Interview zur Hospizarbeit

„Wir wollen Zeit schenken“

Koordinatorin Claudia Wilmers in den Gärten des Altenzentrums, in dem der Verein sein Büro hat.

Koordinatorin Claudia Wilmers in den Gärten des Altenzentrums, in dem der Verein sein Büro hat.

Rheinbach. Im Gespräch am Wochenende spricht Claudia Wilmers, Koordinatorin der Ökumenischen Hospizgruppe Meckenheim, Rheinbach und Swisttal, wie bereichernd das Leben ist, wenn man sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten darf.

Claudia Wilmers ist Koordinatorin der Ökumenischen Hospizgruppe Meckenheim, Rheinbach und Swisttal. Sie vermittelt Schwerkranke an ehrenamtliche Betreuer, die die Betroffenen auf ihrem letzten Weg begleiten. Die Arbeit hat ihr gezeigt, dass Hospiz nicht nur für die betreuten, sondern auch die begleitenden Menschen eine Bereicherung darstellt und diese einen anderen Blickwinkel auf das Thema Sterben entwickeln. Mit Claudia Wilmers sprach David Jüngling.

Was ist Ihre Motivation, sich mit dem Sterben von Menschen auseinanderzusetzen?

Claudia Wilmers: Sterben ist ein Teil des Lebens, der jeden einmal treffen wird. Trotzdem wird diese Zeit in der Gesellschaft häufig verschwiegen und verdrängt. Aber gerade die Menschen, die auf der letzten Strecke des Lebensweges sind, brauchen Zuwendung und Aufmerksamkeit. Wir wollen begleiten, Unterstützung bieten und Zeit schenken. Menschen sollen bis zuletzt menschenwürdig und weitgehend selbstbestimmt leben.

Können Sie mir mehr über Ihren Verein erzählen?

Wilmers: Wir sind seit 2002 ein eingetragener, als gemeinnützig anerkannter Verein. Finanziert werden wir über Mitgliedsbeiträge und Spenden, zusätzlich bekommen wir von den Krankenkassen Pauschalbeträge für Begleitungen. Jedoch funktioniert die Hospizarbeit hier in der Region nur, weil neben wenigen bezahlten Kräften zahlreiche Ehrenamtliche den Verein tragen. Dazu gehören unsere 55 Sterbebegleiter, die in Rheinbach, Meckenheim und Swisttal tätig sind. Außerdem versuchen wir, über Öffentlichkeitsarbeit die Themen Sterben und Trauer in die Gesellschaft hineinzutragen. Des Weiteren bieten wir Gesprächscafés an, die 2019 um zwei spezielle Trauergruppen erweitert werden, in der sich eine feste Anzahl an Personen mit Verlusterfahrungen über einen längeren Zeitraum austauschen wird.

Auf welche Weise begleiten Ihre Mitglieder die Menschen, die in der letzten Lebensphase unterstützt werden möchten?

Wilmers: Wir bieten eine psychosoziale Begleitung an. Medizinische Versorgung, Pflege und juristische Beratung werden von den zuständigen professionellen Kräften und Diensten durchgeführt. Das heißt, wir haben Zeit für Dinge, für die es keinen Profi gibt: Zeit für ausgiebige Unterhaltungen, um etwas vorzulesen, um gemeinsam Fotos zu betrachten, um Geschichten erzählt zu bekommen, Tränen auszuhalten oder gemeinsam zu lachen. Also Zeit, einfach für die andere Person und ihre Wünsche da zu sein.

Wie zeitintensiv gestaltet sich diese Begleitung?

Wilmers: In der Regel werden die Menschen von uns einmal in der Woche besucht, meistens in ihrem häuslichen Umfeld oder in Senioreneinrichtungen. Wenn es mehr Bedarf gibt, können wir die Frequenz erhöhen. Der gesamte Zeitraum kann sich manchmal sogar über Monate oder Jahre erstrecken. Sollte sich ein Zustand verbessern, machen wir in Absprache auch Pausen.

Erfolgen diese Leistungen in Koordination mit Pflegediensten und anderen Angeboten?

Wilmers: Ja, wir dokumentieren vor Ort, wenn ein Besuch stattgefunden hat. Außerdem arbeiten wir mit einem Netzwerk von Einrichtungen und Personen zusammen, um die bestmögliche Begleitung anzubieten. Dazu gehören Pflege- und Palliativdienste, Ärzte, Senioreneinrichtungen, Seelsorger, Krankengymnasten, Haushaltshilfen und viele andere, die sich im Sinne der Begleiteten untereinander abstimmen.

Wer sind Ihre Patienten und wie ist das Verhältnis zwischen ihnen und Ihren Ehrenamtlichen?

Wilmers: Die Menschen, die von uns begleitet werden, sind ausschließlich Erwachsene, da es für Kinder einen eigenen Dienst gibt. Alle Gesellschaftsschichten und viele verschiedene Krankheitsbilder sind vertreten. Sofern genug Zeit vorhanden ist, entwickeln sich oft Vertrauensverhältnisse, ob durch Gespräche über das Sterben oder einfach durch die Unterstützung in alltäglichen Dingen. Vor allem, dass ein Mensch mit Zeit und Geduld da ist, hilft vielen Kranken. Außerdem ist immer nur ein Begleiter für einen Kranken zuständig.

Welche Schwierigkeiten können während des Betreuungsprozesses entstehen, und bieten Sie in solchen Fällen auch Gespräche für Sterbebegleiter an?

Wilmers: Es gibt verschiedene Herausforderungen. Begleitungen, die sehr kurz sind, können Bedauern bewirken, erst so spät gerufen worden zu sein. Sehr lange Begleitungen können zu Belastungen oder auch zu großer Nähe führen. Krankheitssituationen können Fragen und starkes Mitgefühl hervorrufen. All diese Situationen können die Ehrenamtlichen bei regelmäßigen Gruppentreffen besprechen, zusätzlich gibt es zweimal im Jahr eine Supervision.

Wie wird man auf die Arbeit als Sterbebegleiter vorbereitet?

Wilmers: Vor einem ersten Einsatz wird ein Befähigungskurs absolviert, der 100 Unterrichtsstunden im Laufe von etwa neun Monaten umfasst. Dabei lernt man etwas über den eigenen Zugang zur Hospizarbeit und übt sich in Kommunikation und Wahrnehmung. Außerdem erfährt man viel über Sachthemen wie Spiritualität, Palliativmedizin und Recht.

Was sind außer der Bereitschaft zur Teilnahme am Befähigungskurs noch Voraussetzungen, die interessierte Personen für die Tätigkeit als Begleiter mitbringen müssen?

Wilmers: Interessierte benötigen eine Offenheit Menschen gegenüber, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und den unbedingten Willen, dass die Betroffenen bestimmen, was passieren soll. Häufig sind unsere Sterbebegleiter auch selbst durch Angehörige, die sie in der letzten Phase ihres Lebens unterstützt haben, mit dem Thema konfrontiert worden. Dabei haben sie den großen Wert von Hospizarbeit für die sterbende, aber auch die begleitende Person kennengelernt – und das geben sie durch die Arbeit in unserem Verein weiter.