Diagnose Hausärztemangel auf dem Land

Kreis und Uni Bonn werben um junge Ärzte

Hausarzt gesucht: Um dem Mangel an Medizinern auf dem Lande vorzubeugen, setzen die Bonner Uni und der Rhein-Sieg-Kreis auf frühzeitige Informationen der jungen Ärzte, die bald ihren Facharzt in Allgemeinmedizin machen.

Hausarzt gesucht: Um dem Mangel an Medizinern auf dem Lande vorzubeugen, setzen die Bonner Uni und der Rhein-Sieg-Kreis auf frühzeitige Informationen der jungen Ärzte, die bald ihren Facharzt in Allgemeinmedizin machen.

Rheinbach. Es gibt nicht zu wenig Ärzte in Deutschland, wie gerne behauptet wird. Es arbeiten nur zu wenige von ihnen auf dem Land. Der Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin der Uni Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis werben für die Arbeit auf dem Land.

Nur ein winziges, wenn auch – zumindest was Aufmerksamkeit angeht – wirksames Detail fehlt an diesem Morgen vor dem Rheinbacher Bahnhof: ein roter Teppich. Auf das von glanzvollen Events bekannte Accessoire verzichten die Macher des „Landtags“ für Allgemeinmediziner in der Weiterbildung wohlweislich. Schließlich wollen der Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin der Universität Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis mit ihrer ganztägigen, ausgebuchten Fortbildung in der Glasstadt keine Effekthascherei betreiben, sondern nachhaltig dafür sorgen, dass sich junge Mediziner dafür entscheiden, auf dem Land zu praktizieren.

25 Frauen und Männer im Alter von 25 bis 46 Jahren, allesamt angehende Fachärzte für Allgemeinmedizin, werden von Dr. Rainer Meilicke, Chef des Kreisgesundheitsamts, und Dr. Klaus Weckbecker, Professor und Direktor des Instituts für Hausarztmedizin der Uni Bonn, am Rheinbacher Halt der Voreifelbahn empfangen.

Patienten und Ärzte werden älter

Mindestens einmal im Jahr kommen die Ärzte in Weiterbildung (ÄiW) in einem „unterversorgten oder bedroht unterversorgten Gebiet“ zusammen, berichtet Daniela Mauer, Koordinatorin des Weiterbildungsverbunds, im Gespräch mit dem GA. Zwar sind in Rheinbach, wie im gesamten linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis, erfreulicherweise derzeit „null Praxen unbesetzt“, wie Weckbecker berichtet.

Dennoch mache sich die Demografie auch in der Medizinerschaft bemerkbar. Heißt: Nicht nur die Patienten werden älter, auch die Ärzte. In Wachtberg etwa sei dieser Trend bereits erkennbar. Angespannter hingegen ist die Lage im rechtsrheinischen Kreisgebiet: Dort sind aktuell 22 vakante Plätze für Hausärzte zu finden – insbesondere im östlichen Rhein-Sieg-Kreis (der GA berichtete).

Viele Praxen werden geschlossen

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Glasmuseum zeigt Meilicke, der in der Nachbarkommune Meckenheim lebt, ein paar Glanzlichter der Glasstadt. Doch beim Landtag geht es nicht um Sehenswertes, sondern darum, mögliche Versorgungslücken zu schließen – oder gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Daher wurde 2014 der sogenannte 'Landtag in der Fortbildung' für unsere ÄiW eingeführt, um ihnen durch ein attraktives Fortbildungsangebot ländliche Gebiete näherzubringen“, berichtet Mauer.

Hintergrund: Wie Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery vor Kurzem verdeutlichte, plant nahezu jeder vierte niedergelassene Arzt in den nächsten fünf Jahren, seine Praxis aufzugeben. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gründete sich Ende 2010 der Weiterbildungsverbund Allgemeinmedizin der Universität Bonn. Er ist inzwischen nach eigenen Angaben zum größten Weiterbildungsverbund in NRW angewachsen.

Intensive Bemühungen um neue Ärzte

In Rheinbach geht es um praktische Hinweise für den Praxisalltag, Spezialthemen wie die Ausstellung von Totenscheinen, aber auch um individuelle Beratung. „Wir wollen die jungen Mediziner dahin bringen, wo der Bedarf am größten ist“, erklärt Weckbecker. Nach Landtagen in Windeck, Eitorf und Much sei nun der linksrheinische Kreis an der Reihe, besucht zu werden.

„In Much bot der Bürgermeister an, sich für die Ärzte um Kita-Plätze kümmern zu wollen, und er versprach Unterstützung bei der Wohnungssuche und beim Aufbau der Praxis“. Die Folgen der Offerte sind verblüffend: Zwar sagte keiner der Mucher Landtagsteilnehmer direkt zu, das Werben sprach sich allerdings schnell rum. „Es ist gelungen, drei neue Kollegen anzusiedeln – darunter ein Internist“, weiß Meilicke zu berichten.

Die derart umgarnte Generation junger Ärzte hat im Ratssaal des Rheinbacher Glasmuseums Platz genommen. Interessiert hört etwa Dr. Anja Flücken (40) zu. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihrer Weiterbildung und überlegt, wo sie künftig als frischgebackene Fachärztin für Allgemeinmedizin arbeiten möchte. „Ich schaue mir die Infrastruktur genau an“, sagt Flücken – etwa die Versorgung mit Apotheken und anderen Fachärzten. Eine gute Balance von Arbeit und Leben, neudeutsch Work-Life-Balance genannt, ist wichtig, um gut mit den Patienten arbeiten zu können, findet sie.

Mobilität ist Grundvoraussetzung

Noch gut zweieinhalb Jahre hat Dr. Michael Emrich Zeit bis zur Entscheidung, wo er praktizieren soll. Für den 37-Jährigen sind Kooperationen mit anderen Fachärzten wichtig, darum nutzt er die Landtage, um Kontakte zu knüpfen. „Es ist schwierig als Einzelkämpfer für ein großes Einzugsgebiet mit 3000 bis 4000 Patienten zuständig zu sein“, sagt Emrich. Um einer Überforderung vorzubeugen, seien Kooperationen ein probates Mittel. Und: Aus seiner Sicht spielt die „Verbindungen von Familie und Beruf eine wichtige Rolle“.

Auf Zusammenschlüsse von Medizinern setzt auch Dr. Heike Kukuk. Die 42-Jährige, die 2018 ihren Facharzt für Allgemeinmedizin in der Tasche haben möchte, will eher nach einem Angestelltenverhältnis Ausschau halten anstatt den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen. Kukuk war bereits auf drei Landtagen zugegen. „Eine tolle Möglichkeit der Weiterbildung“, findet sie. Einem Engagement „auf dem Land“ begegnet sie aufgeschlossen. Ein wichtiger Punkt müsse allerdings geregelt sein: Dieser Ort müsse „von Bonn aus gut erreichbar“ sein, sagt Kukuk.

Bereits entschieden, wohin die Reise als frisch approbierte Hausärztin geht, hat sich Anja Flücken: „Ich fange in Rheinbach an“, berichtet sie freudestrahlend. Ihre Entscheidung, Teil einer Rheinbacher Gemeinschaftspraxis zu werden, sei freilich schon vor dem Landtag gefallen. „Ich finde die Stadt sehr schön“, so Flücken.