Lesung in Rheinbach

Schriftsteller Dogan Akhanli berichtet über seine Verhaftung

Der seit 1992 in Köln lebende türkischstämmige Autor Dogan Akhanli wird 2010 von Polizeibeamten zum Gericht in Istanbul gebracht. Am Dienstag ist er „Zu Gast auf dem Sofa“ in Rheinbach.

Der seit 1992 in Köln lebende türkischstämmige Autor Dogan Akhanli wird 2010 von Polizeibeamten zum Gericht in Istanbul gebracht. Am Dienstag ist er „Zu Gast auf dem Sofa“ in Rheinbach.

Rheinbach. Im Gespräch am Wochenende berichtet Dogan Akhanli, deutscher Schriftsteller mit türkischen Wurzeln, über seine Verhaftung im August 2017 im spanischen Granada und seine Lesung am Dienstag, 8. Mai, in Rheinbach.

Wegen der schier endlosen Sonnentage in Andalusien war der deutsche Staatsbürger Dogan Akhanlı, türkischstämmiger Schriftsteller aus Köln, im August 2017 nach Granada gereist. Dass ihn dort spanische Polizisten auf Bitten der Türkei verhaften, hätte er sich nicht erträumt. Schon 1975, 1985 bis 1987 und vier Monate im Jahr 2010 schlossen sich hinter ihm die Zellentüren in türkischen Gefängnissen, da er als politischer Häftling angesehen wurde. Am Dienstag, 8. Mai, ist Akhanlı mit „Verhaftung in Granada“, seinem eindrücklichen, Willkür und Gewalt anprangernden Buch, „Zu Gast auf dem Sofa“ in der Rheinbacher Hochschul- und Kreisbibliothek. Mit dem 61-Jährigen sprach Mario Quadt.

Als Sie im vergangenen Jahr von spanischen Polizisten verhaftet worden sind, beschlich Sie ein „beständiger Brechreiz“ – eine Art Déjà-vu-Erlebnis, da Sie schon dreimal in türkischen Gefängnissen einsaßen. Wie lässt sich dieses Gefühl beschreiben?

Dogan Akhanlı: Das Gefühl hat mich sehr überrascht. Als ich in Granada in eine Zelle eingesperrt wurde, dachte ich, ein erfahrener Gefangener zu sein. Deswegen nahm ich zuerst die spanische Zelle nicht als Bedrohung wahr. Aber plötzlich war die gesamte Vergangenheit komprimiert in dieser Zelle. Deswegen habe ich diese Erfahrung Zeitkrümmung genannt.

In Deutschland erlebten wir nach Ihrer Inhaftierung einen regelrechten Aufschrei. In Köln gab es Protestveranstaltungen, die Bundeskanzlerin und der Außenminister schalteten sich ein. Wie haben Sie von dieser Welle der Unterstützung erfahren?

Akhanlı: Am selben Tag habe ich davon erfahren. Freunde sagten mir, dass ich keine Angst haben sollte, da die deutsche Öffentlichkeit hinter mir steht und die Presse ausführlich berichtet. Die Reaktion der Bundesregierung habe ich in Madrid von meinem Anwalt erfahren. Das hat mich sehr beruhigt, dass die deutsche Regierung reagiert hat und die spanische Regierung mich nicht einfach an die Türkei ausliefern konnte. Das war ein tolles Gefühl, muss ich sagen. 2010 habe ich auch viel Solidarität erfahren, aber dieses Mal war der Aufschrei zu groß. Aber ich war auch nicht in der Lage, eine weitere Untersuchungshaft zu ertragen. Ich hatte die Nase voll...

Kein Wunder, über Ihre Zeit in türkischen Gefängnissen und Ihre Mitinsassen erfahren wir viel in Ihrem neuen Buch. Die Art der Gewalt, die Ihnen in den Foltergefängnissen zugefügt wurde, können wir verstehen, wenn wir uns in Ihre Romanfiguren hineinversetzen. Ist Schreiben ein Weg, das Erlebte zu verarbeiten?

Akhanlı: Das stimmt. Für dieses Buch wollte ich mich aber nicht hinter einer Romanfigur verstecken. Ich wusste zuerst nicht, ob es nötig ist, so ein Buch überhaupt zu schreiben. Ich hatte bereits in meinen Romanen sehr detailliert und authentisch geschrieben, was mir in den Gefängnissen widerfahren ist. Ich habe in der Tat sparsam beschrieben, was in der Zelle geschehen ist. Aber natürlich hatte das Schreiben eine Art therapeutische Funktion – ein Abschluss der Therapiestunde. Ich konnte als Romanautor besser mit dem Geschehen umgehen, als wenn ich es direkt hätte schreiben müssen.

