Von Rheinbach in die ganze Welt

Tag der offenen Tür in der Glasfachschule Rheinbach

Rheinbach. An der Glasfachschule Rheinbach geht's nicht nur um den filigranen Werkstoff Glas. Am 11. und 12. November können sich die Besucher davon überzeugen - mit vielen Aktionen.

Die kroatische Festung Dubrovnik erlebt derzeit einen nie gekannten Besucheransturm, seitdem die Altstadt des Adria-Ortes als Filmkulisse der Kultserie „Game of Thrones“ dient. Ähnliche Berühmtheit könnte jetzt der Rheinbacher Stadtwald erlangen. Im Grünen der Glasstadt anstatt im schuleigenen Studio drehen Schüler der Rheinbacher Glasfachschule den während der Internationalen Funkausstellung Anfang September in Berlin vorgestellten, flammneuen Werbefilm des japanischen Unterhaltungselektronikriesen JVC.

Heißt: Wenn Teenager weltweit den Kaufwunsch nach neuen Kopfhörern hegen, verführt sie nicht zuletzt die entspannte Umgebung des Rheinbacher Stadtwaldes dazu. Überhaupt ist die Staatliche Glasfachschule so viel mehr als eine Schule. Der General-Anzeiger durfte bei einem Rundgang durch die Werkstätten den Glaskünstlern und Designern von morgen über die Schulter blicken, bevor die Schule am Samstag, 11. und Sonntag, 12. November, von 11 bis 18 Uhr, zu den Tagen der offenen Tür einlädt.

Alles selbst gemacht

Dass ein Schülerprojekt von ihm in der ganzen Welt zu sehen sein wird, hätte sich Lehrer Bernd Siering nicht träumen lassen. Als jedoch die Anfrage von JVC an ihn herangetragen wird, müssen seine Schüler und er nicht lange überlegen, wie er im Gespräch mit dem General-Anzeiger berichtet. Vom Drehbuch bis zum Schnitt machen die Mädchen und Jungen im Fach Illustrationstechnik alles selbst. Siering ist sogar als Kameramann im Einsatz. Der Vielfalt an Perspektiven wegen kommen drei Kameras zum Einsatz. Niemand muss Magermodels einfliegen lassen, die Kreativen stehen auch selbst vor der Kamera.

In Sierings technisch eindrucksvoller Werkstatt wird sichtbar, was Schulleiter Walter Dernbach als eine Art Mantra der Schule erklärt: „Wir möchten die Schüler möglichst schnell an eine berufliche Qualität heranführen.“ Kein Wunder, dass Kollegium und Schülerschaft die Tage der offenen Tür mit „Vielfalt ist unsere Stärke“ überschrieben haben. Etwa 780 Schüler, 55 Prozent männlich, 45 Prozent weiblich, besuchen im laufenden Schuljahr die Glasfachschule.

Sieben Bildungsgänge

Das Bildungsangebot umfasst sieben Bildungsgänge sowohl in vollzeitschulischer Ausbildung als auch im sogenannten dualen System in Teilzeit. Glashandwerk und Glasindustrie, Keramikhandwerk und Keramikindustrie, Grafik- und Mediendesign sind die thematischen Schwerpunkte des Berufskollegs. Wer durch die Gänge des vielerorts futuristisch anmutenden Schulgebäudes im Rheinbacher Südosten wandelt, spürt den kreativen Esprit, der in jeder Werkstatt sichtbar ist.

Eines der Markenzeichen der Glasfachschule ist, dass viele Institutionen diesen Ideenreichtum schätzen: Der Demokratiepreis der Deutschen Welle und die Auszeichnung für den GA-Sportler des Jahres entstehen in der Schule – selbstredend aus Glas. Fürs Beethovenfest 2020 ist ebenfalls eine Kooperation vorgesehen, berichtet Dernbach.

Ideen müssen begründet sein

Eine Besonderheit des Kreativitätsreichtums ist, dass die angehenden Designer und Handwerker ihre Geistesblitze nicht einfach in den Raum werfen: „Jeder muss seine Ideen begründen können“, sagt Lehrerin Stephanie Mörs. In Volker Leyendeckers Werkstatt für Objektdesign sitzen die Schüler nicht vor Glasexponaten, sondern vor großen Computerbildschirmen, um kreativ zu sein. „Wir sind ja keine Kunstschule, sondern eine Berufsschule“, erläutert Leyendecker. In dem Raum seien die Schüler „gezwungen, räumlich zu denken“, um Ideen für Produktdesign und Architektur zu entwerfen. Einen Blick in die Zukunft gewährt der Blick auf einen 3-D-Drucker. Seine Düsen können in Windeseile erbauen, was andere ersonnen haben.

„Wir können gut sehen, wie sich die Schüler entwickeln“, findet ein paar Räume weiter Cornelia Jonczik, die die jungen Menschen in Glasmalerei und Kunstverglasung anleitet. Ein ruhiges Händchen und ein Blick fürs Gesamtwerk sind gefragt. „Das kann kein Roboter. Da können wir uns absetzen“, sagt die Werkstattlehrerin. Zu den traditionellen Techniken, die sie lehrt, gehört etwa die Bleiverglasung. „Eine Technik, die seit 1400 Jahren Bestand hat.“

Keine Nische

Wer seinen Abschluss schafft, muss sich im Arbeitsleben nicht in einer Nische wiederfinden, findet Lehrer Thomas Bendel: „Die großen Glasmalereien nehmen unsere Schüler mit Kusshand.“ Viele seiner Schüler seien nicht in seiner Werkstatt gelandet, weil sie Familienfertigkeiten weitertragen wollen, berichtet Bendel: Gut ein Viertel seiner Schülerschaft entstamme Glasmalerdynastien.

Nicht ungefährlich ist die Kunstform der Ätzung. Da in der Ätz-Werkstatt – unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen – mit Flusssäure gearbeitet wird, welche in hoher Dosis eingeatmet zu Multiorganversagen führen kann, lohnt sich ein Blick auf die Sicherheitstechnik. Sensoren messen permanent die Raumluft. Ein gut sichtbarer Notknopf löst die Absaugung und das Auffangen des kontaminierten Raumklimas aus und führt neue Luft hinzu. Die Schüler arbeiten nur unter Aufsicht.

Die immanente Kreativität in der Glasfachschule sorgt für eine besondere Art der Atmosphäre, so Lehrerin Ulrike Wagener, Expertin auf dem Terrain der kunstvollen Sandstrahlung. „Die oft feststellbare Schulmüdigkeit können wir hier ein bisschen rausnehmen.“