Pogromnacht vor 80 Jahren

Rheinbacher Zeitzeugen erinnern sich zurück

Rheinbach. Vor 80 Jahren wurde die Synagoge in Brand gesteckt und sieben Männer wurden inhaftiert. Albert Geisel war einer der Häftlinge. 1939 emigrierte er zunächst nach England und dann in die USA. Fast alle Rheinbacher Juden wurden von den Nazis ermordet.

Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Gotteshaus angezündet wird, Nachbarshäuser verwüstet werden und die Familie inhaftiert wird? Albert Geisel hat das Novemberpogrom in Rheinbach miterlebt. Der Rheinbacher wurde am 10. November 1938 im örtlichen Gerichtsgebäude in Haft genommen und anschließend für sechs Wochen Haft nach Dachau gebracht. Seine Gedanken und Ängste hat Geisel in den 1990er Jahren in einem englischsprachigen Interview für ein Zeitzeugenprojekt in den USA geschildert. Auf diese Aufzeichnung ist nun erstmals Stadtarchivar Dietmar Pertz gestoßen, der den Zeitzeugenbericht ins Deutsche übersetzt und mit dem bisherigen Forschungsstand über die jüdische Gemeinde in Rheinbach ergänzt hat.

Zu Beginn der 1930er Jahre wohnten 61 Juden in Rheinbach. Unter ihnen auch Albert Geisel. Im November 1938 lebte er gemeinsam mit seinen Eltern und der Familie seiner Schwester Betty im elterlichen Haus an der Hauptstraße. Von seinem Vater hatte er den Viehhandel und die Metzgerei übernommen, die jedoch immer weniger Umsatz einbrachten.

Von den Verwüstungen am 10. November bekam Geisel zunächst nichts mit. Während er mit dem Fahrrad in Miel und Ludendorf unterwegs war, kam am Vormittag ein SA-Trupp aus Bonn in seine Heimatstadt. Der damalige Bürgermeister Josef Wiertz verhinderte zunächst die Verwüstung von jüdischen Wohnhäusern. Im Laufe des Tages kam es jedoch zu Zerstörungen von Wohnungen und Geschäften, an der sich Rheinbacher SA- und NSDAP-Leute beteiligten. Auch die Synagoge wurde angezündet und die Thorarollen entwendet, die bis heute verschollen sind. Das Gebäude brannte völlig aus, nur die Außenmauern blieben stehen. Auf dem jüdischen Friedhof in der Nähe des Bahnhofs warf die Truppe die Grabsteine um. „Der jüdische Friedhof in Rheinbach wurde im ganzen Kreis am meisten zerstört“, sagt Pertz.

Währenddessen schob Geisel sein Fahrrad mit der einen Hand, mit der anderen Hand aß er ein Butterbrot, als ein Bekannter ihm von den Geschehnissen berichtete. Er eilte zu einer Kundin, die ihren Sohn nach Rheinbach schickte, um herauszufinden, was passiert war. Nach zwei Stunden kam der junge Mann zurück – wobei er es nicht gewagt haben soll, Geisel in die Augen zu schauen – und informierte ihn darüber, dass sein Vater Hermann Geisel in Haft war und der Trupp auch den Sohn verhaften wolle. Er fuhr zurück nach Rheinbach: „Ich musste über Oberdrees fahren, wo zwei Bäuerinnen mit dem Finger auf mich zeigten: 'Da kommt einer von denen'“, so Geisel. Auch Jahrzehnte später erinnerte sich Geisel noch genau, was seine Mutter an dem Tag gekocht hatte, als er sein Elternhaus betrat. Erbsensuppe – aber Geisel konnte nichts davon essen. Stattdessen ging er zum Gefängnis. Dort bekam er ein Bettlaken und ein paar Bücher: „Ich wurde allein in eine Zelle gesteckt. Nach einigen Stunden hörte ich das Zuknallen von Türen und zuletzt wurde meine Zellentür geöffnet und Parteileute aus Bonn traten ein“, so Geisel. Später soll sich der Richter entschuldigt haben, mit Tränen in den Augen. Noch am Abend wurde Geisels Vater Hermann aus Altersgründen entlassen.

Am Tag wurden die Insassen aufgerufen. „Wir wussten nicht, wo unserer Bestimmungsort lag“. Ein Lkw brachte sie in die Strafanstalt Brauweiler nach Köln, später ging es mit einem Zug weiter nach Dachau. Neben Geisel wurden sechs weitere Rheinbacher inhaftiert: Adolph Goldschmidt, Hermann Josef Geisel, Max Geisel, Hermann Klaber sowie Alfred und Ludwig Weber. Nach sechswöchiger Haft wurde Geisel Ende Dezember entlassen – wohl auch weil er nachwiesen konnte, dass er Deutschland verlassen wolle, vermutet Pertz. Andere waren deutlich länger inhaftiert. Am 29. Dezember kam er wieder in Rheinbach an und bereitete die Auswanderung für sich und seine Familie vor. Im Frühjahr 1939 zog er zunächst nach England, dann weiter in die USA. In Cincinnati eröffnete er eine Metzgerei und heiratet seine Frau Else. Geisel starb 1996 im Alter von 88 Jahren in den USA.

Anderen gelang die Emigration nicht. Sie wurden 1942 deportiert und ermordet. An sie erinnern 36 Stolpersteine in der Stadt. Pertz eine Familie in England aufgetan, die Verbindungen zu Rheinbach hat. „Man folgt diesen Spuren“, sagt er.