Albert-Schweitzer-Schule in Rheinbach

Abschied von der Förderschule

Mehr Zeit als an anderen Schulen kann sich Lehrerin Susanne Evans an der Förderschule nehmen.

Mehr Zeit als an anderen Schulen kann sich Lehrerin Susanne Evans an der Förderschule nehmen.

RHEINBACH. Diese Zustimmung war hart erkämpft. Erst nach einer fünfminütigen Sitzungsunterbrechung fand sich im Rheinbacher Ausschuss für Schule, Bildung und Sport eine Mehrheit für eine ungeliebte Entscheidung: das Aus für die Rheinbacher Albert-Schweitzer-Schule.

Die Förderschule mit ihrem Schwerpunkt Lernen ist nach dem letzten Schultag vor den Sommerferien 2016 Geschichte. Aus Protest vor der Haltung der Bezirks- und der Landesregierung, die Schule angesichts der sich abzeichnenden niedrigen Anmeldezahlen nicht weiterlaufen zu lassen, hatten gleich mehrere Fraktionen angekündigt, sich der Stimme zu enthalten. Aber: Hätten diese alle ihr Vorhaben wahr gemacht, nicht mit Ja oder Nein zu votieren, wäre der von der Bezirksregierung eingeforderte Beschluss nicht zustande gekommen.

"Ein Verbrechen an den Kindern"

"Das tut weh", sagte FDP-Ratsfrau Tamara Vogt, die nach eigenem Bekunden seit 40 Jahren Förderschullehrerin ist. Der Kloß in ihrem Hals war deutlich hörbar. Dass das Land die Schule am Rheinbacher Stadtpark sehenden Auges sterben lasse, nannte die Liberale einen "Skandal" und "ein Verbrechen an den Kindern". Die Mädchen und Jungen, die an solch einem Schultypus unterrichtet werden, so wisse sie aus ihrem reichen Schatz an Berufserfahrung, würden diesen "Schutzraum" dringend benötigen.

Sie gehöre der ersten Generation der damals noch so genannten Sonderschullehrern an. "Als ich anfing, sagt man uns, dass diese Kinder Spezialisten brauchten. Jetzt, zum Ende meiner Dienstzeit, werden aus Spezialisten bessere Nachhilfelehrer gemacht", erklärte Vogt. "Ich werde keinem Beschluss zustimmen, der das Ende einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen zum Ziel hat", kündigte die Freidemokratin an. Mithin werde den Eltern der Förderschulkinder ein gehöriges Stück Entscheidungsfreiheit genommen. Am Schluss ihrer emotionalen Rede ging sie mit dem aktuellen Stand des inklusiven Unterrichts an Regelschulen hart ins Gericht: "Die müssen personell und sächlich besser ausgestattet werden. Denn: Alle Kinder sind nicht gleich."

Zu niedrige Anmeldezahlen

Bernd Beißel (CDU) prophezeite: "Die Kinder werden an einer Regelschule nicht die Förderintensität bekommen wie an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen." Er bezweifle, dass es solch eine Förderung an einer Allgemeinen Schule geben werde, sagte der Lehrer und Rektor im Ruhestand. "Ich halte es für ein Abenteuer, dass Schüler auf der Strecke bleiben, die der Förderung dringend bedürfen." Seine Partei werde sich der Stimme enthalten. "Wir brauchen eine personelle Aufstockung an Regelschulen", forderte auch Martina Koch (SPD), um die Inklusion nicht zum Scheitern zu verurteilen. Die Sozialdemokratin dankte der Verwaltung, "die alles unternommen hat, um die Förderschule zu erhalten."

"Dem Finale ging ein schmerzhafter Prozess voraus", berichtete Raffael Knauber, Erster Beigeordneter der Stadt Rheinbach, der über Monate in einer Fülle von Gesprächen alle Möglichkeiten der Kooperation mit Förderschulen anderer Kommunen erörtert hatte. Hintergrund: Die Stadt Rheinbach betreibt die Schule, die Stadt Meckenheim sowie die Gemeinden Swisttal und Wachtberg sitzen als Träger mit im Boot. "Das hat alles nicht gelingen können", sagte Knauber mit Blick auf die Verordnung der Landesregierung, dass eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen mindestens 144 Schüler aufweisen muss. An der Albert-Schweitzer-Schule starteten im Sommer vergangenen Jahres lediglich insgesamt 42 Schüler von der fünften bis zur zehnten Klasse ins jetzt zu Ende gegangene Schuljahr.

Zustimmung mit Widerwillen

Da die Bezirksregierung die Stadt aufgefordert habe, wie Knauber sagte, das Aus der Schule in einem Beschluss zu manifestieren, wäre es aus seiner Sicht kontraproduktiv, wenn sich alle Fraktionen der Stimme enthalten würden. "Sie können mit größten Widerwillen abstimmen", gab der Beigeordnete den Ausschussmitgliedern mit auf den Weg.

"Wir werden dafür stimmen, ohne dass wir das gutheißen", erklärte Martina Koch nach einer fünfminütigen Sitzungsunterbrechung. "Wir wollen die Verwaltung nicht alleine lassen." Ins gleiche Horn blies auch Jörg Meyer (UWG), der ebenfalls zu Protokoll gab, "nur mit Bauchschmerzen" für das aus seiner Sicht unnötige Aus für die Förderschule zu votieren. "Wir stimmen dafür, im Herzen sind wir dagegen", fand Joachim Schollmeyer (Grüne). Somit votierten SPD, UWG und Grüne mit Widerwillen für den Beschluss, die FDP dagegen, die CDU enthielt sich ihrer Stimme.