Gespräch am Wochenende

„Zu einem Buch gehört ein Glas Wein“

Die Rheinbacher Autorin Heidi Möhker liest am Sonntag und am Mittwoch aus ihrem Buch „Zwiebelangst“. FOTO: AXEL VOGEL

Die Rheinbacher Autorin Heidi Möhker liest am Sonntag und am Mittwoch aus ihrem Buch „Zwiebelangst“. FOTO: AXEL VOGEL

Rheinbach. Für Heidi Möhker sind Kriminalgeschichten und kulinarische Genüsse keine Gegensätze. Im Gegenteil: Literatur und Essen – zwei Dinge, die sich für die Rheinbacherin optimal ergänzen. Am Sonntag, 10. April, liest sie ab 19 Uhr aus ihrem Roman „Zwiebelangst“ gemeinsam mit Verlagskollegin Andrea Tillmanns (Matilda tanzt) im Drehwerk Adendorf.

Ihre Protagonistin, die Bonner Polizistin Sabine Gruber, hat ein Geheimnis. Sie ist von Synästhesie betroffen, verknüpft also verschiedene Sinne miteinander. Emotionen nimmt Gruber beispielsweise in Form von Gerüchen wahr. Wie viel Gruber steckt in Ihnen?
Heidi Möhker: In mir steckt so gut wie nichts von Sabine Gruber. Zunächst ist Sabine Gruber eine ziemlich furchtlose Frau. Wenn sie mal Angst hat, dann höchstens um ihre Tochter. Ich gehe ängstlicher durchs Leben. Zudem bin ich nicht von Synästhesie betroffen und wollte es auch nicht sein. Echte Synästhesie stelle ich mir durchaus als Bereicherung vor, etwa, Buchstaben und Zahlen, oder auch Musik, farbig wahrzunehmen. Um aber niemandem zu nahe zu treten, der wirklich von Synästhesie betroffen ist, habe ich meiner Protagonistin eine Form angedichtet, die es in der Realität nicht gibt. Sabine Gruber nimmt Gefühle anhand von Gerüchen oder Geschmäcker wahr – das stelle ich mir eher unangenehm vor.

Sind Sie denn ein Genussmensch? Viele Autoren verbinden ja ihre Texte in Teilen mit ihrer eigenen Biographie.
Möhker: Definitiv! Allerdings genieße ich zwar gutes Essen, echter Hochgenuss kommt bei mir aber beim Lesen auf. So kam ich überhaupt erst zum Schreiben, was für mich die intensivste Form der Auseinandersetzung mit der Literatur ist.

Warum spielt dann Essen eine zen-trale Rolle in Ihrem Roman?
Möhker: (lacht). Für mich gehört zu einem guten Buch auch ein gutes Glas Wein. Ehrlich gesagt: Im Vordergrund ist dann aber immer noch das Buch, und nicht das Glas Wein. Essen und Lesen sind für mich Dinge, die sich optimal ergänzen.

Jacques Berndorf ist mit seinen Eifelkrimis eine Institution in der Liste deutscher Kriminalautoren. Was macht diese Region für Kriminalgeschichten so besonders?
Möhker: Das ist die einzigartige Atmosphäre, die in der Eifel vorherrscht. Wer schon einmal von den Bergen in die Weite geblickt hat, weiß, wovon ich spreche. Die Menschen sind auch ein Faktor. Die Faszination an den Eifelkrimis ist ähnlich jener an den weltberühmten Miss-Marple-Krimis. Auch dort spiegeln die Bewohner eines eher kleinen Dorfes den gesamten Querschnitt der Bevölkerung und alle möglichen Gefühle wider. Das gibt mir als Autor, einen Fundus an Gefühlen. Das spürt auch der Leser.

Wie realistisch muss ein Krimi sein, um zu fesseln?
Möhker: Das kommt auf das Pu-blikum an. Polizisten sind ein sehr kritisches Publikum, das einen Krimi sehr stark daran misst, wie realistisch er ist. In der Realität ist Ermittlungsarbeit aber viel langweilige Büroarbeit. Wer nicht vom Fach ist, möchte gut unterhalten werden. Da reicht es zu vermeiden, grotesk unrealistisch zu schreiben. Wichtiger ist, dass Spannung erzeugt und Gefühle nicht zu übertrieben dargestellt werden.

