Interview zu Premiere von "Othello"

Familie Semmelrogge tritt im Rheinbacher Stadttheater auf

Rheinbach. Die Schauspieler Joanna und Martin Semmelrogge sprechen in einem Interview über ihren Vater-Tochter-Auftritt bei der Premiere von „Othello“ im Rheinbacher Stadttheater. Premiere ist am Montag um 20 Uhr.

Die Überraschung ist Martin Semmelrogge wieder mal gelungen: Wie ein Olympiasieger im Bodenturnen springt der 62-Jährige aus dem Auto, welches vor Sekunden am Himmeroder Wall in Rheinbach hielt. Zum Interviewtermin im Himmeroder Hof möchte der Schauspieler mit der markant verruchten Stimme ungern zu spät kommen. Am Morgen habe er bereits manchen Kilometer querfeldein auf dem Mountainbike absolviert. Auf Mallorca, wo er lebt, läuft er Halbmarathon. Am Montag, 12. März, 20 Uhr, feiert er mit dem Shakespeare-Klassiker „Othello“ Premiere im Rheinbacher Stadttheater. Die weibliche Titelrolle obliegt der jungen Frau, die ihn sicher nach Rheinbach chauffierte: Tochter Joanna Semmelrogge (27). Wie es ist, gemeinsam auf der Bühne zu stehen, darüber sprach GA-Redakteur Mario Quadt mit Vater und Tochter.

Klassiker zu spielen, muss für Schauspieler ein Fest sein. Weihnachten, Ostern und Pfingsten an einem Tag muss es gleichkommen, wenn Vater und Tochter gemeinsam schauspielern...

Martin Semmelrogge: Es ist schön, wenn man Kinder kriegt und mit denen ein Leben lang was machen darf. Wir sehen uns bedauerlicherweise nicht oft. Ich bin froh, dass meine Kinder tolle Schauspieler geworden sind. Jetzt ist Joanna nicht nur mein Kind, sondern auch Künstlerin. Sie hat den Beruf professionell gelernt, und wir können uns gut austauschen – etwa über unsere Sichtweisen auf Rollenprofile. Aber ich möchte nicht zu viel reden...

Joanna Semmelrogge: Das kenne ich schon. Der Lauteste gewinnt immer zu Hause – und das war ich nie. Wir spielen zehn Vorstellungen zusammen, und das ist schön, weil wir wirklich nicht so viel Zeit miteinander verbringen und uns selten sehen. Da ist es schön, wenn man sich wiedertrifft – ein Zuhause-Gefühl, obwohl man in einer fremden Stadt ist und für längere Zeit in einer fremden Wohnung.

Es muss ja toll sein, so eine Leidenschaft mit dem Vater zu teilen.

Joanna Semmelrogge: Es ist ja selten so, dass Kinder und Eltern im selben Gewässer landen. Wir sind zwar sehr unterschiedlich in unserer Art. Aber wenn wir Zeit miteinander verbringen, merken wir, dass wir allerlei Gemeinsamkeiten haben und uns sehr ähnlich sind in gewissen Dingen. Ich spiele gerne mit ihm. Es ist schön, dass das jetzt mal zustande gekommen ist.

Was dürfen die Zuschauer von einem Theaterstück erwarten, bei dem der Name Semmelrogge gleich zweifach ganz oben auf der Besetzungsliste steht?

Martin Semmelrogge: Wo Semmelrogge draufsteht, steckt Semmelrogge drin.

Joanna Semmelrogge: Genau.

Martin Semmelrogge: Unsere ganze Energy steckt drin. Unser Spaß, den wir an dem Stück und an den Figuren haben, die soll ihre Wirkung auf die Zuschauer nicht verfehlen. Das Stück soll seine Spuren hinterlassen. Shakespeare ist ja fast Boulevard, bloß als Drama. Es ist vom Wortwitz und der Sprache her sehr anspruchsvoll.

Joanna Semmelrogge: Es ist keine Pointe nach der anderen, die man irgendwie raushaut.

Martin Semmelrogge: Es ist kein Tür-auf-Tür-zu-Stück. Jeder wird sich wiedererkennen in den Gefühlen, die wir spielen.

Joanna Semmelrogge: Zum Beispiel werde ich von meinem Mann geschlagen in dem Stück. Das ist das Spannende an der Figur: Ich spiele keine Adelige, die nur bei Hofe lebt, sondern ich habe wirklich eine Geschichte. Sie traut sich, einen Mann, der farbig ist, zu heiraten, was damals noch verpönter war als etwa heutzutage. Sie traut sich, trotz der Vorhaltungen sich gegen die Familie und den Adel zu stellen. Sich das als Frau zu trauen, hat mich sehr fasziniert an der Rolle. Ich bewundere ihre Stärke, dass sie sich mit aller Macht und Leidenschaft dagegensetzt.

Vater und Tochter brillierten zur EM 2016 für Tele 5 als Duo mit „Dit is Fußball“ vor der Kamera.

Martin Semmelrogge: Ja, genau...

Joanna Semmelrogge: Das war lustig.

In diesem Jahr steht wieder ein großes Turnier an. Ich denke, das Fußballgeschäft kann momentan ein wenig Einordnung vertragen?

