Plädoyer gegen die chemische Keule

So machen Sie ihren Garten frühlingsfit

Christian Heinichen zwischen Pfirsichblüten im Garten des Meckenheimer Sängerhofs.

Christian Heinichen zwischen Pfirsichblüten im Garten des Meckenheimer Sängerhofs.

Meckenheim. Was muss der Hobbygärtner jetzt tun? Was sollte er besser unterlassen? Das weiß der Baumschulgärtner und Landschaftsarchitekt Christian Heinichen (57) vom Meckenheimer Gartencenter Sängerhof am besten.

Was sollte der Hobbygärtner jetzt anpflanzen?

Christian Heinichen: Rund 99 Prozent der Gehölze, Stauden und Gräser sind ganzjährig pflanzbar. Wurzelnackte Ware wie Liguster, Hainbuchen und Rotbuchen für preisgünstigere Heckenpflanzungen oder größere Bäume und Sträucher mit Erdballen aus der Baumschule sind auf die Vegetationsruhe von etwa Ende Oktober bis Ende April beschränkt. Frühjahrsblühende Saisonware für Beet und Balkon („B & B“) sind Primeln, Stiefmütterchen, Bellis und Zwiebelpflanzen im Topf. Bei „B & B“-Pflanzen für die Sommersaison wie Geranien, Fuchsien, Fleißige Lieschen, Million-Bells, Strauchmargeriten und Kappastern ist zu bedenken, dass sie noch bis zu den Eisheiligen Mitte Mai gegen eventuelle Nachtfröste zu schützen sind. Dies gilt ebenso für vorgetriebene, bereits jetzt blühende Bauernhortensien und für Gemüsejungpflanzen wie Tomaten, Gurken, Zucchini. Sommerblühende Zwiebel- und Knollenpflanzen wie Dahlien, Lilien und Montbretien sollten jetzt in den Boden.

Was ist bei Kübelpflanzen zu beachten?

Heinichen: Als Kübelpflanzen, die frostfrei aber kühl zu überwintern sind, erfreuen sich Zitrusarten wachsender Beliebtheit, die wie Echter Lorbeer, Oleander und Schmucklilie leicht mediterranes Flair ins heimische Umfeld bringen. Nicht zu vergessen sind Olivenbäume, die im Rheintal bedingt winterhart sind. Kübelpflanzen können bei unseren milden Temperaturen schon früh nach draußen. Man sollte sie aber im Schatten bis Halbschatten über etwa 14 Tage behutsam an die intensivere Strahlung im Freiland gewöhnen und nicht gleich der prallen Sonne aussetzen. Da reagieren sie wie wir Menschen, mit einem heftigen Sonnenbrand. Außerdem unbedingt schützen, wenn Nachtfröste drohen.

Empfehlen Sie Dünger, um dem Wachstum nachzuhelfen?

Heinichen: Bei Topfpflanzen sind Düngergaben wie Wasser lebensnotwendig. Für Balkon- und Kübelpflanzen bevorzuge ich mineralische Langzeit-Dünger, die bis zum Ende der Vegetationsperiode eine stetige Nährstoffversorgung sicherstellen. Flüssigdünger bieten, mit dem Gießwasser regelmäßig über den Boden ausgebracht, eine schnelle Wirksamkeit und können bei trübem Wetter auch über das Blatt gesprüht zügig Mangelernährung ausgleichen. Bei bodengebundenen Pflanzenstandorten halte ich zunächst mehr von der Orientierung an den natürlichen Kreisläufen („Urwaldprinzip“). Je nach Bodenverhältnissen und gewünschten Kulturen ist die Optimierung des Standortes wichtig. Geeignete Mittel dazu können Komposterde, Tonminerale, Urgesteinsmehl, Lavasplitt, Quarzsand, Kalk oder ähnliches sein. Gute unterstützende Erfolge lassen sich hier mit organischen Langzeitdüngern erreichen, die im Frühjahr und Sommer ausgebracht werden sollten.

Sie halten Düngen also in bestimmten Fällen für überflüssig?

Heinichen: Ja, bei einer gemischten, artenreichen, weitgehend an der Funktion von natürlichen Pflanzengesellschaften orientierten Gartenbepflanzung im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten des jeweiligen Standorts. Dort können über das in den Beeten verbleibende Herbstlaub oder durch kompostierte Pflanzenreste aus dem eigenen Garten entnommene Nährstoffe den Pflanzen zurückgegeben werden.

Den Rasen düngen Sie auch nicht?

