Ende einer 112-jährigen Geschichte

MGV Liederkranz Heimerzheim löst sich auf

Swisttal-Heimerzheim. Es ist das Ende einer 112-jährigen Geschichte: Der 1906 gegründete Männergesangverein Liederkranz Heimerzheim hat seine Auflösung beschlossen. Zuletzt waren es nur noch 15 aktive Sänger.

Am Ende waren es nur noch 15 aktive Sänger, die sich zu den Proben einfanden. Der Altersschnitt, so Vorsitzender Günter Tappeser, lag bei etwa 80 Jahren. So hat der Männergesangverein Liederkranz Heimerzheim 1906 e.V. am Freitag schweren Herzens seine Auflösung beschlossen. Der Kassenbestand soll für kulturelle Zwecke in der Gemeinde Swisttal verwendet werden.

„Das Ende war abzusehen“, sagt Tappeser im Gespräch mit dem GA. Es sei sehr schwierig, Nachwuchs zu finden. Das Singen im Chor sei nicht mehr attraktiv genug, die Leute wollten sich nicht mehr für längere Zeit verpflichten. Deshalb seien die Projektchöre beliebter. Man finde sich für ein zeitlich überschaubares Projekt zusammen und trenne sich dann wieder.

Nachwuchsgewinnung nicht möglich

Seit vielen Jahren konnte der MGV Heimerzheim nur noch in der Chorgemeinschaft mit den Männerchören aus Metternich und Bliesheim proben und bei Konzerten und anderen Anlässen auftreten. „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass eine Nachwuchsgewinnung nicht möglich ist. Viele Sänger konnten altersbedingt oder aus privaten Gründen nur noch sporadisch an den Proben teilnehmen oder haben sich vom Singen aus Alters- oder Krankheitsgründen abgemeldet. Hinzu kamen einige Sterbefälle“, berichtet Tappeser.

Außerdem seien einige Vorstandsmitglieder krankheitsbedingt oder aus privaten Gründen ausgefallen. Eine Weiterführung des Vereins sei deshalb nach Auffassung der Vorstandsmitglieder unter den gegebenen Umständen nicht mehr möglich.

Hohe Hürden für Auflösung

Der Auflösung eines eingetragenen Vereins setzen das Bürgerliche Gesetzbuch und die Satzung des Männergesangvereins hohe Hürden. Sie war nur mit der Mehrheit von drei Vierteln der abgegebenen Stimmen möglich. Es war nicht verwunderlich, dass nach der Beschlussfassung bei einigen Sängern auch Tränen flossen.

Vor 112 Jahren wurde der MGV gegründet. Mehrfach gab es Zeiten, in denen die Vereinstätigkeit ruhte. Aber selbst seine größte Krise, ausgerechnet im Vorfeld des 100-Jahr-Jubiläums ohne Chorleiter dazustehen, meisterte der Verein, der für ein Stück lebendige Ortsgeschichte steht.

Aufschwung in den 1920er Jahren

24 Männer schlossen sich 1906 unter der Leitung des damaligen Küsters und Organisten Franz Schäfer zum „Männergesangverein Liederkranz von 1906“ zusammen und bereicherten mit ihrem Gesang fortan das Ortsleben. Nach einer Zwangspause während des Ersten Weltkrieges folgte der Aufschwung in den 1920er Jahren. Zeitweilig war das Interesse am Männergesang so groß, dass sich 1924 in Heimerzheim ein zweiter Chor mit dem Namen „Melodia“ gründete. 1933 schlossen sich beide Chöre zur „Sängervereinigung Heimerzheim“ zusammen.

In der Nazizeit, so hat Vereinschronist Georg Schmidberger herausgefunden, musste das Repertoire durch Pflichtchorsätze ergänzt werden. Lieder jüdischer Komponisten oder die des Deutschen Arbeitersängerbundes mussten aus dem Notenbestand entfernt werden.

Aktivitäten wurden 1957 eingestellt

Im Zweiten Weltkrieg kam das Vereinsleben wieder zum Erliegen. In den Nachkriegsjahren blühte die Sängervereinigung erneut auf und erweiterte ihr Repertoire mit Theater- und Singspielen. Darüber hinaus engagierte sich der Verein im Heimerzheimer Karneval und stellte 1952 erstmals den Karnevalsprinzen. Der Aufschwung der Nachkriegszeit ließ aber schon wenige Jahre später nach. Denn die Wirtschaftswunderjahre brachten zahlreiche alternative Formen der Freizeitgestaltung mit sich. Die wöchentlichen Chorproben wurden so schlecht besucht, dass der Verein 1957 seine Aktivitäten einstellte.

Erst 1984 wurde der Verein auf Initiative von Hans Kurscheidt unter seinem ursprünglichen Namen „MGV Liederkranz Heimerzheim von 1906“ zu neuem Leben erweckt. Kurscheidt verpflichtete damals Wolfgang Reisert aus Rösrath-Hoffnungsthal als Chorleiter und machte so den Männergesangverein wieder zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens in Heimerzheim.

Wegen seines Umzugs nach Lohmar gab Reisert die Chorleitung 1990 wieder ab. Kurz vor dem 100-Jahr-Jubiläum 2006 waren die Proben dermaßen schlecht besucht, dass der damalige Chorleiter Günter Behrend im August seinen Rücktritt einreichte. In dieser Situation sprang Wolfgang Reisert wieder ein.