Kommunen kämpfen gegen wilden Müll

Illegale Abfälle kosten Rhein-Sieg-Kreis jährlich 500.000 Euro

Rhein-Sieg-Kreis. Bauschutt, Grünabfälle, Altreifen, Säcke mit Hausmüll: Lastwagenweise wird der Unrat einfach in der Natur abgeladen. Die Entsorgung vor Ort übernehmen meist die Bauhöfe, die Kosten trägt der Rhein-Sieg-Kreis.

Das Müggenhausener Maar ist ein abgeschiedenes Wäldchen zwischen den Swisttaler Orten Heimerzheim und Straßfeld, umgeben von Feldern und einer Kiesgrube. Es gehört dem Gutsbesitzer Paul von Boeselager. Es war im Sommer 2016, als er dort eine mehr als unschöne Entdeckung machte. Auf dem Weg, der sein Feld von der Kiesgrube trennt, hatten Unbekannte eine Lkw-Ladung Müll abgekippt: Spanplatten, Türen und Bretter. Nach Meldung durch von Boeselager entsorgte die Swisttaler Gemeindeverwaltung den Unrat – letztlich auf Kosten aller Gebührenzahler.

Wilder Müll ist im gesamten Rhein-Sieg-Kreis ein Problem. Nach Angaben der Rhein-Sieg-Abfallwirtschaftsgesellschaft (RSAG) hat die Entsorgung des in der Natur abgeladenen Unrats im Jahr 2017 rund 480 000 Euro gekostet. Zunächst wird der Müll von Mitarbeitern der jeweiligen Kommunalverwaltung abgeholt und entsorgt.

Stefan Schumacher, der Leiter des Swisttaler Baubetriebshofes, hat einen Mann allein fürs Einsammeln von illegal abgeladenem Müll abgestellt. Stefan Hinsen fährt tagtäglich Parkplätze und Grünanlagen ab. Häufig findet er ganze Wagenladungen Müll, die davon zeugen, dass der Entsorger seine Wohnung renoviert oder einen Schuppen abgerissen hat: Holz, Verkleidungen, Styropor, Kabel.

Allein 970 Tonnen Haushaltsabfall

Die Gemeinde lässt sich die Entsorgungskosten vom Kreis erstatten. Allein in Swisttal macht das jährlich eine Summe von 15 000 Euro aus. Immer häufiger findet Hinsen auch große Mengen Grünschnitt, die nicht auf private Verursacher schließen lassen. Laut RSAG-Sprecher Joachim Schölzel hat sein Unternehmen pro Jahr ein Gesamtbudget von zwei Millionen Euro, aus dem die Entsorgung von wildem Müll und die Entleerung von Papierkörben an Straßenrändern bezahlt werden.

Wie groß das Problem mit wildem Müll ist, kann Schölzel mit Zahlen aus dem vergangenen Jahr belegen. 2017 seien kreisweit 970 Tonnen klassischer Haushaltsmüll von Wiesen und Feldern oder aus Parks und Wäldern eingesammelt worden. Dazu kamen laut Schölzel 40 Tonnen Baustellenabfälle, 37 Tonnen Altreifen – die könne man problemlos bei jedem Autohändler abgegeben, so Schölzel – und 32 Tonnen Holzabfälle. Von Gedankenlosigkeit könne da keine Rede sein, findet Schölzel. „Das ist ein bewusstes Handeln“, sagt er. Aber warum? Um Entsorgungskosten zu sparen? Aus Bequemlichkeit? Auch bei der RSAG kann man nur spekulieren.

Bei Giftstoffen wird die Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Wilder Müll kann mitunter auch richtig gefährlich werden – wenn etwa giftige Stoffe wie Farben, Benzin oder Öl einfach in der Natur „entsorgt“ werden. Darum ist die Angelegenheit auch kein Kavaliersdelikt. Der Kreis sei zuständig hinsichtlich der Verfolgung illegaler Ablagerungen, um zum einen den wilden Müll durch den Verursacher ordnungsgemäß beseitigen zu lassen und zum anderen diese illegale Tätigkeit entweder als Ordnungswidrigkeit zu ahnden oder an die Staatsanwaltschaft abzugeben, sagt Katja Eschmann von der Pressestelle des Kreises.

Die Staatsanwaltschaft werde dann hinzugezogen, wenn eine „erhebliche Umweltgefährdung entsteht, wie zum Beispiel durch die Ablagerung gefährlicher Abfälle wie alte Chemikalien, Asbest oder Altöl“, so Eschmann. Die Verfolgung solcher Taten ist allerdings schwierig. Schließlich müsse genau nachgewiesen werden, wer welchen Müll wo abgeladen hat.

Dazu Eschmann: „Im Jahr 2017 wurden lediglich 14 Verfahren eingeleitet. Sechs Verfahren konnten nicht weiterverfolgt werden, weil unter anderem Zeugen letztlich nicht zur Verfügung standen.“ Die geringe Zahl der Verfahren erkläre sich im Wesentlichen aus der Tatsache, dass bei den allermeisten illegalen Entsorgungen kein Verursacher ausfindig gemacht werden könne und die Beweislage mehr als dürftig sei, heißt es aus dem Siegburger Kreishaus weiter.

Machtlosigkeit macht Betroffene sauer

Diese Sichtweise kann Paul von Boeselager nicht nachvollziehen, er ist ziemlich sauer. Wenn der Staat sich so „zahnlos“ zeige, dürfe man sich nicht wundern, wenn die illegale Müllentsorgung überhandnehme. Er habe seit seiner Anzeige im August 2016 keine behördliche Reaktion erhalten – weder von der Gemeinde und vom Kreis noch von der Polizei. Es werde weiter fleißig Müll auf seinen Feldern abgeladen. Kleinere Menge entferne er selbst, für größere Mengen schicke er inzwischen ein Standard-Fax an die Gemeinde. „Aber es passiert ja eh nichts“, stellt er resigniert fest.

Laut RSAG-Sprecher Schölzel sollten Menschen, die einen Verdacht auf illegale Müllentsorgung haben, „das Herz in die Hand nehmen“ und Anzeige erstatten. Darüber hinaus bleibe nur Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Und die tatkräftige Hilfe zahlreicher ehrenamtlicher Helfer. Seit 2016 rufen die RSAG und die 19 Kreiskommunen jeweils für März dazu auf, zwei Wochen lang intensiv Müll zu sammeln.

Anti-Littering-Kampagne im Kreis

Hinter dem Motto „Wir räumen den Kreis auf“ verbirgt sich eine „Anti-Littering-Kampagne“. Das Wort „Littering“ kommt aus dem Englischen und beschreibt die acht- und rücksichtslose Verschmutzung von öffentlichen Flächen und Räumen durch Müll. In diesem März hatten sich zahlreiche Gruppen, Initiativen, Parteien und Einzelpersonen zwischen dem 17. und 24. März an der Aktion beteiligt. Die RSAG schätzt die Teilnehmerzahl auf 8000 bis 10 000 Menschen.

Auch vor 2016 hatte es in vielen Städten und Gemeinden des Kreises bereits Umweltsäuberungsaktionen gegeben. Mit der Kampagne wolle man als RSAG das unter einen Hut bringen, so Schölzel: „Die Aktion erfreut sich immer größerer Beliebtheit, wenn man das Wort in diesem Zusammenhang verwenden kann.“ Weiter unterstreicht er, wie wichtig der Einsatz der ehrenamtlichen Müllsammler ist: Gebe es diese Menschen nicht, sähe es in der Natur noch viel schlimmer aus.