Gespräch am Wochenende

Hospizkoordinatorin Andrea von Schmude: "Trauer ist keine Krankheit"

Bornheim. Der November ist traditionell der Monat der Trauer und des Gedenkens. Passend dazu startet am Sonntag, 17. November, eine Ausstellung des Ambulantes Hospizdienstes für Bornheim und Alfter zum Thema "Sterben, Tod, Auferstehung - und dann?". Hannah Schmitt hat mit Hospizkoordinatorin Andrea von Schmude über Trauer und Trauerarbeit gesprochen.

Als Hospizkoordinatorin sind Sie nahezu jeden Tag mit Trauer und Sterben konfrontiert. Was machen Sie persönlich, wenn Sie traurig sind?
Andrea von Schmude:
Ich würde nicht sagen, dass ich besser damit umgehen kann. Wenn Trauer hochkommt, ist es gut, das Gefühl anzunehmen und sich vielleicht auch einen Moment Zeit zu nehmen und gezielt hinzuschauen. Man muss die Trauer so nehmen wie jedes andere Gefühl. Es würde ja auch niemand sagen: Verarbeiten Sie mal ihre Freude.

Sie beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit diesen Themen. Wie sind Sie zur Hospizarbeit gekommen?
Von Schmude: Ich bin Krankenschwester, und meine erste Stelle war auf einer Station für Krebspatienten, auf der es viele Knochenmarktransplantationen gab. Zu der Zeit gab es dort aber für Sterben und Trauer keinen Raum. Das war für mich ein Grund in den Palliativbereich zu wechseln. In Berlin wurde damals eine neue Palliativstation eröffnet, da bin ich dann hängen geblieben.

Wie sieht das heute aus? Rücken die Themen mehr in den Fokus?
Von Schmude: Die Hospizbewegung setzt sich seit vielen Jahren dafür ein und hat inzwischen viel erreicht. Es gab vor kurzem erst eine repräsentative Umfrage des deutschen Hospiz- und Palliativverbands zum Thema Sterben in Deutschland. Bei der kam heraus, dass 89 Prozent der Befragten das Wort Hospiz kennen und 66 Prozent es auch erklären können. Daran kann man sehen, dass sich in der Richtung wirklich etwas getan hat.

Wie kann der ambulante Hospizdienst bei der Bewältigung von Trauer helfen?
Von Schmude: Wir führen viele Gespräche mit den Sterbenden, aber auch mit den Angehörigen. Die Familienmitglieder wollen häufig wissen, was sie tun können oder wie überhaupt das Sterben aussieht. Das ist etwas, was wir heute nicht mehr sehen, weil die Menschen nicht zu Hause sterben. Das war bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts anders, zum Beispiel gab es Trauerkleidung. Dadurch, dass das verloren gegangen ist, sind das Sterben und der Tod schwerer zu begreifen. Und das macht auch die Trauer schwer.

Uns fehlen also heute die alten Trauerrituale?
Von Schmude: Rituale sind Symbole an Lebensübergängen. Die Trauerkleidung zum Beispiel ist auch ein Schutz für denjenigen, der sie trägt. Heute sind weder Tod noch Krankheit für andere sichtbar. Das zeigt sich auch in der Statistik: Nach der ist man heutzutage weit über 40, bis man mit dem Tod konfrontiert wird.

Gibt es heute andere Rituale?
Von Schmude: Es gibt kein Rezept, so einfach ist es nicht. Trauer, das sind so viele Gefühle. Man sagt oft, die Trauer muss verarbeitet werden. Aber für mich ist das ein falscher Begriff. Trauer ist eigentlich das Bemühen der Seele, den Verlust zu verstehen und zu begreifen. Es ist keine Krankheit, sondern ganz normal.

Wenn Sie sagen, Trauer verarbeiten ist ein falscher Begriff. Ist dann auch das Wort Trauerarbeit schlecht gewählt?
Von Schmude: Trauerarbeit ist ein sehr guter Begriff. Denn Trauer ist Arbeit, sie ist anstrengend, besonders Gefühle wie Verzweiflung und Einsamkeit zuzulassen. Verarbeitung klingt hingegen so, als könnten man die Trauer wegmachen - was aber nicht geht, denn Trauer bleibt ein Leben lang. Insgesamt kommen aber rund 60 Prozent der Menschen gut mit ihrer Trauer zurecht. Andere sagen hingegen es würde ihnen helfen, mit anderen zu sprechen und vor allem auch die Erlaubnis zu haben, die Trauer zuzulassen.

Haben Sie denn den Eindruck, es ist von der Gesellschaft gewollt, die Trauer möglichst zu verstecken?
Von Schmude: Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Wenn ein Trauerfall eintritt, dann sollen die Menschen schon möglichst schnell wieder funktionieren - sei es am Arbeitsplatz, in der Familie oder der Nachbarschaft.

Wie können wir jemanden trösten, der traurig ist?
Von Schmude: Es ist hauptsächlich wichtig, jemanden sprechen zu lassen, ihm zuzuhören und ihn so sein zu lassen, wie er gerade ist. Außerdem muss man geduldig sein und ihm zeigen: All diese Gefühle sind normal, mit dir ist alles in Ordnung.

Wie kann die Ausstellung da helfen? Es ist ja eher ungewöhnlich, dass ein Hospizdienst eine Ausstellung macht.
Von Schmude: Unsere Aufgabe ist auch, die Themen Sterben und Trauer öffentlich zu machen und den Menschen näherzubringen. Wir machen aber keine Kunstausstellung, sondern eine Mitmach-Ausstellung. An verschiedenen Stationen können die Besucher sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen und sich zum Beispiel an Verstorbene erinnern oder mit den Dingen beschäftigen, die sie in ihrem Leben noch machen möchten.

Es geht also darum, sich selbst mit den Themen zu beschäftigen, damit man später besser damit umgehen kann?
Von Schmude: So ist es. Denn dadurch, dass wir uns wenig mit Sterben, Tod und Trauer auseinandersetzen, ist es oft schwierig, in kritischen Situationen auf diese Denkmodelle zurückzugreifen. Deshalb finde ich es wichtig, sich vorher damit zu beschäftigen. Unsere Gesellschaft muss erkennen: Der Tod gehört zum Leben.

Info

Die Ausstellung wird am Sonntag, 17. November, um 11 Uhr in der Kirche Sankt Walburga in Walberberg eröffnet. Sie ist bis Donnerstag, 28. November, jeweils von 12 bis 18 Uhr geöffnet.

Zur Person

Andrea von Schmude ist 45 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Bonn. Seit 2005 ist sie Hospizkoordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes für Bornheim und Alfter. Insgesamt arbeitet die gelernte Krankenschwester seit 20 Jahren bei Palliativ- und Hospizdiensten, unter anderem in Bonn und Berlin. Von Schmude ist zudem Trauerbegleiterin und personenzentrierte Beraterin.