Leiser Lärm

Gesundheitliche Folgen durch Windkraftanlagen

Windkraftanlagen: Sie erzeugen Lärm, der kaum zu hören ist.

Windkraftanlagen: Sie erzeugen Lärm, der kaum zu hören ist.

Meckenheim. Immer mehr Menschen fühlen sich gestört durch Infraschall und niederfrequenten Schall, wie er durch Windkraftanlagen entstehen kann.

Schlafprobleme, Herz-Kreislauf-Beschwerden und auch Gleichgewichtsstörungen werden mit jenen tiefen Töne in Zusammenhang gebracht, die etwa von Windenergieanlagen erzeugt werden können: Infraschall und tieffrequenter Schall.

Die Furcht vor gesundheitlichen Auswirkungen, die von Windparkanlagen ausgehen, ist auch für Bürger aus der Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahr immer wieder Anlass, um gegen geplante Windparks vorzugehen. So sind Mitglieder der Meckenheimer Bürgerinitiative (BI) "Schattenseite" um Ingrid Kostron 2016 vor das OVG in Münster gezogen, um den Bau von Windrädern in einer Konzentrationsfläche zwischen Rheinbach und Meckenheim zu verhindern.

"Die Sorge um unsere Gesundheit, insbesondere der jungen Bürger mit ihren zahlreichen Kindern, hat uns veranlasst, gegen die geplanten 150 Meter hohen Windindustrieanlagen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft vorzugehen", sagt Koston mit dem Hinweis darauf, dass eine mündliche Verhandlung noch nicht absehbar sei.

Fachleute bestätigen: Infraschall und niederfrequenter Schall, die keineswegs nur im Zusammenhang mit Windkraftanlagen auftreten, werden zunehmend als Problem empfunden. Ob und welche Auswirkungen dieser Schall etwa auf Bewohner von Wohngebieten haben kann, erklären Experten.

Menschen leiden zunehmend

Luftschallwellen unterhalb des menschlichen Hörbereiches bezeichnet man als Infraschall. Dieser liegt laut Umweltbundesamt (UBA) zwischen 0,1 und 20 Hertz (Hz), tieffrequenter Schall unterhalb von 100 Hz. Jedoch würden Menschen Geräusche erst mit Tonhöhen zwischen etwa 20 Hz und 20 000 Hz realisieren. "Geräusche unter 20 Hz nehmen wir erst bei viel höherem Schalldruckpegel wahr als zum Beispiel, wenn jemand singt oder spricht", sagt UBA-Pressesprecher Martin Ittershagen.

Allerdings könnten sich Menschen schon belästigt fühlen, wenn sie auf die tiefen Töne aufmerksam würden. Da der Mensch den Klang verschiedener tiefer Geräusche nicht genau unterscheiden könne, "nimmt er tieffrequente Geräusche als Brummen wahr." Tieffrequenter Schall könne in vielen Bereichen auftreten, so durch Transformatorenstationen oder Pumpen.

Für Thomas Carl Stiller, Facharzt aus Uslar und Mitbegründer von Ärzte für Immissionsschutz (AEFIS), leiden zunehmend mehr Menschen unter diesem Phänomen. Denn in Wohngebieten würden im Zeitalter der Energieeffizienz-Vorschriften für Neubauten immer häufiger Luftwärmepumpen als Energiequelle zum Einsatz kommen, die in der Anschaffung günstiger als viele andere Heizsysteme sind.

"Im Betrieb sind sie aber häufig lästig für die Nachbarn, wenn die Kompressoren zu laut sind und zu lange laufen", sagt Stiller. Noch problematischer seien Windkraftanlagen, vor allem die Großanlagen, die zumeist vor Dörfern und Siedlungen in geringem Abstand zur Wohnbebauung platziert würden.

