Überraschung im Briefkasten

Brief findet nach 61 Jahren sein Ziel in Rheinbach

Vera Koester zeigt den alten Brief, der ihr am Donnerstag zugestellt wurde.

Vera Koester zeigt den alten Brief, der ihr am Donnerstag zugestellt wurde.

Rheinbach. Die Rheinbacherin Vera Koester (91) findet in Ihrem Briefkasten ein Schriftstück, über das sie sich sehr wundert. Die Post aus dem sächsischen Pirna, mit DDR-Briefmarke versehen, war 61 Jahre unterwegs.

Als Vera Koester am Donnerstag ihre Post durchsah, die sie soeben aus dem Briefkasten geholt hatte, fand sich darunter ein merkwürdig vergilbter Briefumschlag, adressiert an Richard Kreibich. Das verwunderte die 91-Jährige doch sehr, denn Richard Kreibich wohnt erstens seit 1964 nicht mehr im Haus Vor dem Dreeser Tor 7 und ist zweitens im Jahr 1994 gestorben.

Der Brief ist im sächsischen Pirna abgestempelt. In der oberen rechten Ecke kleben zwei Zehn-Pfennig-Marken der DDR-Post. Nur noch schwach zu lesen ist das Datum des Poststempels: 6.11.57. Das Schreiben hat sein Ziel also mit 61-jähriger Verspätung erreicht. Unter dem Namen des Adressaten steht dessen Beruf: Uhrmachermeister. Richard Kreibich und seine Frau Helga betrieben im Ladenlokal des Hauses Vor dem Dreeser Tor 7 ein Schmuck- und Uhrengeschäft – dort, wo heute Dietmar Koester in der Nachfolge seiner Eltern Vera und Gernot Koester das Optikerfachgeschäft „Brillengalerie“ führt.

Der oder die Absender/in hat auf dem Briefumschlag keine Postleitzahl angegeben, sondern nur Rheinbach/Bonn sowie die Straße des Adressaten. Mit Bleistift ergänzt wurde die aktuelle Postleitzahl 53359 später. Der oder die Absender/in wohnte an der Liebethaler Straße 18 im sächsischen Pirna, Stadtteil Copitz. Der Name auf der Rückseite des Umschlags ist nicht genau zu entziffern. Es könnte sich um eine „Emma Wenzel“ handeln.

Vera Koester will den Brief nun der in Bonn lebenden Tochter von Richard und Helga Kreibich zukommen lassen. Natürlich ungeöffnet. „Auch nach all den Jahren gilt ja das Briefgeheimnis“, sagt die Rentnerin. Tochter Birgit Kreibich vermutet, dass es sich beim Absender um das Ehepaar Wenzel handeln könnte. „Meine Eltern waren mit dem Glaskünstler Franz Wenzel aus Pirna gut bekannt“, erinnert sie sich.

Ihre Eltern stammen aus dem Sudetenland, mussten ihre Heimat nach Kriegsende verlassen und kamen zunächst in Pirna unter, wo sie die Wenzels kennenlernten. Später ließen sich die Kreibichs in Rheinbach nieder, wo sie in den 50er Jahren ihr Schmuckgeschäft eröffneten.

Dietmar Pietruck, Pressesprecher der Deutschen Post DHL in Düsseldorf, kann sich nicht vorstellen, dass der Brief 61 Jahre bei der Post „geschlummert“ hat. Wenn er für den Postleitzahlen-Bereich 53 über das Briefzentrum Troisdorf gelaufen wäre, so Pietruck, hätte er eine Strich-Codierung. Das sei aber laut Auskunft des Briefzentrums nicht der Fall. Auch die örtliche Zustellerin in Rheinbach könne sich nicht an den vergilbten Brief erinnern. Pietruck vermutet eher, dass der Brief von einer unbekannten Person in den Briefkasten von Vera Koester gesteckt wurde.