Linken-Politiker in Bornheim

Gregor Gysi über Trump und den Brexit

Eloquent, witzig und ziemlich selbstsicher: Gregor Gysi bei seinem Besuch in Bornheim.

Eloquent, witzig und ziemlich selbstsicher: Gregor Gysi bei seinem Besuch in Bornheim.

Bornheim. Gregor Gysi sprach vor rund 300 Zuschauern im Bornheimer Ratssaal, über die Linke, Trump, den Brexit, die Jugend und noch vieles mehr.

Gregor Gysi hatte doch eine Krawatte an. Dabei hatte der ehemalige SED-/PDS- und heutige Linken-Politiker in einem kürzlich aufgenommenen Video-Interview gefragt, ob er denn eine Krawatte tragen müsse, wenn er nach Bornheim komme. Ausschnitte dieses Videos sahen die rund 300 Gäste, die am Freitagabend in den Bornheimer Ratssaal gekommen waren, bevor Gysi mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt ins Gespräch kam. Schütt war in den 80er Jahren Chefredakteur der „Jungen Welt“, später Redakteur beim „Neuen Deutschland“ und Mitarbeiter an Gysis Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“.

Aber warum sei er nun doch mit Krawatte gekommen, wollte Schütt von Gysi wissen. Er sei an diesem Tag um 5.30 Uhr aufgestanden, berichtete der 71-Jährige, der unter anderem von 2005 bis 2015 Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag war. Bevor er nach Köln geflogen sei, um nach Bornheim und später nach Bonn zu kommen, habe er Termine im Bundestag und mit verschiedenen Medien gehabt. Eine Krawatte sei da mitunter notwendig gewesen.

Generalist statt Spezialist

Es sei um Griechenland, die Wendezeit, Gesundheitsthemen oder auch Harald Juhnke gegangen. Er sei, wie in seiner Autobiografie beschrieben, ein Generalist, erläuterte Gysi. Während Spezialisten in einem Bereich alles wüssten, aber nichts erklären könnten, sei ein Generalist jemand, der von nichts etwas verstehe, aber über alles reden könne.

Nicht nur an dieser Stelle hatte Gysi die Lacher auf seiner Seite. Witzig, selbstironisch, aber auch ohne Anflug von Selbstzweifeln berichtete er. Etwa wie es war, einer von nur 600 Anwälten in der DDR gewesen zu sein. „Anwalt galt in der DDR als ein bürgerlicher Restberuf, der ausstirbt“, so Gysi. In diesem Beruf müsse man dem Staat widersprechen – was in einer Diktatur eigentlich nicht vorgesehen sei. Ob er es denn einmal bereut habe, in die Politik gegangen zu sein, wollte Schütt wissen. Ja, antwortete Gysi. Nachdem er Ende 1989 letzter Vorsitzender der SED und dann in der Folge erster Vorsitzender der PDS geworden sei, habe ihn eine Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt und gar verachtet. Das sei „sehr anstrengend“ gewesen.

Veranstaltung von Stadtjugendring und Bücherwurm

Geladen zu diesem Abend hatten der Stadtjugendring Bornheim sowie der „Bücherwurm“, der Förderverein der Stadtbücherei. Es war der Auftakt eines Formats mit dem Titel „Generationen verbinden! Generationen miteinander im Gespräch“. Dominik Pinsdorf, Vorsitzender des Stadtjugendrings, steht bereits seit rund drei Jahren mit Gysi in Kontakt. Er habe ihn einst per Brief kontaktiert, um ihm die Idee eines Bundesjugendparlaments näherzubringen, so Pinsdorf. Wie berichtet, gehört der Bornheimer zu einer Initiative, die eine politische Vertretung für junge Menschen auf Bundesebene schaffen will.

Die Idee, Gysi nach Bornheim zu holen, habe schon lange bestanden. Laut dem „Bücherwurm“-Vorsitzenden Bernd Groskopf soll es nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein. Zum Auftakt der Reihe legte Gysi einen Parforceritt durch die Politik hin. Es sei ein Problem, dass Firmen weltweit agierten, es aber keine funktionierende Weltpolitik gebe, meinte er etwa. Apropos Welt. Es gebe heute, dank Internet und Smartphone, einen weltweiten Lebensstandardvergleich. „Wir haben in Europa so gelebt, weil viele Menschen in Afrika gar nicht wussten, wie wir leben“, so Gysis Analyse. Sich vor Migration mit nationalem Egoismus abzuschotten, staue das Problem nur auf, löse es aber nicht.

Von der AfD über den Brexit zu Trump

Argumentativ war der Weg zur AfD da nicht weit. Warum diese gerade im Osten Deutschlands so erfolgreich sei, wollte ein Zuschauer wissen. Dies habe mit der DDR-Vergangenheit der Menschen und ihren Erfahrungen während der Wendezeit zu tun, meinte Gysi. Man müsse den Menschen das Interesse nehmen, die AfD zu wählen. Zu diesem Zeitpunkt war der Generalist längst in Fahrt gekommen. Das Problem der Linken weltweit? Sie machten zu wenig Wirtschaftspolitik, hingen dort zu sehr an der Macht, wo sie abgewählt werden, und seien innerlich zu zerstritten, befand er. Der Brexit? Die Briten hätten nicht begriffen, dass sie keine Weltmacht mehr seien. Lobbyismus? Es müsse das Primat der Politik vor der Wirtschaft gelten. Trump? Ihm müsse öffentlich stärker widersprochen werden. „Eine Roulettekugel ist im Vergleich zu ihm eine gut berechenbare Größe“, so Gysi.

Die „Fridays-for-future“-Demonstrationen von Schülern finde er gut, meinte er weiter. Die Jugend sei nicht rebellisch genug und lasse sich zu viel bieten. Jungen Menschen, die rechtes Gedankengut pflegten, müsse man ein neues Selbstbewusstsein geben. Dafür brauche es unter anderem Chancengleichheit bei der Bildung. Und die Alten? Die sollten das Alter genießen, sich etwas gönnen und daher nicht meinen, alles vererben zu müssen. Und sie sollten gefälligst nicht den ganzen Tag über Krankheiten reden, befand Gysi, der bereits drei Herzinfarkte und ein Hirnaneurysma hinter sich hat. Davon bleibe man nicht gesund.