Ehrenamtlicher Einsatz

Frau besucht 44 Jahre lang Gefängnis in Rheinbach

Sohn Kai von Westerman hat einen Film über die ehrenamtliche Arbeit seiner Mutter Ingeborg in der Rheinbacher JVA gedreht.

Sohn Kai von Westerman hat einen Film über die ehrenamtliche Arbeit seiner Mutter Ingeborg in der Rheinbacher JVA gedreht.

RHEINBACH. Dokumentarfilmer Kai von Westerman stellt Film über das Wirken seiner Mutter in der JVA Rheinbach vor. Ingeborg von Westerman versucht auch noch mit fast 90 Jahren, Häftlingen eine Perspektive fürs Leben zu geben.

Als Kind musste Kai von Westerman Anrufern, die seine Mutter sprechen wollten, häufig sagen „Mama ist mal wieder im Knast.“ Seit mehr als 40 Jahren schon geht seine Mutter Ingeborg von Westerman „in den Knast“, viele Jahre mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Fritz. Sie besucht Gefangene, die verurteilt sind als Betrüger, Einbrecher, Mörder oder Räuber. Als eine der Ehrenamtlichen führt sie mit ihnen Gespräche in Gruppen, besucht sie einzeln und begleitet sie teils über viele Jahre, einige über Jahrzehnte, und bildet so die Brücke „nach draußen“. Und das seit 1974.

Heute, 44 Jahre später: Kai von Westerman ist freiberuflicher Kameramann und Dokumentarfilmer. An dieser Stelle schließt sich der Kreis: nach einer Konzeption seiner Ehefrau Agnieszka Karas hat er mit und über seine Mutter den Dokumentarfilm „Vierundvierzig Jahre Knast“ gedreht, der am Sonntag Premiere im Ratssaal des Himmeroder Hofs hat. Das zentrale Anliegen Ingeborg von Westermans gibt der Untertitel wider: „Was kann man tun, damit Straftäter nicht rückfällig werden? – Einsperren alleine bringt nichts.“

„Es geht mir um mein Lebensanliegen. Ich möchte, dass das zum Tragen kommt“, sagt die inzwischen fast 90-Jährige. Ihr Ziel und das der anderen Ehrenamtlichen sei, zu verhindern, dass die Verurteilten wieder Straftaten begehen. Der Kern liege in der Frage, wie man ergänzen könne, was die Justiz allein gar nicht leisten könne. „Die Gefangenen kommen aus unserer Gesellschaft, werden in ihrem Namen verurteilt, sitzen auf Kosten unserer Gesellschaft im Knast und werden wieder in sie entlassen. Wie soll das gehen nur mit Fachkräften? Es geht nur, wenn wir das Zeichen geben, dass wir uns interessieren.“

In ihren Gesprächen mit den Gefangenen gehe es darum, individuell herauszufinden, wieso sie eine Straftat begangen haben und wie sich das weiter entwickelt habe. „Da kann man ansetzen, um das in Zukunft zu verhindern, da kann der Versuch unternommen werden, nachhaltig etwas zu erreichen – und nicht mit einfachem Wegsperren.“ Unter diesem Aspekt arbeiten die Ehrenamtlichen der Gesellschaft für soziale Eingliederung, die sie maßgeblich mitgegründet hat, und die Opferschutzbeauftragten „von zwei verschiedenen Seiten am gleichen Problem“, so Ingeborg von Westerman.

95 Minuten erzählt sie von Gefangenen. Zum Beispiel wie sie erfuhr, was „ein sauberer Bruch“ ist oder welche Masche einen Betrüger immer wieder ins Gefängnis brachte. Vor allem aber, wie man dazu beitragen kann, dass die Häftlinge nach der Entlassung nicht rückfällig werden. „Für mich war von Anfang an klar: Wenn ich etwas über meine Mutter und mit ihr machen will, dann nur so. Ich hätte keine guten Bilder finden können für das, was meine Mutter bewegt“, sagt Kai von Westerman.

Es gehe darum, auf ganz andere Art und Weise hinter die Mauern zu schauen. „Und das geht nur mit Erzählungen von jemandem, der sich da gut auskennt.“ 23 Stunden Interview galt es zu verdichten auf eineinhalb Stunden Film. Zweifellos sei seine Mutter eine faszinierende Erzählerin. Dennoch habe er sich kritisch gefragt, „ob man das als Zuschauer überhaupt aushalten kann, wenn eine alte Dame über fast die gesamte Filmlänge auf dem Sofa sitzt und erzählt.“ Diese Frage habe er auch seinen Berufskollegen der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AG DOK gestellt und den Film in verschiedenen Schnittphasen vorgeführt. Das Ergebnis: „Es funktioniert, denn wenn sie erzählt, sieht man Bilder.“ Die Anerkennung der Dokumentarfilm-Kollegen: die Verleihung des inoffiziellen Preises „Goldene Renke“.

Wo der Film künftig gezeigt wird, ist noch nicht klar, denn „er passt nicht ins Fernsehen und nicht ins Internet“, sagt er. „Vielleicht in die Volkshochschule oder ins Wohnzimmer. Denn der Film löst Gespräche aus, die auch durchaus kontrovers sein können.“

Premiere des Dokumentarfilms „Vierundvierzig Jahre Knast“: Sonntag, 13. Januar, 18 Uhr, Ratssaal Himmeroder Hof, Eintritt frei.