Ehemaliger Bewohner von Meckenheim

Karl Carstens wäre heute 100 Jahre alt geworden

MECKENHEIM. Der Ruhepuls gerät bei vielen Ehrengästen zur Eröffnung des Meckenheimer Schulzentrums zusehends außer Kontrolle. Nächster Redner an diesem 16. Dezember 1978 ist Karl Carstens, Bundestagspräsident und seit 1973 Bewohner der Apfelstadt.

Das Problem: "Eine Vorrednerin meinte, 45 statt maximal 20 Minuten sprechen zu können", erinnert sich Johannes Vennebusch, damals Stadtdirektor. "Bleiben Sie ruhig sitzen. Das holen wir auf", sagt Carstens zu Vennebusch und hält ihn mit hanseatischer Zurückhaltung davon ab, die Rednerin ohne Maß der Bühne zu verweisen. Ganz Profi nimmt er sein Redemanuskript, kürzt Passagen heraus und hält Wort. "In dieser Beziehung war er sehr souverän." Am Sonntag wäre Carstens, der 19 Jahre in Meckenheim gelebt hat, 100 Jahre alt geworden.

1973, nach seiner Wahl zum Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ziehen Veronica und Karl Carstens nach Meckenheim. Zu Gesicht bekommen die Meckenheimer das bodenständig und bescheiden auftretende Paar, das so gern wandert, zu ausgesuchten Gelegenheiten. So ist es für den gebürtigen Bremer sogar in Zeiten höchster Staatsämter selbstverständlich, die Änderungsschneiderei und Reinigung von Michael Groß an der Kirche aufzusuchen. "Er stieg aus und gab dort seine Sachen ab. Dafür war er sich nicht zu schade", weiß Vennebusch.

Gut möglich, dass Carstens während einer Wanderung an die Tür klopft und für die Länge einer Tasse Kaffee und eines Cox-Apfels zu Besuch bleibt. Wie bei Peter Koll, Landwirt und früherer Bürgermeister von Ersdorf. In dessen Fachwerkhaus nimmt sich das Staatsoberhaupt in Wanderschuhen Zeit für einen Plausch.

"Tatkräftig und zeitraubend" - so beschreibt Jochen Siebel, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, das Engagement von Veronica Carstens im Presbyterium der Meckenheimer Gemeinde. Beim Entwurf fürs multifunktionale Kirchenzentrum "Die Arche" in Merl kämpft sie für ein "unverzichtbares Zeichen der Kirche - den Kirchturm und einen Sakralraum", erinnert sich Siebel.

Die evangelische Christuskirche, vom Wohnhaus der Carstens' an der Dechant-Kreiten-Straße nur ein paar Schritte entfernt, habe das gläubige Paar als "Tankstelle, Dankstelle, Denkstelle und Schenkstelle" empfunden. Die Altarbibel der Gemeinde stiften die Carstens' im Jahr 1978, ein Jahr bevor Karl Carstens zum fünften Bundespräsidenten gewählt wird.

Kein Zufall ist, dass das Paar die drei Buchstaben S.D.G. (Soli deo gloria - Gott allein die Ehre) ins kunstgeschmiedete Balkongitter ihres Hauses einarbeitet. Die Lettern, so Siebel, stünden für die "Grundmelodie ihres Lebens".

Ihre internistische Praxis für Naturheilverfahren bezieht Veronica Carstens in der Tombergstraße - selbst während der Amtszeit ihres Mannes als Bundespräsident führt sie diese fort. Siebel erinnert sich, dass sie einem Patienten mit Schlafstörungen ein ungewöhnliches Rezept ausstellt: Statt eines Medikamentes notiert sie Psalm 4, Vers 9: "Ich liege und schlafe ganz mit Frieden, denn alleine Du Herr hilfst mir, dass ich sicher wohne."

"Schmerzliche" Erfahrungen mit der Ärztin macht Vennebusch in tieffinsterer Nacht nach einem Sitzungsmarathon. Um seine schlafende Frau nicht aus den Träumen zu reißen, knipst er kein Licht an. Statt im Bett landet er auf dem Fußboden des Schlafzimmers.

Auf Rat der prominenten Internistin hatte ein Wünschelrutengänger Wasseradern gesucht. "Platsch machte es bei mir, weil unsere Betten um 90 Grad gedreht worden sind." Karl Carstens stirbt am 30. Mai 1992 nach einem Schlaganfall mit 77 Jahren in Meckenheim. Seine Frau zieht sich 2009 aus der Öffentlichkeit zurück und lebt bis zu ihrem Tod am 25. Januar 2012 in einem Bonner Sanatorium. Sie wird 88 Jahre alt.