Neues Konzertformat in Rheinbach

Lesende Liedermacher beim LiedStrich

RHEINBACH. Was ist das für ein Veranstaltungstitel, den selbst die weltumspannende Suchmaschine nicht kennt? "Meinten Sie Lidstrich?", fragt Google hartnäckig und macht bei Eingabe des Wortspiels Tausende Vorschläge zu Einträgen mit Schminktipps.

Geht es nach den Besuchern, bleibt LiedStrich, das neue Format für Liedermacher, nicht lange ein Geheimtipp. "So etwas habe ich nicht erwartet", urteilt die 17-jährige Laura. "Die Künstler waren so gut und es herrschte so eine klasse Stimmung. Nächstes Mal kommen wir auf jeden Fall wieder."

Moderatorin Anke Fuchs hatte am Freitagabend zwei ganz Große aus der schnell wachsenden Bonner Liedermacherszene in die Glasstadt gelotst. Anika Auweiler von der Band miamio überzeugte mit ihrer nuancenreichen Stimme und teilweise tanzbaren Ohrwürmern. Mittels einer Loop-Station baute sie aus ein paar Klopfern auf den Gitarrenkorpus, einem Schlag auf das Glockenspiel ("Ein Relikt meiner musikalischen Früherziehung") und nicht zuletzt ihrer Stimme einen erstaunlichen Klangteppich inklusive Background-Vocals auf. Mitten ins Herz traf ihre Ballade "Es geht gut aus".

Das Gitarrenduo positano, alias John Brodi und Daniel Schult, besetzte gekonnt und sympathisch das Segment Humor. Lieder wie "Vegetarisch oder Vegan?", "Alle warten" und das selbstironische "Ja, wir sind so underground" sind anspruchsvolle Musik-Comedy. Bei "Lieblingsbar" sang gar der ganze Saal den Refrain mit, die sechs- wie die 60-jährigen Zuhörer. Daniel Schult gefiel die untypische Altersmischung und kommentierte: "Wir sind alle doch irgendwie Randgruppe."

Der 27-jährige Sebastian Handke aus Meckenheim, Absolvent der renommierten Arnheimer Musik-Akademie hatte sein erstes Album "Unsere Zeit" im Gepäck. Seine Songs durchzieht eine leichte Schwermut, die an beste Liedermachertradition anknüpft. Virtuos das Gitarrenspiel des jungen Künstlers. In der Pause war Zeit zum Gespräch mit seinem ehemaligen Musikschulleiter Claus Kratzenberg. Dieser war von Handkes Auftritt angetan: "Ich freue mich sehr, wenn einer unserer Musikschüler seine Liebe zum Beruf machen kann."

Was den LiedStrich von einem gewöhnlichen Singer-Songwriter-Konzert abhebt, sind die originellen Zusatzelemente. So nimmt sich Literaturbloggerin Fuchs die Zeit, um die Künstler nach ihren aktuellen Lieblingsbüchern zu fragen. Und die Künstler bekommen die Zeit, von diesen zu schwärmen (John Brodi: "Haruki Murakamis 1Q84 haut mich einfach um!") oder sogar daraus vorzulesen. Daniel Schult gab eine Kostprobe seines häuslichen "Toilettenbuches" zum Besten, eine Sammlung komischer deutscher Dichtkunst, herausgegeben von Robert Gernhardt. Man staunte: Auch Hermann Hesse konnte amüsant.

Auch live gedichtet wurde beim LiedStrich. Beim "Lied des Abends" mussten Moderatorin und Künstler ein Knick-Gedicht zu den Reizwörten "Volleyball" und "Hunde" verfassen und es passend zu einer volkstümlichen Melodie vortragen. Bei der "Krötenwanderung" genannten Kollekte durfte jeder das teilweise zurückerhaltene Eintrittsgeld nach eigenem Ermessen in die Krötenspardosen der Künstler werfen. Positano sammelte die meisten "Krötentaler", bekam somit das Recht auf das letzte Lied und beglückte mit "Kinder" die begeisterten Zuhörer aufs Neue.

Die Organisatoren von Rheinbach liest waren rundum zufrieden. Wegen des angekündigten aber letztlich ausgebliebenen Gewitters, hatte man das Open-AirKonzert zu einem Open-Window-Konzert gemacht und nach innen verlegt. Der zweite LiedStrich wurde unterstützt durch eine Veranstaltungsspende der Modegeschäfte Mocca und Prettywomen. Und für den nächsten steht auch schon ein Termin: Der 27. November. Die Veranstalter hoffen erneut auf einen Local Hero. In der Rubrik "Jung und nervös" können sich gerne auch unerfahrene Talente mit ihrem selbstgeschrieben Lied melden.

Weitere Infos können sie unter gerd.engel@rheinbach-liest.de erfragen.