Martin Semmelrogge: Ja. In diesem Jahr sind wir so viel mit Theater unterwegs. ich spiele demnächst „Shakespeare in Love“ in Bad Hersfeld, und Joanna...

Joanna Semmelrogge: Ich spiele in Braunschweig in der Komödie am Altstadtmarkt das Stück „Schmetterlinge sind frei“ von Leonard Gershe. Wir werden hoffentlich während der WM genug Publikum haben, die während der Spieltage im Sommer ins Theater gehen, um zu gucken.

Martin Semmelrogge: Was Fußball angeht: Geld kann nicht alles kaufen. Ich habe in dieser Woche Real Madrid gegen Paris Saint Germain geschaut. Ich gucke mir aber nicht mehr so viel an, wenn so viel Geld im Spiel ist. Fußball ist so inflationär geworden. Es ist zwar immer noch die schönste Nebensache der Welt. Aber ich gehe lieber selber ins Sportstudio. Da tue ich was für mich, anstatt mich vor den Fernseher zu setzen.

Joanna lebt in Hamburg und Braunschweig, Martin auf Mallorca. Wie ist es, für einen langen Zeitraum während der Proben ins eher kleinstädtische Rheinbach, Godesberg oder Neuwied zu kommen?

Joanna Semmelrogge: Für mich ist es gut, wenn ich so intensive Probenzeit habe. Da will ich mich total konzentrieren. Man hat gar keine Zeit, was zu machen. Ich habe ein Fitnessstudio gefunden, eine schöne Wohnung und gerne mal meine Ruhe.

Martin Semmelrogge: Wir sind ja immer mit unserem Herz bei der Arbeit. Da bleibt gar keine Zeit, über was anderes nachzudenken. Wenn du fünf Stunden probst, dann sind die Speicher voll da oben.

Es handelt sich ja auch um nicht gerade wenig Text...

Martin Semmelrogge: Und den musst du nicht nur auswendig lernen, du musst ihn auch fühlen. Den Text kannst du gar nicht lernen, wenn du die Rolle nicht lebst.

Sie tragen beide einen großen Namen, wollen aber nicht als „Tochter von...“ und „Sohn von...“ abgestempelt werden. Ist es Last oder Lust, ein Semmelrogge zu sein?

Joanna Semmelrogge: Für mich ist es beides, muss ich ehrlich sagen. Die Oma, der Opa, der Vater, mein Bruder – man kann von einer Schauspieldynastie sprechen. Ich habe erst eine Bankausbildung eingeschlagen und zu Ende gemacht. Man ist wirklich im Zweifel manchmal: Ist das was für mich? Kann und will ich das, oder manche ich es nur, weil ich da jetzt so reinrutsche. Im Filmgeschäft wird man dadurch anders begutachtet, die Menschen erwarten was von dir. Und wenn eine Leistung vorgebracht wird, ist das nicht erstaunlich, sondern das Talent vom Vater. Türen werden leichter geöffnet mit als ohne diesen Namen. Da sich Film und Fernsehen aber sehr verändert haben, spiele ich gerne Theater, weil es da noch Rollen gibt, die ein bisschen Wert haben und eine Geschichte.

Wer den Fernseher anstellt, hat den Eindruck, dass in TV-Filmen die immer gleichen Schauspieler beieinander sind – nur der Ort der Handlung wechselt. Trügt der Eindruck?

Martin Semmelrogge: Nein, der trügt nicht.

Joanna Semmelrogge: Da fehlt der Mut. Die Vielfalt ist ja gerade das Schöne am Schauspielerberuf. Da diese Vielfalt im öffentlich-rechtlichen wie im privaten Fernsehen nicht mehr so gegeben ist, gucke ich gar nicht mehr so gerne Fernsehen. Ab und zu mal einen Tatort – aus gewissen Städten.

Martin Semmelrogge: Es liegt auch an den engen Budgets. Da nimmt man einfach das Bewährte für das Publikum. Wenn man Bergsteiger ist, will man interessante Gipfel erklimmen. Dann zieht man, wenn man das Glück hat, eine tolle Rolle am Theater zu spielen, das vor, bevor man woanders den dritten Bösewicht von rechts spielt.

Beim letzten Interview vor zweieinhalb Jahren erschien ein sehr fitter Mann, der wie um die 50 wirkte und ein Mountainbike unter dem Arm trug. Im Verlauf des Gesprächs berichteten Sie freudestrahlend, dass Sie kurz vor dem 60. Geburtstag Ihr „Leben auf Reset gestellt“ haben. Wie sehen Sie diese Aussage heute?

Martin Semmelrogge: Hat sich nichts geändert. Ich bin mit 62 – Gott sei Dank – immer noch im Rennen.

Joanna Semmelrogge: Da bin ich sehr stolz, dass er so fit ist. Da habe ich schon einen ganz fitten, besonderen Papa.

Martin Semmelrogge: Schau dir mal meine Muskeln an. Ich war am Morgen schon wieder mit dem Fahrrad unterwegs. Da hängt noch der Dreck an der Jacke – guck mal. Ich wäre auch durchaus in Radlerhosen gekommen.