Gastronom klagt über aggressive Gäste

Chef des Bahnhof Kottenforst erteilt Senior Hausverbot

Beliebtes Ausflugslokal: Der Biergarten am historischen Bahnhof Kottenforst.

Beliebtes Ausflugslokal: Der Biergarten am historischen Bahnhof Kottenforst.

Meckenheim-Lüftelberg. Der Geschäftsführer des beliebten Ausflugslokals beobachtet seit Jahren, dass die Gäste immer ungeduldiger werden. Als ein Mann jetzt sogar eine Kellnerin boxte, war das Maß voll.

„Da muss schon viel passieren um sie aus der Ruhe zu bringen“, sagt Tobias Selz, Geschäftsführer des beliebten Ausflugslokals Bahnhof Kottenforst, über Sabine W. (Name von der Redaktion geändert), eine junge Servicekraft im Biergarten. Aber genau das ist unlängst an einem heißen Sonntag passiert: Wegen eines angeblichen Fehlers bei der Abrechnung – es ging um exakt 2,10 Euro – wurde ein älterer Gast ausfallend und sogar handgreiflich.

Für Selz war damit eindeutig eine Grenze überschritten. „Die Gäste werden immer aggressiver“, ist seine Beobachtung. Und fügt hinzu: „Das kann man sich nicht mehr gefallen lassen.“ Besagter Senior hat seit dem Zwischenfall ein Hausverbot auf Lebenszeit.

Dabei macht der Gastronom zwar auch die teils schwer erträgliche Hitze verantwortlich für das Verhalten mancher Gäste. Selz sieht aber auch eine Entwicklung: „Ich beobachte hier schon seit rund drei Jahren, dass die Gäste immer aggressiver werden.“ Das jüngste Ereignis war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Stress im voll besetzten Biergarten

Er und Sabine W. schildern die Ereignisse so: An jenem Sonntagnachmittag ist der Biergarten mit 140 Plätzen voll besetzt. Vier Servicekräfte und Tobias Selz am Zapfhahn sind im Biergarten im Einsatz. Für das Personal ist Stress pur angesagt.

Ein Senior, der mit seiner Frau einen Teller Sülze gegessen hatte, verlangt die Rechnung. Sabine W. ist für den Tisch zuständig. „27,10 Euro hätte der Gast zu zahlen gehabt“, sagt sie. Doch der Senior weigert sich zu zahlen. „Der Mann rechnete mir vor, dass er eigentlich nur 25 Euro zu zahlen hätte.“ Er habe darauf beharrt, nur diese Summe zu bezahlen. „Die Differenz war wegen einer Beilagenänderung zustande gekommen.“

Eine Chance, dies zu erklären, bekommt die 21-Jährige aber nicht: „Ich durfte das Ganze nicht vorrechnen, weil er behauptete, ich würde ihn sowieso übers Ohr hauen.“ Als sie es doch mit einer Erklärung versucht, steht der Senior auf. „Er hat mich gegen die Schulter geboxt und mit der Polizei gedroht.“ Der Mann sei so laut geworden, dass derweil der halbe Biergarten aufmerksam geworden sei. „Sie sind zu blöd für diese Arbeit“, habe der Mann ihr an den Kopf geworfen.

Die Kellnerin zum Weinen gebracht

„Ich bin erst mal in den Schankraum und habe geweint“, berichtet Sabine W. Die Ehefrau des Seniors folgt ihr. „Stell Dich nicht so an“, habe sie sie angeherrscht. Sie lässt sich die Rechnung zeigen und zahlt schließlich, nach weiterem Palaver, so die Servicekraft, doch die volle Rechnung. Für Geschäftsführer Selz, den Sabine W. über die Auseinandersetzung informiert, ist es nun genug. „Der Gast, der schon mehrfach bei uns war, hat Hausverbot auf Lebenszeit bekommen“, schildert er seine Reaktion.

Er beobachte seit Jahren eine zunehmende Aggression, zumindest eine Ungeduld bei den Gästen, sagt der Bahnhof-Kottenforst-Chef. So sehe mancher einfach nicht ein, „dass unserer Bedienungspersonal bei 140 Gästen nicht schon nach zwei Minuten eine Bestellung aufnehmen kann“. Auch dass das Essen mitunter etwa eine halbe Stunde brauche, sorge für heftige Reaktionen. „Anfangs gab es Pöbeleien, inzwischen wird mancher auch beleidigend.“

Ausfälle gegen Servicekräfte nicht hinehmbar

Hinzu komme: „Oft rächen sich die Gäste nach einem Besuch mit einer schlechten Bewertung im Internet.“ Für Selz sind vor allem die Ausfälle gegenüber den Servicekräften nicht hinnehmbar: „Damit werden mir gute Leute vergrault, für die es auf dem Arbeitsmarkt kaum Ersatz gibt.“

Sabine W., die neben dem Beruf als Medizinisch-technische Fachangestellte als Kellnerin jobbt, will nicht aufstecken: „Mir macht die Arbeit trotzdem Spaß.“

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, mit rund 65 000 Mitgliedern Interessenvertreter des Gastgewerbes, hält sich auf GA-Anfrage zu dem Thema zurück. Dem Verband lägen zu aggressiven Gästen in der Gastronomie „keinerlei Zahlen, Statistiken oder Rückmeldungen unserer Mitglieder“ vor, so eine Sprecherin des Bundesverbandes mit Sitz in Berlin.