Emanzipation und Krimi

Starke Frau trotzt allen Patriarchen

Rheinbach. Mit „Fräulein Broich“ versetzt Autorin Heidi Möhker aus Rheinbach ihre Leser in die Zeit um 1900. Eine Lesung mit Musik und Autorengespräch ist am Samstag, 18. Mai, 16 Uhr, im Café Silberlöffel, Bachstraße 18, vorgesehen.

Die nachtschwarze Dunkelheit erhellen nur ein paar Gaslaternen. Wer jetzt noch zu dieser Stunde – außer den Nachtwächtern – über das harte Kopfsteinpflaster der Bonner Innenstadt eilt, muss achtgeben, seine Schuhe nicht am allgegenwärtigen dicken, feuchten Dung der Droschken und der Pferdebahnen zu ruinieren. Wenn dann auch noch der kalte Nebel vom Rhein hochzieht, kommt das Bonn anno 1900 alles andere als anheimelnd daher.

Durch die Gassen eilt flinken Schrittes eine starke Frau, die weder Angst vor Dunkelheit noch vor anderen Gefahren kennt. Henni Broich möchte nicht das schmückende Beiwerk zum Leben eines Mannes sein, den auch noch ihr Vater aus purer Geschäftsraison für sie ausgesucht hat. Mit „Fräulein Broich“ erschafft die Rheinbacher Autorin Heidi Möhker das Porträt einer jungen Frau, die mit ihrer von manchen als Ungehörigkeit empfundenen Denkweise ihrer Zeit ein gehöriges Stück voraus war.

Dieses Fräulein Broich ist eine Tochter aus gutem Hause. Das von ihren Eltern betriebene Hotel Rheineck im Zentrum gilt als einer der besten Gastbetriebe in Bonn. Henni Broich möchte beweisen, dass sie als Frau ebenso mündig ist wie ein Mann und als selbstständige, frisch ausgebildete Krankenpflegerin ihr eigenes Geld verdienen kann.

Das wiederum erweist sich sowohl wirtschaftlich wie sozial als schwierig. Damals wie heute scheint dem Pflegeberuf der Respekt verwehrt zu bleiben, den er eigentlich verdient hat. „Für die Pflege waren zu dieser Zeit eigentlich die Nonnen zuständig“, sagt Heidi Möhker. Der bis heute gebräuchliche Begriff Schwester entstamme noch dem Denken aus der Zeit, da Pflege ein „Dienst zu Ehren Gottes“ war.

Erst sollte ein Krimi geschrieben werden

Zuerst war bei ihr die Idee geboren, einen Krimi zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ zu schreiben. Ihr Verleger Winrich C.-W. Clasen ist von dem Thema mehr als angetan, wünscht sich die Kriminalgeschichte aber in einem historischen Umfeld. Im Bonner Stadtarchiv sammelt Möhker die Inspirationen aus der Zeit um die Jahrhundertwende. „Je mehr ich im Stadtarchiv gegraben habe, desto interessanter wurde die Zeit auch für mich“, sagt die 50 Jahre alte Autorin. Besonders wertvoll unter allen Recherchefunden werden für sie der Originalnachdruck des Stadtführers Bonn aus dem Jahr 1900. Da in diesem Jahr der 47. Katholikentag in der Universitätsstadt am Rhein stattfinden soll, ist das kleine Büchlein reich an Beschreibungen damals moderner Gebäude und Errungenschaften, wie der Trajektbahn, einer Eisenbahnlinie, die den Rhein per Fähre überquerte. „Als gebürtige Düsseldorferin habe ich schon sehr auf dem Schlauch gestanden“, bekundet sie freimütig. Die Hotels dieser Zeit werben mit fließendem Wasser, elektrischem Licht und einem Fernsprechanschluss im Haus.

Selbst der Fund eines übel zugerichteten Leblosen lässt Henni Broich nicht die Contenance verlieren. Außerdem zeigt sie ihrer Freundin Meta Bruchmann, dass sie es wert ist, zu ihren Talenten zu stehen. Denn: Metas Küchenkreationen wie die Prinzregententorte sind die allerbesten in der Stadt. Es ist ein Ereignis, zusammen mit dem resoluten, dem Patriarchat und den Konventionen trotzenden Fräulein Broich durch die Gassen und Straßen des Bonns um 1900 zu wandeln. Hätte diese Frau tatsächlich in dieser Zeit gelebt und gewirkt, wären heute Straßen nach ihr benannt – nicht nur in Bonn.

Glücklicherweise ist die Geschichte der Henni Broich noch nicht auserzählt, berichtet Heidi Möhker. Für 2020 plant sie eine Fortsetzung. Seit Januar verbringt sie darum Stunde um Stunde im Bonner Stadtarchiv, um sich fundierte Fakten zu sichern. „Ich möchte mich in die Geschichte des Bonner Frauengefängnisses einlesen“, berichtet sie. Hintergrund: Bis ins Jahr 1894 waren Frauen wie Männer in der Haftanstalt am Bonner Landgericht inhaftiert. Danach war das älteste preußische Gefängnis der Rheinprovinz, welches 1995 neuen Justizeinrichtungen wich, ausschließlich den Männern vorbehalten. Weibliche Gefangene verbüßten ihre Strafen in einem Haus an der Victoriastraße – heute Heerstraße 205 – ab.

„Fräulein Broich“ ist im CMZ-Verlag erschienen und kostet 12,95 Euro. Eine Lesung mit Musik und Autorengespräch ist am Samstag, 18. Mai, 16 Uhr, im Café Silberlöffel, Bachstraße 18, vorgesehen. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt sechs Euro für Schüler, Studierende und Mitglieder von „Rheinbach liest“. Karten gibt es in der Buchhandlung Kayser, Hauptstraße 28 sowie im Café Silberlöffel.