Kircheaustritte im Kreis

Deutlich mehr als im Vorjahr

RHEIN-SIEG-KREIS. Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in die Kirche. In Rheinbach, Meckenheim und Swisttal sind im vergangenen Jahr 372 Gläubige aus der Kirche ausgetreten (246 Katholiken, 126 evangelische Christen). Im Jahr 2012 verzeichneten beide Konfessionen zusammen "nur" 236 Austritte.

 Im Amtsgerichtsbezirk Bonn, wozu auch Bornheim und Alfter gehören, traten im vergangenen Jahr 2210 Gläubige aus, 2012 waren es 1516.

Die Gründe dafür liegen keineswegs nur bei der Einsparung der Kirchensteuer. "Die Kirche hat in jüngster Vergangenheit Fehler gemacht. Kirche darf transparenter sein, authentischer in der Botschaft und liturgischer am Menschen des 21. Jahrhunderts", sagt Bruno Schrage, Erster Geschäftsführender Vorsitzender der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Evergislus in Bornheim-Brenig.

Dass die dogmatische Art der katholischen Kirche häufig dazu führt, dass sich viele von ihr abwenden, ist auch die Erfahrung von Martina Baur-Schäfer, Leiterin der Wiedereintrittsstelle in Bonn, die das Vorgebirge mit abdeckt. "Gerade junge Leute bevorzugen eine andere Lebensform und wollen die Freiheit genießen", sagt sie. "Es kommen meist viele Gründe zusammen. Dann reicht plötzlich ein äußeres negatives Ereignis, um den entscheidenden Impuls zu geben", ist die Erfahrung von Reinhold Malcherek, leitender Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinschaft Meckenheim. Diesen Anstoß gab 2013 sicher auch der Skandal um den 31 Millionen Euro teuren Sitz des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst. So hat sich die Zahl der Austritte mancherorts sogar mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: Im September 2013 waren in Meckenheim, Rheinbach und Swisttal 21 Austritte zu verzeichnen. Im Oktober stieg die Zahl auf 63 Personen.

In Bonn waren es im September 132, im Oktober bereits 311 Bürger, die beim zuständigen Amtsgericht ihren Austritt erklärten. Philipp Prietze, Richter und Dezernent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Landgericht Bonn: "Die Beweggründe müssen und werden meist nicht angegeben." Dennoch: "Der Skandal um Limburg hat uns sicher sehr geschadet", meint Schrage. Ebenso wie der Fall einer jungen Kölnerin, die im Dezember nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung in zwei katholischen Kliniken abgewiesen worden war, weil die Ärzte dort laut Richtlinie keine "Pille danach" verschreiben durften. Zweifel und Kritik an der Kirche "haben wir auch beim Missbrauchsskandal gespürt", so Pfarrer Stanislaus Friede vom Katholischen Seelsorgebereich Swisttal. Manch einer komme da wohl an einen Punkt, an dem er die katholische Kirche nicht mehr unterstützen kann.

Trotz schlechter Schlagzeilen gibt Bruno Schrage zu bedenken, dass die Kirche derzeit im Umbruch steckt - nicht zuletzt dank des neues Papstes Franziskus. "Das Ganze braucht aber seine Zeit", unterstreicht er und verweist auf das vielfältige Engagement der Kirche im karitativen Bereich.

Sinkende Mitgliedszahlen bedeuten nicht nur weniger Geld in der Kasse, sondern auch weniger volle Kirchen. Und so versuchen die Gemeinden, die Ausgetretenen zurückzugewinnen. In einem Schreiben bieten sie die Möglichkeit zu einem Gespräch. "Wir rufen darin auf, die Entscheidung noch einmal zu überdenken. Und wir wollen vor allem zeigen, dass es uns nicht egal ist", so Norbert Prümm, Pfarrvikar im katholischen Pfarrverband Bornheim-Vorgebirge. Schrage: "Wichtig ist es, dass die Kirche als lebensförderlich erlebt wird und nah am Menschen ist." Man müsse den Menschen zeigen, dass die Türen der Kirche weiterhin für sie offen stehen.

Die Austrittswelle ist jedoch nicht allein auf die katholische Kirche beschränkt. "Die Zahlen sind mit Blick auf das vergangene Jahr gestiegen", berichtet Jens Peter Iven, Pressesprecher der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Inwiefern Bischof Tebartz-van Elst dabei eine Rolle spiele, sei jedoch nur Spekulation.

Dass dabei ein Bezug zu den Skandalen der katholischen Kirche möglich ist, glaubt Martina Baur-Schäfer dennoch: "Die Leute differenzieren nicht unbedingt zwischen den beiden Kirchen." Sicher sei jedoch, dass die Zahl der Konfessionsübertritte von Katholiken in die evangelische Kirche nach derartigen Vorfällen deutlich erhöht ist. Einziger Hoffnungsschimmer für die katholische Kirche: Die Zahl der Wiedereintritte ist im Vergleich zu den vergangenen Jahren gestiegen. "Anlass dazu geben häufig Beerdigungen, Taufe oder Hochzeit", erklärt Baur-Schäfer.