Sie berichten in Ihrem Buch, dass Sie sich früher, als Ihnen in der Türkei die Verfolgung drohte, oft umgesehen und die Wegrichtung gewechselt haben. Geschieht Ihnen dies heute in Köln auch noch?

Akhanlı: Seitdem ich in Deutschland lebe, hat es noch ungefähr ein Jahr gedauert, bis ich mich nicht mehr umgeschaut habe. Aber in Deutschland habe ich mit dem Polizeiapparat kein Probleme. Ich wollte nicht mehr in diese Situation geraten, dass ich jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, Angst habe. So ein Leben möchte ich nicht leben und meine Gewohnheiten ändern. Früher war ich in einer ständigen Unruhesituation und konnte mein Leben nicht genießen. Das möchte ich nicht mehr – und es funktioniert.

Als Untertitel des Buches stellen Sie die Frage: Treibt die Türkei in die Diktatur? Wie beantworten Sie – mit Ihrer Erfahrung – diese Frage?

Akhanlı: Mit Ja würde ich sie beantworten – auf jeden Fall. Aber ich wollte auf dem Buchtitel eher ein Fragezeichen dazustellen, weil ich kein Experte bin. Ich weiß etwas über den Faschismus und verschiedene Formen der Despoten, aber ich sehe mich nicht als Experte. Ich konnte aus meiner Erfahrung ein paar Kommentare abgeben, aber ich kann keine richtige Antwort geben. Aber wie ich es jetzt beobachte, ist die Türkei von einem diktatorischen Regime nicht weit entfernt – so wie dieser Staat Politik macht, wie er handelt, wie er redet: Dann kann ich die Frage mit Ja beantworten.

Drei Jahre lang, als die Türkei Ihnen die türkische Staatsangehörigkeit entzog, waren Sie heimatlos. Was bedeutet Ihnen Heimat heute?

Akhanlı: Ich glaube, Heimat hat mit Liebe direkt zu tun. Deshalb beschreibe ich im Buch den rührigen Raum meiner Kindheit – mein Dorf. Das war meine Heimat und insofern habe ich Heimat schon mal erlebt. In der Türkei habe ich dieses Heimatgefühl verloren. In Deutschland habe ich versucht, dieses Gefühl wieder herzustellen, aber lange funktionierte es nicht. Das hat mit meinen Erfahrungen in der Türkei zu tun. Nach meiner Freilassung 2010 bin ich als depressiver Mensch nach Deutschland zurückgekehrt. Aber die Solidarität und Umarmung, die ich in Deutschland erfuhr, hat mir sehr gut getan. Später, nach der spanischen Erfahrung, habe ich eine Freude in mir empfunden, die ich jetzt wieder spüre. Ich nenne diese Freude jetzt Heimatgefühl.

Ein Stück deutscher Heimat finden wir am Ende Ihres Buches: Einen Brief an Ihre Unterstützer, die während der spanischen Inhaftierung zu Ihnen gestanden haben, unterschrieben Sie nach Ihrer Rückkehr nach Köln mit „Kölle Alaaf“...

Akhanlı: Genau (lacht). Das Gefühl und die innere Freude, wirklich lachen zu können, ist da. Ich kann mich wieder freuen.

Was kann jeder einzelne von uns machen, um der Türkei zu zeigen, dass wir uns eine Türkei wünschen, die die Demokratie und Grundrechte achtet. Erreiche ich die Richtigen, wenn ich mich etwa dagegen entscheide, in der Türkei Urlaub zu machen?

Akhanlı: Ich rate nicht dazu, die Türkei auf diese Weise zu boykottieren. Ich glaube nicht, dass ein Tourismusboykott wirklich funktionieren kann, um ein Land zu befreien. Ich habe aber die Hoffnung, dass der Mann an der Spitze der Türkei nicht mehr so stabil ist und seine Zeit abgelaufen ist. Deswegen würde ich sagen, dass die Deutschen mit der Türkei Kontakte pflegen sollen und nicht alle über einen Kamm scheren.

„Zu Gast auf dem Sofa“ beginnt am Dienstag, 8. Mai, 19.30 Uhr, in der Hochschul- und Kreisbibliothek Bonn-Rhein-Sieg in Rheinbach, von-Liebig-Straße 20. Es moderiert Lale Akgün. Der Eintritt kostet zehn, ermäßigt sechs Euro. Das Buch „Verhaftung in Granada“ ist bei Kiwi erschienen und kostet 9,99 Euro.