Rheinbacher Bergbau

Goldgräberstimmung in der Glasstadt

Rheinbach/Odendorf. Die vielfältige Geschichte des Bergbaus in Rheinbach ist noch an vielen Stellen sichtbar. Am Dienstag hält Dietmar Pertz, Leiter des Rheinbacher Stadtarchivs, einen Vortrag im Odendorfer Zehnthaus.

Die gesuchte Entspannung im Grünen schlägt in pure Verblüffung um, wenn beim Waldspaziergang auf einmal unerwartet eine mit Eisenerzsteinen befüllte Lore auf Schienen scheinbar aus dem Nichts auftaucht. Wer ob des originalgetreuen Stollenwagens meint, sich im Rheinbacher Stadtwald verlaufen zu haben, ist gehörig auf dem Holzweg. Am Inselweiher, unweit des Rheinbacher Forsthauses gelegen, sind die Hinterlassenschaften einer längst untergegangenen Industrie zu sehen.

Die Bergbaugeschichte Rheinbachs ist vielschichtiger als viele denken – nicht nur im Stadtwald, sondern auch in den Höhenorten. Auf Einladung des Vereins Zehnthaus spricht der Leiter des Rheinbacher Stadtarchivs, Dietmar Pertz, am Dienstag, 12. April, 20 Uhr, im Zehnthaus, Am Zehnthof 1 in Odendorf, über die kurze, aber mitunter schillernde Bergbauhistorie der Glasstadt.

Belegt ist, dass schon in der Frühen Neuzeit die Heisterbacher Mönche in der Sürst Kupfer und Blei abbauten. Mitte des 19. Jahrhunderts intensivierten Unternehmer die Suche nach diesen Erzen und legten zwischen Loch und Hardt, in Kurtenberg, bei Berscheid und zu den „Vier Winden“ Schächte und Stollen an.

„Der Bergbau in der Sürst sicherte zu seinen besten Zeiten über 60 Familien den Lebensunterhalt“, berichtet Pertz im Gespräch mit dem GA. Allerdings war der Abbau wegen der vergleichsweise geringen Erzvorkommen und der schwierigen wassertechnischen Verhältnisse nur wenig rentabel. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs war vorerst Schicht im Schacht.

Inselweiher am Forsthaus dient als Stauteich für Eisenschmelze

Und warum die Lore im Wald? Am Forsthaus stand früher eine Eisenschmelze. Für den Betrieb des dazugehörigen, zehn Meter großen Wasserrads legten die Grubenbetreiber damals den Inselweiher als Stauteich an. „Heute erkennt man noch die historische Transportrampe zwischen Weiher und Forstscheune“, weiß Pertz.

Über einem Tor der Forstscheune befindet sich heute noch die Balkeninschrift „Glück und Segen zur Rheinbacher Eisenhütte Anno 1857“. Sichtbar sind im Stadtwald ferner noch die Abbaugruben, die sogenannten Pingen. Als weiteren Ort sichtbarer Bergbauhistorie nennt der Stadtarchivar das Restaurant „Zu den vier Winden“, in dessen Nähe standen einst das Maschinenhaus und das Verwaltungsgebäude der Grube Hedwigsglück.

Tiefer bohrten sich die Bergleute bei Loch ins Erdreich, um dem Boden seine Schätze zu entreißen: Dort wurden Schächte bis 60 Meter Tiefe und 200 Meter Stollenlänge angelegt. „Bis in die jüngste Zeit sind dort Bergschäden vorgekommen, bei denen durch einbrechende Stollen Häuser abgesackt sind“, sagt Pertz.

Der Höhepunkt des Kupfer- und Bleierzabbaus ist um das Jahr 1907 zu datieren. Bis zu 83 Männer arbeiteten im Bergbau - eine große Zahl für die damaligen Gemeinden Neukirchen und Queckenberg, die heute zu Rheinbach gehören. Der Enthusiasmus, der einer Goldgräberstimmung glich, war so groß, dass es in Neukirchen Überlegungen gab, eine größere Pfarrkirche zu bauen. „Man glaubte an einen Boom, letztlich hat sich das aber nicht bewahrheitet“, so Pertz. Die Folge: Auch die hochfliegenden Pläne vom größeren Gotteshaus konnten bis heute nicht in die Tat umgesetzt werden.

Schon in der Frühen Neuzeit bauten die Mönche des Klosters Heisterbach in der Sürst Kupfer und Blei ab. In Neukirchen, wo die Gottesmänner von der rechten Rheinseite im 15. Jahrhundert die Kirche bauten, betrieben sie eine Kupfer- und Bleimine sowie eine Schmelzhütte.

„Die hatten es als Zisterzienser mit dem Bergbau“, weiß Pertz. Im 19. Jahrhundert intensivierten Unternehmer dann die Suche nach Erzen und legten zwischen Loch und Hardt Schächte und Stollen an. „Der Bergbau war eher ein exotischer Versuch, der durch hohe Erwartungen heraufbeschworen wurde.“ Bessere Abbaugebiete fanden die Unternehmer in der Eifel.

Acht Stunden unter Tage und zwölf Stunden über Tage Arbeit

Während von den Schächten und Stollen vereinzelte Karte und Zeichnungen gaben, sei es schwer nachvollziehbar, wie die Rheinbacher Arbeitsbedingungen unter Tage waren. „Wir haben keine Augenzeugenberichte“, weiß Pertz. Allerdings lassen sich aus den Arbeitsvorschriften Erkenntnisse ziehen, etwa vom Kupferbergwerk Hedwigsglück. „Die Arbeitszeit betrug acht Stunden - viel für die harte Arbeit unter Tage, aber wenig für die damalige Zeit.“

Auch nachts stand die Förderung nicht still, es gab drei Schichten. Innerhalb der Schicht habe Anspruch auf eine halbe Stunde Pause bestanden. „Deutlich länger mussten die Männer über Tage arbeiten, nämlich zwölf Stunden.“

Am Dienstag, 12. April, 20 Uhr, spricht Rheinbachs Stadtarchivleiter Dietmar Pertz auf Einladung des Vereins Zehnthaus Swisttal-Odendorf/Essig im Zehnthaus, Am Zehnthof 1 in Odendorf, über die Bergbaugeschichte in Rheinbach. Der Eintritt ist kostenlos.

Letzte Fuhre liegt im Wald

Die mit Eisenerzsteinen gefüllte Lore, die auf einem Schienenstück auf einem Wall in der Nähe des Inselweihers am Ölmühlenweg zu finden ist, steht nicht zufällig an dieser Stelle. Der originale Förderwagen ist als stählender Hinweis auf die kurze Historie des Erzbergbaus gedacht. Darum machten die Neuen Pfaden und die Stadt Rheinbach im vergangenen Jahr gemeinsame Sache, um die Lore als „sichtbare Spur“ im Stadtwald zu positionieren.

Überliefert ist: Als die Schließung den Arbeitern mitgeteilt wurde, hätten sie vor lauter Frust die letzte Lore in den Stadtwald gekippt. Der von den Neuen Pfaden aufgestellte Förderwagen stammt aber nicht aus der Bergbauzeit der Glasstadt, sondern aus einer Grube in Alfter-Heidgen.

Die Mitarbeiter der Neuen Pfade hatten den Wagen unter fachlicher Anleitung geschliffen, sandgestrahlt, lackiert und aufbereitet. Eisenerzsteine für die Füllung sammelte Wilfried Sturm am Speckelstein, und die finanzielle Mittel stellte die Raiffeisenbank Rheinbach Voreifel zur Verfügung.