Vom Feld direkt in die Backstube

Campus Klein-Altendorf baut Leinsamen an

Ob der Leinsamen in der Region gedeiht, beobachten (von links) Professor Ralf Pude, Backunternehmer Theo Voigt, Hanna Blum vom Fachbereich und Landwirt Paul Freiherr von Boeselager auf einem Feld des Campus Klein-Altendorf ganz genau.

Ob der Leinsamen in der Region gedeiht, beobachten (von links) Professor Ralf Pude, Backunternehmer Theo Voigt, Hanna Blum vom Fachbereich und Landwirt Paul Freiherr von Boeselager auf einem Feld des Campus Klein-Altendorf ganz genau.

Rheinbach/Meckenheim. Im Bio-Innovationspark Klein-Altendorf wird erstmals Leinsamen angebaut. Das macht den Import aus China überflüssig.

Dresche droht am Campus Klein-Altendorf – und zwar nicht zu knapp. Die Flegel – keineswegs die Fäuste – fliegen spätestens im August. Dann nämlich sind die derzeit wunderbar blau blühenden Leinpflanzen erntereif. Um dann die begehrten Leinsamen gewinnen zu können, müssen die Forscher des Fachbereichs Nachwachsende Rohstoffe der Universität Bonn die Dreschflegel zur Hand nehmen.

Dass Dresche droht, ist in Sachen Leinsamen eine Premiere für Wissenschaftler. Sie wollen den bereits im antiken Griechenland als Heilpflanze eingesetzten Flachs in der Region als regionales Lebensmittel wieder heimisch machen und dadurch regionale Rohwarenkooperationen fördern, wie Hanna Blum von der Arbeitsgruppe Arznei- und Gewürzpflanzen am Campus Klein-Altendorf im Gespräch mit dem General-Anzeiger berichtet.

„Wir wollen zeigen, dass wir nicht für die Schublade forschen“, meint Ralf Pude, Leiter des Fachbereichs Nachwachsende Rohstoffe der Universität Bonn, Geschäftsführer des Campus Klein-Altendorf und Professor für Agrarwissenschaften. Mit Kennerblick betrachten Blum und er das Meer an prachtvollen Blaublühern, welches nicht nur Spaziergänger und Radfahrer zwischen Meckenheim und Rheinbach erfreut. Ganz besonders genau schauen auch Agraringenieur Paul Freiherr von Boeselager und Theo Voigt, Geschäftsführer der Bäckerei Voigt, beide aus Swisttal-Heimerzheim, was da so schön blüht.

Leinsamen soll künftig in Heimerzheim kultiviert werden

Denn: Wenn die Kultivierung des Leins aus Forschersicht gelingt, möchte von Boeselager die Heilpflanze ab 2018 selbst anbauen, mit Voigt hat er bereits einen mehr als interessierten Abnehmer, der die Samen in Brötchen und Broten verbacken möchte.

Die Samen des Flachses gelten als lang anhaltend sättigend und in besonderer Weise die Verdauung fördernd. Leinöl verfügt über eine der höchsten Konzentrationen von (mehrfach ungesättigten) Omega-3-Fettsäuren aller bekannten Pflanzenöle.

Obgleich Leinsamen zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt gehören, ist der Lein, den es hierzulande zu kaufen gibt, aus Kostengründen fast ausschließlich ein aus China importiertes Produkt. Das wiederum wollen die Forscher im Campus Klein-Altendorf nicht klaglos hinnehmen: Es gehört schließlich zur nachhaltigen Philosophie des 2015 ins Leben gerufenen Bio-Innovationsparks Rheinland, solche regionalen Kooperationen zu knüpfen, wie im Fall von Theo Voigt und Paul Freiherr von Boeselager geschehen.

18 Unternehmen verschiedener Branchen, darunter zwei Banken, drei Hochschulen – neben der Uni Bonn der Rheinbacher Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und das „Bioeconomy Science Center“ des Forschungszentrums Jülich – sowie die Städte Meckenheim und Rheinbach arbeiten in dem Verein „bio innovation park“ inhaltlich und räumlich zusammen.

„Das Problem des Leins aus China ist, dass er sehr belastet ist – vor allem mit Pestiziden“, weiß Hanna Blum. Außerdem seien die Böden in China nicht selten mit Schwermetallen verseucht. „Und der Lein speichert als Pflanze diese Schwermetalle – im Gegensatz etwa zum Weizen, dem solche belasteten Böden nichts ausmachen“, berichtet die Wissenschaftlerin. Auf rund 4000 Quadratmetern blüht es derzeit auf den Campusfeldern zwischen Rheinbach und Meckenheim. Blum schätzt, dass sich daraus rund 80 Kilogramm Leinsamen erwirtschaften lassen.

Kunden schätzen regionale Produkte

„Wenn es funktioniert, beziehen wir künftig zu 100 Prozent unsere Leinsamen von hier“, sagt Theo Voigt, dessen Unternehmen aktuell 43 Filialen in der Region betreibt. „Unsere Kunden wollen wissen, woher die Dinge kommen, die sie essen. So weit wie möglich möchten wir, dass alles aus der Region kommt“, so Voigt. Schule machte etwa das Beispiel, als die Heimerzheimer Bäckermeister beim Dinkel auf einen regionalen Hersteller setzten: Die Kunden hätten den Wechsel am Geschmack gemerkt, die Firma Voigt am steigenden Absatz.

Weit mehr als ein interessierter Beobachter des ambitionierten Forschungsprojektes ist Paul Freiherr von Boeselager. Er lauschte während seines Studiums zum Agraringenieur oft den Vorlesungen im Agrarwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn. Ihn fasziniert, wie kurz der Weg des Leinsamens wird, wenn er nicht mehr aus China verschifft werden muss, sondern von den Feldern von Boeselagers stammt. „Die Bäckerei der Firma Voigt in Heimerzheim steht auf ehemaligen Ackerflächen von uns. Gut möglich, dass wir direkt daneben Lein anbauen“, berichtet von Boeselager. „Kürzere Wege kann es kaum geben“, sagt er und lacht.

Heißt: Wenn Anfang August der Premieren-Lein geerntet ist, wollen sich Blum, Pude, Voigt und von Boeselager beraten, ob der regionale Leinanbau ein Geschäft mit Zukunft ist. „Denkbar ist, dass wir ein eigenes Brötchen oder Brot mit diesem Produkt entwickeln“, schwebt Theo Voigt vor. Auch der Anbau anderer Kulturen – womöglich wieder mit Beratung aus dem Campus Klein-Altendorf – sei denkbar.