Warten, Warten Warten

Asylbewerber in Rheinbach

Drei Syrer wurden bei einem Streit unter Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft Schornbuschweg in der vergangenen Woche verletzt.

Drei Syrer wurden bei einem Streit unter Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft Schornbuschweg in der vergangenen Woche verletzt.

Rheinbach. Abwarten, abhängen: für Flüchtlinge ohne feste Arbeit ist es mitunter schwierig, den Tag zu überstehen. Das tägliche Einerlei und das Leben auf engstem Raum führt zu Konflikten. Das machte Flüchtlingshelfer Gert-Uwe Geerdts vor dem Sozialausschuss deutlich.

„Sie verlieren den Zeithorizont, werden apathisch oder aggressiv. Die Stimmung unter den Asylbewerbern ist geprägt durch Warten, Warten, Warten. Fast zwei Jahre dauert es oft bis zum Asylbescheid.“ So beschrieb Gert-Uwe Geerdts im Sozialausschuss den Zustand vieler Asylbewerber oder auch inzwischen anerkannter Flüchtlinge, die in der Stadt Rheinbach untergebracht sind. Geerdts, bis 2002 für die SPD im Rat, seit Jahren in der Stadt sozial engagiert, arbeitet in der Teamleitung des Flüchtlingshelferkreises, dem 180 Aktive angehören, mit.

Er äußerte sich im Ausschuss auch vor dem Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzung in der Unterkunft am Schornbusch. Aus nichtigem Anlass – es ging um die Sauberkeit in der Küche – waren drei junge Syrer am vergangenen Dienstag in Streit geraten. Schließlich schüttete ein 34-jähriger Beteiligte einem 27-Jährigen kochendes Wasser über den Körper und brachte sich selbst mit einer Glasscherbe eine Wunde bei, als die Polizei eintraf. Das Opfer befindet sich nach Auskunft von Stadtsprecher Norbert Sauren wieder in der mit 90 Flüchtlingen belegten und für 240 Menschen ausgelegten Wohncontainer-Unterkunft, die beiden anderen Beteiligten wohnen inzwischen in privat angemieteten Wohnungen.

Alkohol und Drogen trotz Hausordnung

Für Geerdts sind solche Vorfälle zwar nicht tolerierbar, wohl aber erklärbar. „Überall, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, kommt es zu Konflikten. Das bleibt gar nicht aus“, sagte er. Die von Manfred Greuel von der FDP gemachte Aussage, am Schornbusch gebe es „massive Probleme mit Drogen und Alkohol“, kann Geerdts nicht bestätigen. „Das ist unredlich, so etwas in die Welt zu setzen. Herr Greuel sollte die Unterkunft mal besuchen.“

Laut Hausordnung seien Alkohol- und Drogenkonsum in der Unterkunft zwar verboten. Aber zu glauben, es ließe sich kein Bier hineinschmuggeln, sei naiv. Schließlich fänden keine Leibesvisitationen statt, und man könne auch etwas durch den Zaun reichen. Außerdem würden Drogen und Alkohol sogar in Gefängnisse geschmuggelt. Und dort ständen ganz andere Kontrollmöglichkeiten zur Verfügung. Geerdts sagt weiter, der Sicherheitsdienst könne kurzfristig für Ruhe sorgen, aber keine Streitigkeiten schlichten. Dafür seien die Leute auch nicht ausgebildet. Streitschlichtung sei nur durch den Aufbau von Vertrauen, durch persönliche Gespräche möglich. Ein zusätzlicher qualifizierter Sozialarbeiter werde gebraucht. Die frei werdende Stelle im Sozialamt müsse ebenfalls schnell wieder besetzt werden.

Auch der Polizei und der Stadt Rheinbach sind keine „massiven Probleme“ mit Drogen und Alkohol im Schornbusch bekannt. Stadtsprecher Norbert Sauren: „So etwas kann ich nicht bestätigen. Wir haben dort einen Hausmeister, eine Sozialarbeiterin, einen Flüchtlingskoordinator und den Sicherheitsdienst. Gäbe es massive Probleme, wüssten wir das. Uns sind auch keine Einzelfälle bekannt.“

Kaum Wohnungen für Flüchtlinge

Als Dreh- und Angelpunkt bezeichnete Geerdts das Café International im Jugendzentrum Live Sankt Martin. „Bürokratielotsen“ übernähmen das Übergangsmanagement. Ihre „Schützlinge“ bekämen Hilfe bei behördlichen Einschreiben, bei Terminen im Integration Point der Arge, der Krankenkasse, Anträgen zum Kindergeld oder den erforderlichen Identitätskarten. „Unvorstellbaren Aufwand“ bereitet nach Geerdts Worten der Familiennachzug. Es hapere bei der „Integration durch Arbeit“: Praktikums- und Arbeitsplätze fehlten, auch wenn der „Arbeitgeberlotse“ Gernolf Karrer sich bei Arbeitgebern abmühe.

Wohnungen könnten Flüchtlinge zwar selbst suchen, doch gebe es kaum welche für sie. Mietangebote müssten mit dem Jobcenter abgestimmt werden, bei dem 320 Euro Kaltmiete für 50 Quadratmeter eine Obergrenze darstellten.

Geerdts zählte viele Betätigungsmöglichkeiten für seine Klientel auf. Diese reichten von Jogging, Fußball im Freizeitpark, Bastelgruppen, einem Gartenprojekt im Pallottinergarten, Grillnachmittagen, Fahrradtouren, Einsätze bei der Apfelernte, dem Weihnachtsmarkt bis hin zu Erste-Hilfe-Schulungen durch die Malteser. Einige seien in Sportvereine aufgenommen worden.

Die Mehrzahl aus Syrien und dem Irak

Martina Koch (SPD) dankte Geerdts für seinen Einsatz. Für die Probleme am Schornbusch solle eine „Respektsperson“ eingesetzt werden. Joachim Steig (SPD) fragte, ob es in Rheinbach Fälle verweigerter oder gescheiterter Integration gebe. Geerdts wusste nur von Einzelfällen. Integration bezeichnete er als „Langstreckenlauf“. Susanne Pauk, städtische Fachbereichsleiterin für Stadtmarketing, Ordnung und Soziales, sagte, in vielen Fällen sei die Integration „gut gelungen“. In anderen müsse man „ein bisschen nachhelfen“. Die zuständige Sozialarbeiterin „packt das in wunderbarer Weise jetzt schon an“, sagte Pauk.

Laut dem von der UWG beantragten Integrationsbericht wies die Bezirksregierung auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms im Jahr 2015 Rheinbach 440 Flüchtlinge zu. Die Stadt stellt derzeit 17 Gemeinschaftsunterkünfte und 24 Wohnungen zur Verfügung.

Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien und dem Irak. Etwa 21 Prozent kommen aus sicheren Herkunftsstaaten wie Albanien, Kosovo und Serbien.