Kölsche Lieder von anno dazumal

Jupp Muhr singt Willi Ostermann in Rheinbach

Jupp Muhr sang sich mit Liedern von Willi Ostermann in die Herzen des Rheinbacher Publikums; am Klavier Leonhard Hüster.

Jupp Muhr sang sich mit Liedern von Willi Ostermann in die Herzen des Rheinbacher Publikums; am Klavier Leonhard Hüster.

RHEINBACH. Jupp Muhr singt sich mit Liedern von Willi Ostermann in der Bücherei St. Martin in die Herzen des Rheinbacher Publikums. Ostermann tingelte über Volks- und Vereinsfeste und kam so gut an, dass er bald von der Musik leben konnte.

Ein Auftritt von Jupp Muhr in Rheinbach kommt einem Heimspiel gleich. Und das hat mindestens zwei Gründe: Zum einen war er von 1978 bis 2006 Direktor der hiesigen Volkshochschule. Zum anderen aber geht seine gelassene rheinisch-frohe Art offenbar direkt ins Herz des Publikums. Das wurde jetzt auch bei seinem jüngsten Auftritt in der Bücherei St. Martin deutlich.

Praktisch vom ersten Lied an – „Däm Schmitz sing Frau ess dörchjebrannt...“ – wurden die Refrains mitgesungen. Das Programm bestand aus Liedern des Kölner Komponisten und Texters Willi Ostermann, der 1876 im damals noch selbstständigen Mülheim geboren wurde und 1936 in seiner Heimatstadt starb. Es begann mit „Schrrrumm, alt widder en Fleeg kapott“, einem Lied über den Kampf gegen Insekten-Plagegeister. Es gab noch keine Kühlschränke, in den Küchen baumelte klebriges Fliegenpapier von der Decke, und die Leute wehrten sich mit Fliegenklatsche oder flacher Hand. Obwohl solche Problemchen längst nicht mehr zum Alltag gehören, erschien auf den Gesichtern im Publikum erinnerungsseliges Lächeln. „Dann kläv zom Vergnöge de Wand schwazz voll Fleege. Schrrrumm! Dat Dinge es joht!“ Eine Wand voller schwarzer Fliegenkadaver – das war einmal.

Muhr stellte Ostermann zu Beginn vor als einen musikalischen Autodidakten, der Stereotypeur, Grafiker und Drucker gelernt hatte. Ostermann tingelte über Volks- und Vereinsfeste und kam so gut an, dass er bald von der Musik leben konnte. Seine populären Lieder wurden im ganzen Land bekannt. Dazu gehören „Einmal am Rhein“ oder „Wenn Du eine Schwiegermutter hast“. Für Muhr blieb Ostermann aber nur mit seinen Mundart-Liedern authentisch, die das Leben seiner Zeit beschrieben. „Aam Duude Jüd“ beispielsweise hieß ein bekanntes Tanzlokal, das seinen Namen vom nahen Judenfriedhof ableitete und nichts mit Antisemitismus zu tun hatte. „Et Schäfersch Nett, et Schruppe Zillije“, trafen sich dort. Alle Damen trugen ihren Sonntagsstaat aus dem Kaufhaus „Tietze Leienad“, dem Vorläufer von Kaufhof und Karstadt.

Mundart in Reinkultur

„Et fussig Julche (die rothaarige Julia) met de lila, lila Söckcher“ war auch dabei, wenn man „mieschtenteils d'r Dreitritt schwenk“ (im Dreivierteltakt Walzer tanzte). Und so stellte Muhr aus den Liedern über verschiedenste Lebenslagen eine Reise durch die damaligen Lebensverhältnisse zusammen. Da möchte der kleine Heinemann „zom Namensdag e Schökkelpäädche han“ (ein Schaukelpferdchen haben). Namenstage, erfährt das Publikum nebenbei, waren damals bei den Katholiken noch wichtiger als Geburtstage.

Oder das Mariechen, eigentlich ein anständiges Mädchen, wurde „mem Hermann jesinn“. Und schon tuschelten die Nachbarinnen: „Marieche, dann weiß mer Bescheid!“ Dabei hatte die Frau Dänz allen Grund vor der eigenen Haustüre zu kehren: Denn deren Tochter Stina hatte noch keinen Mann gefunden, weil sie „för singe Knochenbau am Liev zo winnisch Fleisch“ hat, also zu hager ist. Kleine Sorgen, Nöte und Kataströphchen vergangener Zeiten, als es noch Kohleöfen gab, deren Abzugsrohre man aus Rache am Nachbarn verstopfen konnte, amüsierten das mitsingende Publikum köstlich.