Zwei für die Region

So erlebten Oliver Krauß und Jörn Freynick ihr erstes Jahr im Landtag

Freynick hatte sich die Sache ein wenig anders vorgestellt

Für den Alfterer steht bald erneut Wahlkampf an – nicht für sich, sondern für seine Partei zur Europawahl im kommenden Jahr. Für Krauß ist das eine wichtige Angelegenheit, schließlich ist er Sprecher der CDU-Landtagsfraktion für Europa. „Ich mache also auch ein bisschen Außenpolitik“, sagt er. Für ihn ist klar, dass NRW beziehungsweise die Unternehmen im Land unter dem Brexit leiden werden. Krauß nennt Grenzkontrollen und Zölle als Stichworte. Überdies würden nach dem Ausstieg der Briten aus der EU die Fördertöpfe neu verteilt. Es werde weniger Geld zu verteilen geben, aber auch Wachstumsregionen müssten Mittel erhalten. Im EU-Wahlkampf wolle er – in Zeiten von erstarkendem Nationalismus – für Europa werben. „Das ist unsere Zukunft“, so Krauß.

Eigentlich hatte sich Jörn Freynick die Sache ein wenig anders vorgestellt. Er habe sich darauf eingestellt, im Landtag Teil der Opposition zu sein, sagt er. Doch bekanntlich kam es anders. Die Landtagswahl hatte dem schwarz-gelben Bündnis eine Mehrheit von genau einer Stimme verschafft – und Freynick gehört zur Regierungsseite. „Es ist ein gemeinsamer Geist, der uns trägt“, meint der Bornheimer. Kurz nach der Wahl hatte er zu einem Besuch in den Landtag eingeladen. Sein Büro war damals noch im Aufbau. Kisten hatten herumgestanden, der Mitarbeiterstab war noch nicht komplett. Nach einem Jahr ist das Büro selbstredend arbeitsfähig. „Vielleicht etwas eng“, sagt Freynick. Zwei Mitarbeiter seien dauerhaft vor Ort, einer teilweise und dazu kämen noch Praktikanten. Auch das Bürgerbüro in Siegburg ist mittlerweile eingerichtet.

In seiner Fraktion ist Freynick zum einen Sprecher für Landesplanung. In dieser Funktion musste er bereits die Gemüter in seiner Heimat beruhigen. Vor allem Umweltverbände hatten befürchtet, dass durch das sogenannte Entfesselungspaket II der Landesregierung in Bornheim wieder Quarzabbau ermöglicht wird. Mit den Änderungen im Landesentwicklungsplan infolge des Entfesselungspakets II wolle man einerseits Baustoffe für dringend benötigten Wohnraum beschaffen, sagt Freynick. Andererseits seien aber bestimmte Gebiete vor neuerlichem Abbau geschützt – so auch die Ville. „Im ersten Moment konnte ich den Aufschrei gut verstehen. Ich konnte aber zur Beruhigung beitragen“, betont er.

Scharfe, harte und tief gehende Debatten

Ebenso ist der zweifache Vater FDP-Sprecher für LSBTI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle). So hat er auch seine erste Rede zum Landtag zum Thema Regenbogenfamilien gehalten – also Familien, in denen Kinder bei zwei gleichgeschlechtlichen Partnern leben. „Ich war nicht wirklich aufgeregt“, sagt Freynick. „Das ist für mich ein Herzensthema.“ Im Vergleich zum Bornheimer Stadtrat seien die Debatten in Düsseldorf schärfer, härter und tief gehender, findet Freynick.

Die allermeisten Entscheidungen im Landtag treffe man aber dennoch einstimmig, erläutert er. Es gebe aber mit allen Fraktionen eine gute Gesprächsatmosphäre – ausgenommen mit der AfD. Deren Fraktionsmitglieder seien ihm bislang nur negativ aufgefallen. Es falle ihm schon schwer, einfach nur einen guten Tag zu wünschen. Im Nachhinein wäre es aber kluger gewesen, sich für die AfD nicht angreifbar zu machen, findet Freynick. Es sei ein Fehler gewesen, dass die AfD keinen Landtagsvizepräsidenten bekommen und es keine Mehrheit für eine von der Partei gewünschte Enquete-Kommission – was eigentlich jeder Fraktion zusteht – gegeben habe.

Im ersten Jahr sei es der Regierung gelungen, die größten Baustellen im Land zu schließen, meint Freynick. Er verweist auf den Landesentwicklungsplan, die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren, das Kita-Rettungspaket in Höhe von 500 Millionen Euro und den Schutz der Förderschulen. In Sachen Flüchtlingsunterbringung herrsche weiterhin ein hoher Druck in den Kommunen. Es gelte, das ganze Geld des Bundes und nicht nur 100 Millionen Euro an die Kommunen weiterzuleiten. „Das ist aber nicht einfach“, räumt Freynick ein.

Drei Tage pro Woche in Düsseldorf

Dass er trotz Landtagsmandat weiterhin für die FDP im Bornheimer Stadtrat sitzt, sieht Freynick nicht als Widerspruch an. Ganz im Gegenteil. Das helfe, die Probleme im Wahlkreis vor Ort zu erkennen. „Düsseldorf ist weit weg“, sagt er. Neben Flüchtlingen, Schulen und Kitas bewegt laut Freynick das Linksrheinische die Frage, wie man künftig mobil sein kann. Die Landesstraße 182 zwischen Brenig und Heimerzheim müsse dringend saniert werden – und wenn in Bonn Tausendfüßler und Nordbrücke saniert werden, seien die Auswirkungen bis etwa Rheinbach zu spüren.

Ebenso brauche es mehr Kapazitäten auf der linksrheinischen Bahnstrecke, so Freynick. Er selbst würde in der Tat viel lieber mit der Bahn nach Düsseldorf fahren. „Aber das Angebot stimmt nicht“, findet er. Darum geht es mit dem Auto den Rhein runter – über volle Autobahnen. „Wenn ich früh da sein muss, wird es schwer“, sagt Freynick.

Im Schnitt ist er drei Tage pro Woche in Düsseldorf. Stehen Sitzungen an, kann die Arbeitswoche bis zu 70 Stunden haben. Freynick ist im Landtag angekommen. „Ich verlaufe mich auch nicht mehr in der Tiefgarage“, sagt er – und lacht.