Heinichen: Jeder Rasen, von dem das Schnittgut entsorgt wird, muss zwingend gedüngt werden, wenn er nicht zum „wildkrautreichen Magerrasen“ ausgehungert werden soll. Ich würde einen Mulchmäher benutzen und das vom Mäher zerkleinerte Schnittgut liegen lassen. Es gibt die durch den Schnitt entzogenen eingelagerten Nährstoffe den Rasengräsern zurück.

Wie bewässern Sie die Pflanzen?

Heinichen: Nach der Pflanzung sollte man sie durchdringend anwässern. Eine Pflanze mit einem 30 Zentimeter großen Wurzelballen kann da schon mal 30 bis 50 Liter Wasser vertragen. Weitere Wassergaben sollten je nach Witterung und Jahreszeit lieber seltener, dafür aber durchdringend erfolgen. Staunässe ist zu vermeiden. Bei ausdauernden Pflanzen muss mindestens in den ersten beiden Wuchsperioden nach der Pflanzung in Trockenphasen oder Trockenlagen zusatzgewässert werden. Besonders feuchtigkeitsbedürftige Pflanzen (Rhododendron und Hortensien) sollten auch danach in Trockenstressphasen mit zusätzlichen Wassergaben versorgt werden.

Was tun Sie gegen Unkraut?

Heinichen: Es gibt in der Natur kein Unkraut. Nur unerwünschte Wildkräuter. Solange es sich nicht um Wurzelunkräuter (besonders tiefwurzelnde oder sich durch Wurzelausläufer verbreitende Pflanzen) handelt, können sie bei der Neubearbeitung von Beeten oder im Gemüsegarten untergegraben werden. Im Beet sollten sie, bevor sie sich aussamen können, mit Wurzel entfernt werden. Bei einjährigen Gemüsekulturen ist auch ein Hacken zwischen den Reihen möglich. Flächendeckende Wurzelunkräuter wie Quecke, Giersch, Ackerschachtelhalm, Acker- und Zaunwinde sollten mit ihren Ausläufern entweder mechanisch durch sorgsames Jäten mit der Grabegabel oder durch Bodenaustausch entfernt werden. Bei extremem Befall kann es auch zweckmäßig sein, die Unkräuter durch temporären Lichtentzug abzutöten. Dazu kann der Boden großflächig für ein bis zwei Jahre mit Unkrautvlies oder -gewebe abgedeckt werden.

Wie bekämpfen Sie Krankheiten und Schädlinge wie etwa Blattläuse oder Schnecken?

Heinichen: Etwas provokant geantwortet: Der größte Schädling in der Natur ist der Mensch. Er greift immer wieder nachteilig in natürliche Kreisläufe ein, legt krankheitsanfällige Monokulturen und pflanzenstressende „Steinwüsten“ an, missachtet notwendige Standortbedingungen, fördert durch falsche oder unnötige Pflege die Krankheitsanfälligkeit der Pflanzen und sorgt dafür, dass die natürlichen Feinde der Schädlinge keinen Lebensraum mehr in den Gärten finden. Viel wichtiger als die chemische Keule ist im Hausgarten die Überprüfung der Rahmenbedingungen der geschädigten Pflanze im ganzheitlichen Sinne, um eine nachhaltige Besserung des Zustands zu erreichen. Denn chemischer Pflanzenschutz ist leider oft nicht möglich, ohne dabei im schlimmsten Fall unbeabsichtigte „Kollateralschäden“ bei unseren tierischen Helfern zu riskieren.

Was hilft umweltverträglich?

Heinichen: Gegen Nacktschnecken helfen aufgestreute Hindernisse um die gefährdeten Pflanzen, die den Schnecken ihre Feuchtigkeit entziehen, beispielsweise Koniferennadeln, Stroh- oder Holzhäcksel und Sägespäne. Diese Untergründe behindern die Tier in ihrer Fortbewegung. Bei Blattläusen kann man in einem artenreichen Garten durchaus auch mal der Natur ihren Lauf lassen. Denn dort werden sich alsbald die gefräßigen Larven der Marienkäfer gütlich tun und dem klebrigen Treiben der Läuse ein Ende bereiten.

Haben Sie einen Buchtipp?

Heinichen: Ich empfehle „Der Biogarten“ von Marie-Luise Kreuter (BLV). Man erfährt in sympathisch-sachlicher Art viel über den naturgemäßen Anbau von Gemüse, Obst und Blumen sowie über Gartengestaltung im Einklang mit den natürlichen Grundlagen. Das Buch regt zum Umdenken an. Ein zweiter Tipp für die Fortgeschrittenen ist „Avant Gardening – Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern“ von Torsten Mattschiess (Ulmer). Letzteres lädt am Beispiel eines Paares ein, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und die gartengestalterischen Verkrustungen des Mainstreams aufzubrechen.