Missbrauchsfälle in den 1960ern

50.000 Euro Schweigegeld für Missbrauchsopfer in Rheinbach

Rheinbach. Am Rheinbacher Konvikt des Pallottiner-Ordens gab es Anfang der 1960er Jahre mindestens drei Fälle des sexuellen Missbrauch. Ein Täter soll sein Opfer mit 50.000 Euro abgefunden haben.

Die Debatte um Missbrauchsfälle im Collegium Josephinum in Bad Münstereifel hat auch neue Erkenntnisse im Hinblick auf die Pallottiner in Rheinbach gebracht. Der Bad Münstereifeler Opfervertreter Professor Werner Becker ist allerdings an mehreren Stellen ungehalten über die Informationspolitik der katholischen Kirche. Er selbst war in den in Bad Münstereifel Opfer von sexuellen Übergriffen geworden.

Jetzt erhebt er Vorwürfe, dass der Pallottiner-Orden, bei dem es Anfang der 1960er Jahre mindestens drei Missbrauchsfälle in den beiden Rheinbacher Internaten „Sankt Albert“ und „Hermann-Josef-Kolleg“ (das spätere Vinzenz-Pallotti-Kolleg) gegeben hatte, einem Opfer Schweigegeld gezahlt habe. Becker berichtet, ihm liege eine eidesstattliche Erklärung des besagten Opfers vor, der zufolge der Provinzial des Ordens ihm 50 000 Euro im Gegenzug zu einem Schweigeversprechen gezahlt habe.

Konkret habe es im Jahr 2009, noch vor dem öffentlichen Bekanntwerden der Fälle, eine notarielle Vereinbarung zwischen dem mit dem Vorgang beauftragten Pallottiner-Pater Norbert Possmann und dem Opfer gegeben, die einerseits die Zahlung von 50 000 Euro vorsieht und andererseits im Gegenzug „Stillschweigen über die Sachverhalte des Vergleichs“ verlangt.

„Das hat der Betroffene als Schweigegeld verstanden“, sagt Becker. Das Opfer ist inzwischen verstorben und kann selbst nichts mehr dazu sagen. Allerdings bestätigte auch dessen Bruder dem General-Anzeiger, dass die Zahlung mit einem dauerhaften Schweigen über die gesamten Vorgänge assoziiert wurde. Pallottiner Norbert Possmann bestätigte jetzt den Sachverhalt, will die Zahlung aber anders verstanden wissen. „Es ist nicht üblich und war auch damals nicht üblich, Geld zu zahlen und damit verbunden Stillschweigen zu vereinbaren“, so Possmann. Dies sei nur in diesem einen Fall geschehen, man habe sich auf Anraten des Anwaltes auf diesen Passus geeinigt. „Ich wollte, dass die Leute reden und den Tätern die Macht über sie nehmen“, so Possmann weiter.

Missbrauch seit 2010 offiziell bekannt

In diesem Fall sei der Orden nur Vermittler des Geldes gewesen, da der Beschuldigte noch lebte und bereit war, diese Summe zu zahlen. Auf Nachfrage des General-Anzeigers konnte Possmann nicht sagen, wie viele Opfer sich in den vergangenen Jahren gemeldet haben. Allerdings war man zunächst lange von einem einzelnen Täter ausgegangen. „In den letzten Jahren gab es auch Beschuldigungen gegenüber drei Mitbrüdern, die im Hermann-Josef-Kolleg Rheinbach tätig waren“, so Possmann. Im Übrigen hätten sich nach den Veröffentlichungen in den Jahren 2010/11 viele Menschen bei ihm gemeldet.

„Aber da ging es oft nicht um Missbrauch, sondern um Benachteiligung in der Schule, um ungerechte Behandlung. Im Frühjahr 2010 war das Thema Gewalt und Missbrauch im Rheinbacher Konvikt offiziell bekannt geworden. Einer der prominentesten Betroffenen war der Kölner Bap-Sänger Wolfgang Niedecken, der Anfang der 1960er Jahre im Konvikt lebte. Er hatte schon früh in Liedern und Büchern über diese Zeit und seine Erlebnisse geschrieben.

Dem General-Anzeiger sagte er vor sieben Jahren auf die Frage, was er erlebt habe: „Ich habe damals mehr als ein Jahr lang mit der Angst gelebt, nachts aus dem Bett geholt zu werden und von dem Präfekten, wie das damals hieß, drangsaliert zu werden. Er hat tagsüber die Hausaufgaben abgefragt, und wenn Du einen Fehler gemacht hast, warst Du reif. Dann musstest Du abends sitzen und Lateintexte auswendig aufsagen. Bei einem Fehler gab es entweder Prügel oder Du durftest auf den Schoß. Dann fing unter dem Vorwand Aufklärung die Fummelei an. Das waren in Wirklichkeit sexuelle Übergriffe. Wir hatten weniger Angst vor der Fummelei als vor der Prügel. Sollte die Aufarbeitung der Vorfälle in Rheinbach aus eigenem Antrieb der Pallottiner geschehen, ist das zu loben. Insgesamt hat die katholische Kirche aber eine Jahrhunderte alte Tradition im Aussitzen. Ich glaube nicht, dass sich da was ändert.“