Kommentar zu Missbrauch in Bad Münstereifel und Rheinbach

Mit radikaler Offenheit

Das Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Rheinbach.

Das Vinzenz-Pallotti-Kolleg in Rheinbach.

Rheinbach. Die seit Jahren geführte Diskussion um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ist zweischneidig. Einerseits die Institution der Kirche, die sich um Aufklärung bemüht, der aber nicht jeder eine schonungslose Selbstkritik zutraut. Andererseits sind da die Opfer.

Viele Jahrhunderte hatte die Kirche die alleinige Deutungshoheit über die ethische Bewertung menschlicher Verhaltensweisen. Diese Stellung hat sie schon lange verloren. Insofern sind zwei Meinungen durchaus erlaubt. Die seit Jahren geführte Diskussion um die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ist denn auch immer zweischneidig.

Da ist einerseits die Institution der Kirche, die sich um Aufklärung bemüht, der aber nicht jeder eine schonungslose Selbstkritik zutraut. Das ist zu allererst ein struktureller Befund. Andererseits sind da die Opfer und Opferfamilien, die zu Recht eine angemessene Wiedergutmachung erwarten. Und das ist nicht mal in erster Linie eine finanzielle Erwartung.

Denn viele Opfer haben jahrzehntelang geschwiegen aus Angst und Scham. Sogar enge Verwandte wussten vielfach nichts vom Martyrium ihrer Angehörigen. Vielleicht wunderten sie sich über psychische Labilität, unsteten Lebenswandel und mangelnde Bindungsfähigkeit – alles Ergebnisse dessen, was ihnen angetan wurde. Es mag sein, dass eine radikale Offenheit hinsichtlich der genannten Fälle von Gewalt und sexuellen Missbrauchs das angekratzte Image der Kirche weiter beschädigt. Eine Alternative dazu gibt es nicht. Nur wer uneingeschränkt transparent mit der Aufarbeitung der Vorwürfe umgeht, darf darauf hoffen, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Reichen wird das allerdings nicht.

Die Kirche muss auch die richtigen Schlüsse aus ihrem neuerlangten Wissen ziehen und dringend ihre Strukturen verändern. Die Frage, ob solche Fälle noch einmal denkbar sind, darf nicht vom Zufall und dem Verhalten einzelner Personen abhängen. Ansprechpartner für potenzielle Opfer und Überprüfung nach festgelegten Kriterien müssen obligatorisch werden. Und die Sensibilität aller Beteiligten bei diesem Thema muss jederzeit genährt bleiben. Übrigens: Dass im Falle von Bad Münstereifel keiner der noch lebenden Beschuldigten seine Taten anerkannt hat, bleibt die beschämende Pointe des vorgelegten wissenschaftlichen Berichts.

Es ist überhaupt schwer vorstellbar, wie ein geistlicher Täter sein Handeln über Jahrzehnte vor seinem Gewissen zu rechtfertigen in der Lage ist, ohne die geringste Schuld zu empfinden – und einzugestehen.