Baum des Jahres

Kastanienbaum in Dersdorf weckt Erinnerungen

Baum des Jahres: Seit etwa 250 Jahren steht die Esskastanie im Park des Lindenhofes.

Baum des Jahres: Seit etwa 250 Jahren steht die Esskastanie im Park des Lindenhofes.

Bornheim-DERSDORF. Die Esskastanie ist der Baum des Jahres. Ein besonders schönes Exemplar steht im Park des Lindenhofes in Dersdorf. Mit dem 250 Jahre alten Baum sind für Familie Koepp viele Erinnerungen verbunden.

Von einem „Garten“ zu sprechen, wenn man das ein Hektar große Areal des Lindenhofes mitten in Dersdorf meint, ist stark untertrieben. Was dort in den vergangenen Jahrhunderten entstanden ist, verdient die Bezeichnung „Park“. Im „Koepps Jaade“, wie die Dersdorfer das Grundstück von Peter Koepp liebevoll nennen, gedeihen alte Obstsorten wie der Rheinische Winterrambur-Apfel und die Boscs-Flaschenbirne, die reifen Früchte der Pflaumenbäume ziehen die Äste nach unten, neben Kirschbäumen findet der Wacholder seinen Platz im Schatten eines großen Nussbaums. Doch im Mittelpunkt des Parks, den Rest der dortigen Botanik im wahrsten Sinne des Wortes überragend, steht majestätisch eine 250 Jahre alte Esskastanie – der Baum des Jahres 2018. Sie wurde wahrscheinlich in den Jahren um 1770 herum gepflanzt. 1770 ist das Geburtsjahr von Ludwig van Beethoven, 1772 wurde des Bau des Mieler Schlosses fertig.

Selbst vier Leute reichen nicht aus, um den mächtigen Stamm zu umfassen. Er hat einen Umfang von sechs Metern, wie Peter Koepp mit dem Maßband nachweist. Der Baum ist 18 Meter hoch, die Krone hat einen Durchmesser von ebenfalls 18 Metern. Der 63-jährige Koepp ist mit seiner Schwester Maria auf dem Lindenhof aufgewachsen. Er wohnt noch im herrschaftlichen Gebäude, seine Schwester lebt heute auf dem unteren Teil des Grundstücks in einem Neubau.

Bei klarem Wetter Blick bis zum Kölner Dom

Maria Garey erinnert sich noch gut, wie sie als Kind im Baum herumgeklettert ist und auch später dort heimlich ihre erste Zigarette geraucht hat. Manchmal nahm sie auch ihr Huhn mit ins Geäst und erteilte ihm ein paar Flugstunden. Die Übungen sollen dem Tier nicht geschadet haben. „Wenn man hoch genug kletterte, konnte man bei klarem Wetter bis zum Kölner Dom schauen“, berichtet Maria Geray. Als Kinder sammelten Peter und Maria die Kastanien ein und verkauften sie kistenweise an die Versteigerung in Roisdorf. „Das war ein schönes Taschengeld für uns“, erinnert sich Maria Geray. „Heruntergefallen bin ich nie“, berichtet Peter Koepp. Er erklärt die kompakte Form damit, dass die Kastanie früher ein Solitär war und nie in Konkurrenz mit anderen Bäumen zum Licht streben musste.

Wie der Heimatforscher Horst Bursch in seiner Ortsgeschichte von Dersdorf schreibt, stammt eine erste ausführliche Darstellung des Lindenhofes, im Volksmund auch „Hääre-Jöötche“ (Herrengütchen“ genannt, aus dem Jahre 1736. Zu ihm gehörten das Haus, der Hof, die Scheune, das Kelterhaus und die Stallungen. Ob die Kastanie um das Jahr 1770 herum auch vom damaligen Gutsherrn Nikolaus von Caspars gepflanzt wurde, ist nicht feststellbar.

Kastanie ist Naturdenkmal

In den 1970er Jahren hat der Rhein-Sieg-Kreis die Lindenhof-Kastanie als Naturdenkmal eingestuft. Seitdem prüfen Fachleute regelmäßig die Standfestigkeit des Baumes. Früher wurden instabile Äste mit Seilen verspannt, heute sägt man das Totholz heraus. Dazu fahren Spezialisten von Straßen NRW mit Kranwagen vor. Neue Triebe stellten das Gleichgewicht zwischen Wurzelwerk und Kronengerüst wieder her. So gabeln sich vier baumstarke Äste ab der Höhe von zwei Metern zu einer lichten Trichterkrone.

In deutschen Wäldern ist die Esskastanie eher selten zu finden. Sie wächst schnell und kommt auch auf trockenen und nährstoffarmen Böden zurecht. Die Esskastanie kam schon vor rund 2000 Jahren ins Rheinland – vermutlich durch die Römer oder aber bereits davor durch den Handel mit dem antiken Griechenland.

Esskastanie mag mildes Klima

Die Geschichte der Esskastanie ist eng mit der Geschichte des Weinbaus verbunden. Das liegt einerseits daran, dass sie ein ähnliches Klima wie der Wein bevorzugt, andererseits ist ihr Holz sehr wetterbeständig, weshalb es lange für die stützenden Streben der Rebstöcke und für die Herstellung von Weinfässern verwendet wurde. Die Früchte, die Maronen, werden vor allem geröstet auf Weihnachtsmärkten angeboten. In einigen Bergregionen rings um das Mittelmeer stellten sie früher das wichtigste Hauptnahrungsmittel dar.

Wegen des milden Klimas fühlt sich die Esskastanie auch im Rhein-Sieg-Kreis wohl, beispielsweise im Siebengebirge. In Zeiten des Klimawandels kommt der mediterranen Pflanze eine neue und sehr wichtige Bedeutung zu. Wenn es auch in unseren Breiten immer wärmer wird, sind Arten, die mit Wärme gut klar kommen, wichtig für den Wald. Deshalb macht es in Einzelfällen Sinn, durch Sturm oder Schädlingsbefall entstandene Lücken im Wald mit Esskastanien aufzuforsten.