeschichte in der Region.

Nicht nur, dass sich durch die Vertreibung der Sudetendeutschen eine Vielzahl gebildeter Menschen in Rheinbach ansiedelte. Vor allem sieht Fabritius in den zugewanderten Glasspezialisten die entscheidenden Impulsgeber für das Entstehen einer örtlichen Kunstszene samt Glasbetrieben. Etwa acht Betriebe behaupten sich bis heute mit Spezialerzeugnissen fernab von Massenware auf dem Markt, sagt die Museumsleiterin. Der Stellenwert der Glaskunst findet sich neben einer eigens eingerichteten Glasfachschule natürlich auch im Glasmuseum wieder. Dort zeigt gegenwärtig die Ausstellung "Menschliches Allzumenschliches" viel von jener Glaskunst, die eng mit Rheinbach verbunden ist. Dabei schlagen die Museumsmacher den Bogen von zeitgenössischen zur modernen Kunst.

Der Schwerpunkt in Rheinbach liegt laut Fabritius auf dem Thema "Glasveredelung". Dazu passt, dass viele der insgesamt 3500 Museumsexponate aus der Kategorie böhmisches Glas stammen. Die Ausrichtung hat mit der Historie zu tun: "Während der K & K-Monarchie kamen etwa drei Viertel des Glases im Reich der Habsburger aus der Region von Steinschönau und Haida", führt die Museumleiterin aus. Noch heute sei dort ein Zentrum der Glasveredlung.

Entsprechende Exponate aus sudetendeutscher Hand gibt es reichlich in der aktuellen Ausstellung "Menschliches Allzumenschliches" zu sehen. Die Mitarbeiter haben hier Kunstwerke aus den Magazinen in Szene gesetzt, die sich auf die unterschiedlichste Art und Weise mit dem Thema "Menschliches" auseinandersetzen.

Aber in Rheinbach ist nicht nur alte Glasveredlungskunst zu Hause, sondern auch das sogenannte Studioglas. Diese Stilrichtung ist untrennbar mit dem US-Amerikaner Harvey Littleton verbunden. Der habe laut Ruth Fabritius in den 1960er Jahren einen regelrechten Umbruch in der Glaskunstszene eingeläutet. Littleton nutzte nämlich den Studiogasofen, einen kleinen leistungsfähigen Glasschmelzofen, quasi für den Hausgebrauch. Damit wurden die Künstler über Nacht unabhängig von Hüttenbetrieben, wo bislang Glashandwerker Auftragsarbeiten erledigt hatten. Das war nichts Ungewöhnliches und selbst bei Großmeistern wie Rubens und Rembrandt üblich.

Littleton löste nun allerdings bei der eigenständigen Glasherstellung eine Welle von künstlerischen Experimenten, Form und Dekorauffassungen aus, weiß die Museumschefin. Im Zuge der 68er Bewegung habe sich daraus ein jugendliches Aufbegehren von Glaskünstlern gegen die Massenfertigung entwickelt. Von daher passt es, dass sich auch ein Exponat des amerikanischen Altmeisters in der aktuellen Ausstellung findet.

Im Museumsfundus finden sich ferner Werke zahlreicher anderer Künstler der weltweiten Studioglas-Bewegung. Unter anderem den Rheinbacher Udo Edelmann. Aus Edelmanns Werkstatt stammt auch das markante Werk "Zwiespalt" der Ungarnin Mari Mészaros, das in der aktuellen Ausstellung gezeigt wird. Der gespaltene Kopf wurde in Edelmanns Glasofen gebrannt.

Das Rheinbacher Glasmuseum, Himmeroder Wall 6, ist dienstags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr geöffnet. Samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr. Das Museum ist behindertengerecht eingerichtet. Rollstuhlfahrer können jede Etage besuchen. Der Eintritt kostet für Erwachsene drei Euro. Schüler, Studenten, Auszubildende 1,50 Euro. Anmeldungen für Führungen: 0 22 26/ 91 75 01. Infos: www.glasmuseum-rheinbach.de.

Das Netzwerk Glas

Auch wenn sich Rheinbach in Sachen Glas nach 1945 zu einem Standort von Rang entwickelt hat, rät Museumsleiterin Ruth Fabritius dazu, auch über die Stadtgrenze hinaus zu blicken. In anderen Regionen Nordrhein-Westfalens habe sich ebenfalls viel Wissen angesammelt. Nicht von ungefähr versteht Fabritius ihr Museum als Bestandteil einer regelrechten "Glaslandschaft": Von Rheinbach bis Coesfeld-Lette erstreckt sich das "Netzwerk Glas Museen" in NRW.

Jedes Museum in dem Netzwerk setzt andere Schwerpunkte. Wie Glas entsteht und gefertigt wird, kann der Besucher im LWL-Industriemuseum in Petershagen erleben. Im Glasmuseum Hentrich im Düsseldorfer Museum Kunstpalast haben die Verantwortlichen eine der bedeutendsten Glassammlungen überhaupt aufgebaut, sagt Fabritius, "die einen Querschnitt durch alle Schaffensrichtungen bietet". Während das Römisch-Germanische Museum in Köln antikes Glas zeigt, hat man sich beim LVR-Landesmuseum in Bonn auf barockes und Ehrenfelder Glas aus dem 19. Jahrhundert konzentriert. Rheinbach legt den Fokus auf Glasveredelung. Infos unter netzwerk-glas-kultur.de.