Neue Volkskrankheit sei zu erwarten

Zur Frage, ob und ab wann niederfrequenter Schall zur Gefahr für die Gesundheit wird, sagt er: "Die Folgen von technisch erzeugtem Infraschall werden erst allmählich verstanden. Etwa zehn bis 30 Prozent der Bevölkerung sind für Infraschall empfindlich." Die niederfrequenten Schwingungen aus Kompressoren und Windkraftanlagen erzeugten bei diesen Menschen Stressreaktionen, die sich unter anderem in Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Übelkeit, Tinnitus, Sehstörungen, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Müdigkeit, Depressionen und Angsterkrankungen, Ohrenschmerzen und dauerhaften Hörstörungen äußerten, erklärt Facharzt Stiller.

Auch hierzulande werde das Thema umweltmedizinisch bereits seit längerer Zeit ernst genommen. Aber: "Alle bislang gültigen Schutznormen wie die Technische Anleitung (TA) Lärm und die DIN 45680 gehen davon aus, dass nur solcher Schall schaden kann, der vom Ohr wahrgenommen werden kann", sagt Stiller. Andere Formen der Wahrnehmung von Schall wie eben besagter niederfrequenter Schalle würden außen vor bleiben. "Werden technische Infraschallquellen gerade aus Windkraftanlagen nicht schnell und nachhaltig genug beseitigt, werden sich die Beschwerden der Bevölkerung zum gesundheitlichen Bumerang der Energiewende entwickeln." Eine neue Volkskrankheit sei zu erwarten.

Stiller Ausführungen stützen auch andere medizinische Erkenntnisse. So hatte eine Arbeitsgruppe der Mainzer Uniklinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie (HTG) beim Kongress der Fachgesellschaft mit ihrer Forschung über die Beeinträchtigung des Herzmuskels durch Infraschall für Aufmerksamkeit gesorgt. In einem Interview mit der Mainzer Zeitung (5.3.2018) sagte der Initiator der Arbeit, HTG-Direktor Professor Christian-Friedrich Vahl, über einen Zusammenhang von Schall und Herzerkrankungen: "Ich selbst habe in der Physiologie Hamburg die Auswirkungen hochfrequenter Schwingungen auf die Kraftentwicklung von Muskeln untersucht."

Schall hat Auswirkungen auf Gefäße

Die Vermutung, dass auch nicht hörbarer Schall, also Infraschall, Auswirkungen auf Gefäße habe, sei nicht neu. Vahl: "Wenn die Aortenklappe, die den Blutstrom vom Herzen zum Körper regelt, verkalkt und damit verengt ist, ändert sich der Blutstrom und damit das Strömgeräusch."

So werde etwa diskutiert, ob dieser veränderte Schall an der Entstehung gefährlicher Aussackungen nach Einengungen beteiligt ist. "Mit der Gutenberg-Studie der Universität Mainz von 2018 wurde der Zusammenhang von Erkrankungen durch Infraschall und niederfrequentem Schall, der von Windindustrieanlagen ausgeht, auf die menschliche Gesundheit belegt", findet Ingrid Koston von der Meckenheimer Initiative.

UBA-Sprecher Ittershagen differenziert: "Bei den üblichen Abständen zwischen Windenergieanlagen und Wohnbebauung wird die Hör- und Wahrnehmungsschwelle nach dem Entwurf der DIN 45680 von 2013 im Infraschallbereich nicht erreicht. Dies bestätigen umfangreiche Geräuschimmissionsmessungen an Windenergieanlagen in Baden-Württemberg." Diese Messungen kämen zu dem Ergebnis, dass die Infraschallbelastung in Entfernungen über 700 Metern kaum davon beeinflusst wird, ob eine Windenergieanlage in Betrieb sei oder nicht. "Die Infraschallimmissionen gehen also im Hintergrundrauschen unter", so Ittershagen.

Im Hinblick auf akustische Effekte könne für die Infraschallbelastung durch Windenergieanlagen nach heutigem Stand der Forschung davon ausgegangen werden, "dass diese im Vergleich mit anderen (natürlichen und anthropogenen) Quellen sehr gering sind, so dass es hierbei nicht zu negativen Auswirkungen auf die Gesundheit kommt".