Wie lokal darf ein Kriminalroman sein, um trotzdem Menschen abseits der Voreifel begeistern zu können?
Möhker: Regionalität als Lesefaktor wird überschätzt. Das beweisen die Kluftinger-Krimis, die deutschlandweit bekannt und sehr provinzial sind. Die werden aber überall gelesen. Letztlich ist die Qualität des Autors entscheidend und seine Fähigkeit, über die Region hinaus zu werben.

Bis jetzt gibt es ja noch keinen „Tatort“ Düsseldorf. Sollten Sie nicht mal mit einem Drehbuch darauf hinwirken?
Möhker: Wenn ich dürfte, würde ich es tun. Es gibt aber abseits des „Tatorts“ gute Kriminalfilme, die am Niederrhein spielen. Der Rhein eignet sich wunderbar als Schauort für einen Mord, wenn ich etwa an eine Leiche im Flussbett denke. Das ist anders als in der Eifel, liefert aber auch reichlich Stoff für einen guten Krimi.

Wie gut kann man mit einem Krimi im Bett abschalten, wo die Welt scheinbar immer gefährlicher wird?
Möhker: Es gibt die Theorie, dass man in guten Zeiten härtere Literatur liest, Krimis beispielsweise, und in Zeiten, in denen überall Gefahren lauern, seichte Literatur, Heimatgeschichten etwa, beliebt sind. Ich denke, da ist was dran. Das hängt meines Erachtens stark davon ab, ob man selbst von einem Verbrechen betroffen ist. Dann sorgt ein Krimi nämlich nicht mehr für Ablenkung, wozu er eigentlich da ist.

Wie gehen Sie eigentlich bei Ihrer Recherche vor? Waren Sie im Bonner Polizeidezernat?
Möhker: Ich habe an einem Selbstbehauptungskursus im Polizeidezernat teilgenommen und Einblicke in die Arbeit der Polizisten erhalten. Zum Stammtisch der Mörderischen Schwestern, einem Netzwerk von Krimiautorinnen, werden regelmäßig Polizisten – sogar mal ein GSG9-Beamter – eingeladen, die von ihrer Arbeit berichten. Da konnte ich viel lernen.

Betrachten Sie Menschen, seitdem Sie schreiben, unter dem Aspekt einer potenziellen Romanfigur?
Möhker: Ja – und da muss ich mich durchaus in Zurückhaltung üben. Seitdem ich Kurzgeschichten schreibe, ertappe ich mich dabei, die Menschen wegen Kleinigkeiten anzustarren und zu interpretieren. Meistens ist das, was ich dann eigenartig finde, gar nicht so besonders. Bis jetzt habe ich aber – soweit ich weiß – noch nicht allzu große Verwirrung gestiftet.

Wer liest Ihre Krimis eigentlich als erster?
Möhker: Meistens lesen Freundinnen von mir die Krimis zuerst, die selber keine Bücher schreiben. Von denen erfahre ich schnell, ob die Geschichte in sich schlüssig ist, oder ob ich zu abstrakt geschrieben habe. So ein Feedback ist enorm wichtig, denn manchmal wird man als Autor betriebsblind. Die Rückmeldung hat bei „Zwiebelangst“ dafür gesorgt, dass ich nach Fertigstellung nochmals zwei Monate überarbeiten musste.

In Ihrem Krimi spielt Essen eine wichtige Rolle. Vergeht einem bei Mord nicht der Appetit?
Möhker: (lacht) Das könnte man annehmen. Da bei mir wenig Blut fließt und die Leichen nicht schlimm entstellt sind, kann man durchaus weiteressen. Es stimmt aber. Bei der Leichenschau würde ich wahrscheinlich nichts ins Butterbrot beißen.

Am Sonntag, 10. April, 19 Uhr, liest Möhker aus ihrem Roman gemeinsam mit Verlagskollegin Andrea Tillmanns (Autorin von „Matilda tanzt“) im Drehwerk Adendorf. Karten kosten elf Euro und sind im Internet unter www.drehwerk-1719.de erhältlich. Am Mittwoch, 13. April, 19 Uhr, liest Möhker im Kleinen Kayser, Rheinbach. Karten für zehn Euro gibt es in der Buchhandlung Kayser in Rheinbach.